29. Oktober 2011

J. M. Coetzee: Leben und Zeit des Michael K.

Michael K. kommt mit einer Hasenscharte zur Welt. Diese äusserliche Entstellung ist gepaart mit einem einfachen Intellekt und kein sehr erfolgsversprechender Start ins Leben. Die Mutter lehnt ihr Kind ab und so verbringt Michael K. den Grossteil seiner Jugendzeit in einem Heim. Als junger Erwachsener findet er Arbeit beim Gartenbauamt der Stadt, bleibt aber weiterhin ein Einzelgänger. Als er 31 Jahre alt ist, wird der Wunsch der kranken und bestimmenden Mutter immer fordernder, Kapstadt zu verlassen und auf Land zu ziehen, wo diese aufgewachsen ist. Doch die erforderliche Ausreisegenehmigung lässt auf sich warten. Schliesslich flüchten die beiden mit einer Art Handkarren, in welchen die Mutter eingepfercht ist und der vom Sohn gezogen wird, vor den kriegsähnlichen Zuständen.

Die Strapazen dieser fast unendlichen Reise übersteigen die Kräfte der kränkelnden Mutter. Sie stirbt noch auf dem Weg nach Prince Albert. Mit seinen wenigen verbliebenen Habseligkeiten, etwas Geld und einem Paket, das die Asche seiner Mutter enthält, zieht Michael K. alleine weiter. Er betrachtet es als seine Aufgabe, die sterblichen Überreste der Mutter an ihren Geburtsort zu tragen.

Nach verschiedenen Zwischenfällen, wie der Ausbeutung durch Soldaten, die ihm fast sein ganzes Barvermögen abknöpfen und der temporären Zwangseinteilung in eine Arbeiterkolonne, glaubt der Flüchtling die gesuchte Farm aus Mutters Kindertagen gefunden zu haben. Die Gebäude sind längst verlassen und genau wie das Umland völlig vernachlässigt. Michael K. richtet sich in einer Erdhöhle ein und baut Kürbis und Melonen an.

Völlig auf sich allein gestellt, weiss er nicht recht, wie sein Leben weiter verlaufen soll. Bis anhin hatte sich immer irgendwer bemüssigt gefühlt, ihm Aufträge und Befehle zu erteilen. Es scheint ihm zu genügen, den Rest seines noch jungen Lebens in dieser Abgeschiedenheit zu verbringen. Er möchte den Boden bestellen und sich von seiner Hände Arbeit ernähren. Diese relative Freiheit ist aber ständig von der Angst überschattet, entdeckt zu werden und sie ist auch nur von kurzer Dauer.

Das Buch ist in drei Teile von unterschiedlicher Länge gegliedert. Nach dem umfangreichen ersten Teil, den ich oben kurz zusammengefasst habe, wird der mittlere Teil aus der Perspektive eines Apothekers erzählt, der als Sanitätsoffizier für die Pflege des in ein Wiedereingliederungslager gesteckten Michael K. verantwortlich ist. Dieser Pfleger ist der einzige, der sich intensiv für Michael K., den er durchgehend falsch Michaels nennt, interessiert. Er versucht, an ihn heranzukommen und ihn samt seinen Handlungen und Bewegründen zu verstehen. Im kurzen dritten Teil wird Michael K.‘s Leben nach der Flucht aus dem Lager thematisiert.

Allfällige Berührungsängste gegenüber dem Autor und Nobelpreisträger J.M. Coetzee können Sie getrost ignorieren - lassen Sie sich doch auf eine lohnende (Wieder-)Entdeckung ein!



J. M. Coetzee:
Leben und Tod des Michael K.
Fischer Verlag, 1997/2003

25. Oktober 2011

Geschichten übern Gartenzaun und Neues übern Gartenzaun - DVDs aus dem DDR-TV-Archiv

Dank einer kleinen Notiz mit einer DVD-Empfehlung habe ich in den letzten Monaten bei garstigem Wetter meine heimsportlichen Verpflichtungen immer mal wieder mit Schrebergartengeschichten aus dem DDR-TV-Archiv verbunden. „Geschichten übern Gartenzaun“ ist eine vergnügliche Familienserie aus den frühen 80er-Jahren des letzten Jahrhunderts mit nostalgischem Charme. Die drei DVDs enthalten sieben Episoden mit rund 60 Minuten Spielzeit und handeln von den Beziehungen zwischen den Parzellennachbarn sowie inner- und ausserfamiliären Konflikten. Die Geschichten heissen:
  • Ein warmer Regen
  • Die Bäume schlagen aus
  • Maikühle
  • Wochenendbesuche
  • Vertrauen ist gut
  • Hundstage und
  • Die Leistungsschau

Im Mittelpunkt der Folgen steht Claudia, eine alleinerziehende Mutter von vier Kindern, die einen Garten in der fiktiven Dresdner Kleingartensparte „Ulenhorst“ übernehmen kann. Die älteste Tochter, eine angehende Gärtnerin, hat hier ein tolles Experimentierfeld und die drei jüngeren Geschwister genügend Platz für Kleintierhaltung und zum Spielen. Claudias Freund Manfred ist vom Projekt Schrebergarten zunächst weniger begeistert. Trotzdem packt er immer wieder mit an, denn nicht nur im Garten, sondern auch im stark heruntergekommenen Häuschen gibt es viel zu tun. Mit einer Pinselrenovation ist es nämlich nicht getan.

Nicht alle Parzellennachbarn heissen die Neuankömmlinge herzlich willkommen. Im Ablauf der Jahreszeiten lernt man die Schrebergärtner mit ihren Macken und Vorlieben gut kennen und meint bald, diese persönlich zu kennen und leidet auch mal mit, wenn jemand zu Unrecht des Kaninchendiebstahls verdächtigt wird oder die zwei plötzlich aufgetauchten Enkel sich als grosse Enttäuschung entpuppen.

Für den kommenden Indoor-Sport-Winter bin ich nun ebenfalls gerüstet. Ich habe nämlich entdeckt, dass eine weitere DVD-Box mit dem Titel „Neues übern Gartenzaun“ erschienen ist, so dass ich mich zwar nicht gerade auf Schnee und Eis freue, aber vielleicht mit etwas mehr Begeisterung auf den Stepper stehe als auch schon. Obwohl wegen Todesfall und Ausreise von Hauptdarstellern in die BRD anscheinend gewöhnungsbedürftige Umbesetzungen von Rollen vorgenommen worden sind, freue ich mich also bereits auf das Angucken der nächsten Folgen aus „Ulenhorst“. Falls Sie sich diese DVDs zulegen wollen, bitte daran denken, dass die Qualität nicht mit heutigen Produktionen mithalten kann (was dem Sehvergnügen aber keineswegs abträglich ist).



Geschichten übern Gartenzaun (DVD)
DDR-TV-Archiv / Icestorm Distribution GmbH, 2010

Neues übern Gartenzaun (DVD)
DDR-TV-Archiv / Icestorm Distribution GmbH, 2011

21. Oktober 2011

Noel Kingsbury: Gärten! – Gartengestalter aus aller Welt zeigen ihre privaten Paradiese

Die Arbeiten, sprich Gärten, von Penelope Hobhouse, Arabella Lennox-Boyd, John Brookes, Christine Orel oder Piet Oudolf sind dem interessierten Publikum hinlänglich bekannt oder ausführliche Informationen lassen sich zumeist relativ einfach beschaffen. Doch wie sieht wohl der nichtöffentliche Garten eines professionellen Gartengestalters aus? Wird hier zum Ausgleich zur beruflichen Tätigkeit frischfröhlich nach Lust und Laune gebuddelt und eingepflanzt oder wird zuerst ein durchdachtes Konzept erstellt? Antworten auf diese Fragen finden sich in Noel Kingsburys Buch „Gärten!“, das hinter die privaten Hecken von fünfundzwanzig Gartengestaltern aus aller Welt blicken lässt.

Die illustrierten Portraits sind aufgeteilt in einen erzählenden Teil, eine Kurzbiografie, eine Auflistung öffentlich zugänglicher Gärten des entsprechenden Designers und eine Doppelseite mit dessen ausgewählten Lieblingspflanzen. Diese hier vorgestellten privaten Gärten, die teilweise auch als Schaugärten dienen, sind nicht minder verschieden als die kreativen Köpfe dahinter und dies liegt nicht nur daran, dass diesen in verschiedenen Klimazonen liegen. So finden sich im Garten der ehemaligen Malariaforscherin Christine Facer ein „Garten der kosmischen Evolution“ und ein Eingang ins Chaos-Tor (Chaos-Theorie). Dieser Garten ist nämlich ein Synonym für die wissenschaftlichen Interessen seiner Gestalterin, in welchem sich wie in einem Buch lesen lässt.

Katie Lukas aus Grossbritannien hat sich ihr Wissen durch learning by doing und einem Fünftagekurs in Planung der English Gardening School angeeignet. Sie gibt denn auch an, nur ungern vor einem weissen Blatt Papier zu sitzen, das mit kreativen Ideen gefüllt werden soll. Glücklich ist, wer wie die Gartengestalterin Jacqueline van der Kloit von sich behaupten kann, nicht zu arbeiten, sondern sein Geld mit einem bezahlten Hobby verdienen zu können und sich auch nicht vorstellen kann und will, in Rente zu gehen und sogar das Urlaubsende herbeisehnt!

Cleve West besitzt in der Stadt einen Mini-Garten, der nur beschränkt Raum für Experimente zulässt, weshalb er und seine Partnerin zusätzlich einen Kleingarten gepachtet haben, wo die beiden viel Gemüse anbauen. Mindestens so wichtig wie das Gärtnern ist den beiden das Treffen mit Freunden und Gartennachbarn. Und nicht zuletzt ist der Schrebergarten ein guter Ideenlieferant, auf den West schon beim Verfassen einer Fernsehkomödie oder beim Schreiben seines aktuellen Buches „Our Plot“ zurückgegriffen hat.

Neben den bereits weiter oben im Text erwähnten Namen werden die folgenden Gartengestalter in Wort und Bild vorgestellt: James Alexander Sinclair, Julian und Isabel Bannermann, Sue Berger, Roberto Burle Marx, Tracy DiSabato, Nancy Goslee Power, Naila Green, Isabelle Greene, Raymond Jungles, Jantiene T. Klein Roseboom, Ulf Nordfjell, Mien Ruys, Lauren Springer Ogden und Scott Ogden, Tom Stuart-Smith, Joe Swift und James van Sweden.

Über verschiedene der hier vorgestellten Gartengestalter und ihre Gärten habe ich schon öfters in einschlägigen englischen Publikationen gelesen und fand es nun sehr interessant, für einmal über deren privaten Paradiese zu lesen und Fotos aus denselben zu betrachten. Weitergehende Informationen über die Gartengestalter und Gartengestalterinnen finden sich im Serviceteil des Buches, wo neben einem Register und einer Liste mit Veröffentlichungen der portraitierten Gartendesigner auch deren Internet-Adressen aufgeführt sind.



Noel Kingsbury:
Gärten! – Gartengestalter aus aller Welt zeigen ihre privaten Paradiese
Deutsche Verlags-Anstalt, 2011

17. Oktober 2011

Susanne Mittag: Sternenkraut

Die dreizehnjährige Stella hat einen besonders ausgeprägten grünen Daumen. Statt mit anderen Mädchen in ihrem Alter zu spielen, spricht sie lieber mit Pflanzen und hängt im väterlichen Blumenladen herum. In der Schule wird sie denn auch Kräuterhexe genannt. Stellas Mutter Flora ist gestorben als sie zwei Jahre alt war. Eben hat das Mädchen zufällig herausgefunden, dass es sich bei der Zweitsprache, die sie von klein auf beherrscht und die sonst niemand aus ihrem Umfeld spricht und versteht, nicht um Walisisch handelt, wie sie immer geglaubt hat, und ist über diese Entdeckung ziemlich verwirrt. Während sie sich immer noch über ihre speziellen Sprachkenntnisse wundert, steht plötzlich ein seltsam gekleideter Mann mit Gehrock und Zylinder samt einer seltsamen Pflanze vor ihrer Haustüre. Der Fremde spricht ihre unbekannte Sprache und sucht nach einem Schlüssel, den Stella später bei den Sachen ihrer Mutter findet.

Tags darauf wird sie von einem seltsamen Jungen namens Kian angerempelt und in eine Falle gelockt. Unvermittelt findet sie sich dank Hilfe des Schlüssels in einer fremden Welt wieder, in welcher die Zeit ums Jahr 1900 stehen geblieben ist. Stella soll mit Kian und dem Mann, der bei ihr zuhause vor der Türe gestanden hat, eine Mission erfüllen. Ziel ist, möglichst viele Pflanzen aus einer Höhlenwelt zu besorgen, damit Kians schwer kranker Vater und viele andere Patienten mit einem Extrakt aus dem Gewächs geheilt werden können.

Da Stella der magische Schlüssel weggenommen worden ist, kann sie nicht mehr zurück zu ihrem Vater und muss wohl oder übel mit in die Höhlenwelt. Dort dienen Pilze als Lichtquelle und erlauben sogar das Wachsen von Kopfsalat, Broccoli, Rotkohl, Bohnen und Kräutern. Hier wird Stella auch erstmals als Pflanzenflüsterin bezeichnet und sie erfährt von einer anderen Pflanzenflüsterin den Namen der gesuchten Pflanze: Sternenkraut. Das Gewächs soll einen festen Stängel aufweisen und grasähnliche fingerlange Blätter und rote Blüten haben.

Die Suche nach der Heilpflanze führt durch dunkle Höhlen und Gänge und sie entpuppt sich als lebensgefährliches Abenteuer. Gleichzeitig kommt Stella dem Ursprung ihrer Begabung als Pflanzenflüsterin auf die Spur und sie findet heraus, weshalb sie die Sprache des Höhlenvolks spricht und warum sie überhaupt einen Schlüssel besitzt, der die Magie des Reisens in andere Welten und die Magie der Sprache in sich trägt.

Spannendes Jugendbuch auch für Erwachsene! Ein lohnender Spontankauf, zurückzuführen auf eine zufällige Entdeckung in einer Buchhandlung. Ausschlaggebend für die Auswahl waren das ansprechende Titelbild und die Entdeckung, dass eine wichtige Figur im Buch den nicht sehr geläufigen Namen einer mir nahestehenden Person trägt.



Susanne Mittag:
Sternenkraut
Verlag Carl Ueberreuter, 2011

13. Oktober 2011

William Graffam: Ach, du liebes Grün! Wie der Mann meiner Frau zum Gärtner wurde

Schon der Titel dieses humorigen Buches lässt vermuten, dass da einer nicht ganz freiwillig in der Erde herumwühlt. Es ist denn auch die Frau des erzählenden Pastors, die lange von einem Garten geträumt hat und diesen Wunsch nach einem Umzug aufs Land endlich Wirklichkeit werden lassen will. Schliesslich steht nun rund um die Pfarrei ein grosses Stück Land zur Verfügung, dass nur darauf wartet in einen prächtigen Garten Eden verwandelt zu werden.

Die treibende Kraft im Projekt Garten, sprich die Pfarrersfrau, versucht also, ihren Mann mit ihrer Begeisterung anzustecken. Sie probiert es mit aufmunternden Worten wie „du brauchst unbedingt sportliche Betätigung und frische Luft!“. Oder „Gartenarbeit ist gesund und du nimmst Anteil an der Schöpfung“, worauf der Pastor kontert, er betrachte gärtnern nicht als Schöpfung sondern Erschöpfung.

Als Graffam dieses Buch verfasst hat, konnte er auf einige Jahre praktischer Erfahrung im grünen Bereich zurückblicken und berichtet nun unter dem Titel „Ach, du liebes Grün!“ über seine Erlebnisse beim Aneignen diverser zweckdienlicher Fertigkeiten rund ums Haus. Dabei hat er nicht vergessen anzumerken, der tiefere Grund für das Schreiben dieser Zeilen diene dazu, auf ihn und andere Leidensgenossen aufmerksam zu machen und ihnen die zustehende Portion Mitleid zukommen zu lassen.

Beim Lesen der Kapitelüberschriften wird Neugierde geweckt und die Vorfreude auf hortikulturelle Anekdoten wächst bei Titeln wie „Rasen(d) mähen“, „Feindesland“, „Garten-Moden“, „Leichtbauweise“ oder „Von wegen gesund“. Beim Weiterlesen wird der gärtnernde Leser nicht enttäuscht. Da berichtet Pastor Graffam, warum er es lieber gesehen hätte, wenn im Fernseh-Krimi ein Hersteller von Fertig-Gartenhäusern ermordet worden wäre statt des Erbonkels. Hat Graffam beim Aufstellen eines solchen das 2. Gebot doch etwas überstrapaziert. Etwas mehr Begeisterung zeigt der Autor, ein gebürtiger Amerikaner, für die Idee seiner Liebsten, einen englischen Garten anzulegen. Schliesslich gelten die Engländer ja nicht als so fleissig wie die Deutschen, woraus er schlussfolgert, dass ein englischer Garten ein Synonym für einen pflegeleichten Wald- und Wiesengarten ist.

Herrlich erfrischende Lektüre!



William Graffam:
Ach, du liebes Grün! Wie der Mann meiner Frau zum Gärtner wurde
Kosmos Verlag, 2011

9. Oktober 2011

Christine Trüb: Die Liebe der beiden Frauen zu den Gärten

In einer Buchhandlung wird eine Frau gleich beim ersten Satz einer Neuerscheinung mit dem Titel „Une vie discrète“ vom Geschriebenen gefesselt. Sie fühlt sich um ein paar Jahre zurückkatapultiert, als sie sich genau wie die Romanfigur mit einem weissen Zettel in der Hand aufmachte, einem ihr bis anhin unbekannten Menschen Platz in ihrem Leben einzuräumen. Während der Suche der richtigen Adresse nochmals zögerlich überlegend, ob es tatsächlich angebracht ist, eine lange verborgene Liebe ans Licht zu zerren und einen Menschen kennenzulernen, der im Parallelleben ihres Vaters ohne ihr (der Tochter) Wissen über Jahrzehnte einen wichtigen Platz innehatte. Möchte sie tatsächlich ihr bis anhin unbekannte Seiten am Vater entdecken? Einem Mann, den sie so gut zu kennen geglaubt hatte? Und feststellen müssen, dass ihre Wahrnehmungen und Gefühle nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmten? In ihr Zögern mischten sich Erinnerungen daran, wie immer wieder das Telefon dreimal kurz läutete und abrupt verstummte und der Vater entgegen seinen üblichen Gewohnheiten jede Gelegenheit nutzte, lange Telefongespräche zu führen – sobald die Mutter ausser Haus war.

Die Tochter hat damals mit dem Zettel in der Hand den kleinen Schritt mit grossen Folgen gewagt und die Geliebte ihres Vaters in ihr Leben gelassen. Sie hat erfahren, wie sich die beiden kennengelernt haben, hörte von einer nicht lange dauernden Trennung und der Wiederaufnahme der Fernbeziehung und wie nahe sich ihr Vater und diese Frau trotzdem waren, von den Träumen der beiden und der unerfüllten Sehnsucht, nach England zu ziehen und ein gemeinsames Leben zu beginnen. Warum hat den beiden der Mut dazu gefehlt? Die Mutter und Frau des Vaters hat irgendwann von der Geliebten ihres Mannes erfahren. Während ihre Welt auseinanderbricht, sie nach Gründen und Erklärungen sucht, weigert sich der Mann zu reden und verharmlost die angeblich längst beendete Beziehung.

Die Dreiecksgeschichte wird abwechslungsweise erzählt aus der Sicht der Tochter, der seit Jahrzehnten verheirateten Frau und – kursiv gedruckt – aus der Sicht der Geliebten, die sich mit gestohlenen Stunden, abverdient durch stundenlange Hin- und Rückreise per Bahn und ab und zu einem Wochenende an einer Tagung begnügen musste. Im Übrigen blieben ihr nur Briefe und Telefonate, nämlich Rückrufe auf ihre Klingeltonsignale. Während die Geliebte sich ein Leben an der Seite des starken Charakterkopfes mit Reisen, interessanten Begegnungen und Bekanntschaften gewünscht hat, erfährt man von der Frau von den schwierigeren Seiten des unbeugsamen Gatten, der in der Familie sehr autoritär auftritt.

Die beiden Frauen teilen aber nicht nur über mehrere Jahrzehnte ihre Liebe zum gleichen und doch anderen Mann. Beide haben eine wichtige Beziehung zu ihrem Garten. Die Schönheit des Gartens, der um das Haus herumführt, wo die leidigen Klingelzeichen ertönten, und ihre Zwiegespräche mit Pflanzen trösteten die Ehefrau über ihre Enttäuschung, Wut und das Unausgesprochene, das aus der andauernden ausserehelichen Beziehung ihres Ehemannes resultierte, hinweg. Die Geliebte hingegen träumte jahrelang davon, ihre grosse Liebe in ihrem Garten begrüssen zu können. Erst als der Vater 91jährig ein Pflegefall wird und die Ehefrau im selben Heim keinen Platz findet, können er und die Geliebte die letzten ihm noch verbleibenden Monate zusammen als Paar verbringen und das Doppelleben wird erst durch seinen Tod beendet.

Eine sehr stimmig geschriebene Dreiecksgeschichte. Schade habe ich erst im Nachhinein von der Lesung aus diesem Buch Ende September in Zürich erfahren.


Christine Trüb:
Die Liebe der beiden Frauen zu den Gärten
Limbus Verlag, 2011

5. Oktober 2011

Cordula Hamann: Die schönsten Gärtnereien – Entdecken, stöbern, geniessen

Cordula Hamann nimmt den Leser in ihrem aktuellen Buch mit in 23 Erlebnisgärtnereien in Deutschland, Österreich und der Schweiz. In den vorgestellten Betrieben lässt sich nicht nur nach teilweise sehr speziellen Gartenschätzen suchen, in Schaugärten lassen sich gleichzeitig Ideen für Farb- und Strukturkombinationen im heimischen Garten finden, fachkundige Beratung inklusive.

Jede Gärtnerei wird in einem sechsseitigen Portrait in Wort und Bild vorgestellt. Da gibt es beispielsweise eine Gutsgärtnerei, die von alten schützenden Backsteinmauern umfriedet ist. Zwei initiative Frauen haben das lange unbenutzte Gärtnereigelände mit einem durchdachten Konzept aus dem Dornröschen- oder besser Distel-Schlaf geweckt.

Die Auszeichnung spezielle Pflanze muss nicht gleichbedeutend mit einer exotischen Herkunft sein. Besonders eindrücklich kommt diese Tatsache in den Portraits über den Allgäuer Kräutergarten und die Wildstaudengärtnerei von Patricia Willi in der Nähe von Luzern zum Ausdruck. Schliesslich ist es kein Geheimnis, dass einheimische, der Witterung angepasste Sorten nicht nur einen Standortvorteil für sich verbuchen können. Und bei Patricia Willi wird getreu dem Motto „die Natur ist nicht Rahmen, sondern Inhalt“ streng nach biologischen Richtlinien und Demeter-Grundsätzen gegärtnert. Das Sortiment umfasst über 500 verschiedene Wildstauden, was ungefähr einem Sechstel der Wildpflanzen in der Schweiz entspricht. Zu den weiteren vorgestellten Betrieben gehören die Duft- und Wandelgärtnerei Schobel, die Stadtgärtnerei Zürich, die Rosenschule Ruf und die Staudengärtnereien Gaissmayer, Ewald Hügin und Sarastro.

Im Serviceteil sind alle Betriebe mit Anschrift und Webadressen aufgelistet. Das Buch enthält leider kein Register. Vermisst habe ich eine Länderkarte, aus der mühelos die Lage der mir (noch) unbekannten Gärtnereien ersichtlich ist. Die Auswahl der Gärtnereien dünkt mich etwas willkürlich. Die Schweiz ist zwar klein, aber so klein wie das Gebiet, in welchem sich die vorgestellten Betriebe befinden ist sie denn doch nicht und auch in anderen Regionen gibt es interessanten Gärtnereien zu entdecken. Für einen allfälligen Folgeband wüsste ich jedenfalls ein paar Betriebe, die eine detaillierte Erwähnung wert wären.

Nichtsdestotrotz ein schön gestalteter und informativer Gärtnereiführer – zum Mitnehmen auf eine Reise allerdings eher zu schade. Interessant und inspirierend ist das Buch wohl weniger für diejenigen, die die portraitierten Betriebe bereits kennen, als für Gartenbegeisterte, die noch am Anfang des „Spezialisierens“ stehen. Also für jene, die vielleicht nicht mehr zufrieden sind mit dem allenthalben erhältlichen Standardsortiment an Pflanzen und sich eine grössere Auswahl wünschen. Bei der Lektüre habe ich bedauert, nicht schon früher von den interessanten Gärtnereien in Kehl und mitten in Frankfurt gewusst zu haben. Besonders dem Betrieb mitten in der Grossstadt hätte ich liebend gerne einen Besuch abgestattet. Immerhin bleibt mir als schwacher Trost, dass der Oktober sowieso nicht die optimalste Jahreszeit dafür gewesen wäre. Dank des Buches habe auch ich von einigen mir bis dato unbekannten Betrieben erfahren und hoffe nun, dass sich bald einmal die Gelegenheit ergibt, meine Liste der bereits besuchten Gärtnereien, auf der bereits Namen wie Ewald Hügin, Sarastro, Gaissmayer, Landhaus Ettenbühl und Seleger Moor stehen, zu erweitern.



Cordula Hamann:
Die schönsten Gärtnereien
Deutsche Verlags-Anstalt, 2011

1. Oktober 2011

Ursula Steen: Mein grosses grünes Dingsda – Hobbygärtner in Aktion

Auf der Suche nach Büchern mit gärtnerischem Hintergrund bin ich in letzter Zeit immer wieder auf den mittlerweile dritten Titel von Ursula Steen gestossen. Obwohl mich die ersten beiden Vorgängertitel nicht wirklich begeistert haben, habe ich meine Vorurteile bei Seite geschoben und das neueste Büchlein mit dem etwas seltsamen Titel trotzdem gelesen. Nach der Lektüre bin ich nicht ernüchtert, aber eben auch nicht begeistert. In etwa entsprach diese nämlich genau meinen nicht sehr hohen Erwartungen.

Der Roman wird wiederum von Viola in Ich-Form und in Alltagssprache erzählt und er führt durchs Gartenjahr. Nun gibt es Romanhelden und –heldinnen, die einem sofort oder mit jeder gelesenen Seite mehr ans Herz wachsen. Die Erzählerin Viola ist mir nicht besonders sympathisch. Zwar hat sie durchaus positive und bewundernswerte Attribute, aber ich glaube, wenn wir uns begegnen würden, wären wir uns nicht ganz grün. Achtung zolle ich Viola beispielsweise für die aufopfernde Pflege und Betreuung ihrer dementen Schwiegermutter und ihrer Offenheit betreffend immer wieder aufkommenden negativen Gefühlen, die diese Herausforderung in ihr auslösen. Sehr gut nachvollziehen kann ich auch ihren Ärger, wenn sie vom Nachbarn berichtet, der skrupellos öffentlichen Raum als privat besetzt und ungeniert als sein Eigentum betrachtet. Interessant ist auch die Idee von Violas Freundin, eine Pflanzenklappe aufzustellen, in welcher kränkelnde Topfpflanzen oder anderes Grünzeug abgegeben werden können, die dann liebevoll aufgepäppelt werden.

Zuweilen lässt es sich während der Lektüre über Stellen schmunzeln, die sicher nicht als witzig angedacht waren – da liest man beispielsweise von einem Kiefernorthopäden und überlegt, wie wohl eine Zahn(wurzel?)behandlung an diesem Nadelholzgewächs abläuft … Und wenn in Gartenbüchern immer wieder von „Züchten“ die Rede ist, wo es eigentlich um Hege und Pflege von Pflänzlein geht, ändert dies nichts daran, dass der Ausdruck halt doch nicht stimmt. Die drei Hobbygärtner-Bücher von Ursula Steen werden als Romane bezeichnet – ich hatte jedoch bei allen das Gefühl, dass sie stark autobiographisch sind. Vielleicht könnte die Autorin in einer allfälligen weiteren Fortsetzung diese Vermutung ja mal bestätigen oder entkräften.

So, genug genörgelt. Jetzt bleibt mir nur noch zu überlegen, ob ich den im Büchlein recht detailliert beschriebene Roman „Geh, wohin dein Herz dich trägt“ von Susanne Tamaro doch endlich man lesen soll.



Ursula Steen:
Mein grosses grünes Dingsda – Hobbygärtner in Aktion
Books on Demand, 2011