24. Februar 2014

Anne Wareham: The Bad Tempered Gardener

Ann Wareham hat mit „The Bad Tempered Gardener“ gleichzeitig eines der spezielleren wie auch der lesenswertesten Gartenbücher der letzten Jahre geschrieben. Auf rund 160 Seiten tut sie ihre Meinung zu den verschiedensten hortikulturellen Themen kund und nimmt dabei kein Blatt vor den Mund. Logisch, dass sie sich damit nicht nur Freunde macht. Erwarten Sie also weder ein „how-to-do-book“ noch eines, in dem die Aussagen eins zu eins mit üblicherweise verbreiteten, oft geschönten und/oder immer wieder ungeprüft übernommenen Ansichten übereinstimmen. Und vielleicht geht es ihnen ja wie der Sofagärtnerin und Sie denken während der Lektüre immer mal wieder, Sie selber hätten der Autorin Teile des Textes vordiktiert oder zumindest Gedankenanstösse geliefert.

Die Titel der Kapitel in unterschiedlichen Längen erscheinen ganz unverfänglich und lauten etwa:
- Plant Obssessives
- Deadheading
- New Media
- The Veg Plot
- Show Gardens
- Visitors oder
- A History of the Site

Einzelne Überschriften lassen aber doch schon etwas Aufmüpfigkeit durchschimmern: 
 - Truth and The Garden World
-  I hate Gardening
-  Experts und
-  Are Gardens for Gardeners?

Für sie enttäuschende Besuche in bekannten und vielgelobten Gartenanlagen führen der Autorin vor Augen, dass ihr eigener Garten mit strenge Linien und Mustern strukturiert sein muss. Grösstmögliche Wirkung erzielt sie mit Wiederholungen von unzähligen gleichen Pflanzen und sie will keinesfalls einen Sammlergarten anlegen. Da nur beschränkte finanzielle Mittel zur Verfügung stehen, um einen vergleichsweise grossen Garten mit Grünzeug zu füllen, nutzt Anne Wareham Pflanzen gewissermassen als Waffen, die grosse Flächen schnell und günstig überwachsen sollen.

Anne Wareham ist selber nicht unendlich fasziniert von Pflanzen, sondern betrachtet diese in erster Linie als Werkzeug, um ihre Ideen von Gartengestaltung umzusetzen. Ihre Vorliebe gilt nicht minimalen Unterschieden in Blüte und Struktur, sondern grosszügigen Effekten. So beklagen sich ihre Gartenbesucher immer mal wieder über ihre angeblich langweiligen Pflanzen. Doch wem muss der Garten eigentlich gefallen? Der Gärtnerin oder dem Besucher?

Gartenwege sind mit Enttäuschungen gepflastert. Die Autorin selber liebt Showgärten – aber nicht wegen der dort präsentierten Gärten, sondern wegen der Begegnungen. Und sie ist selber enttäuscht, wenn sie in der Gärtnerei ein Auge auf eine bestimmte Pflanze geworfen hat, und sich diese als unverkäufliche Mutterpflanze entpuppt. In ihrer Tätigkeit als Journalistin hat sie ausserdem gelernt, von ihr verfasste Text nie in der endgültigen oft zur Unkenntlichkeit gekürzten Druckversion zu lesen, um sich so manchen Dämpfer zu ersparen. Ebenfalls ein Thema sind die unterschiedlichen Status von Gartenschriftstellern, Gartenbesitzern und Fotografen, die in direktem Zusammenhang damit stehen, dass die meisten Leser nicht lesen, sondern Bilder anschauen (darum heisst es ja auch lesen …).

Die Autorin berichtet von ihren eigenen Erfahrungen mit der Produktion von TV-Sendungen und macht sich Gedanken die Veränderung von Technologien und die Auswirkungen von Neuen Medien wie Blogs und Twitter auf das Gärtnern. Für ihre Idee, ein Buch mit ungeschönten Kritiken über Gärten zu verfassen, fand sie bis jetzt keinen Verleger. Doch ist wirklich alles Mainstream? Die Geschmäcker und Ansprüche sind nun mal wie die Hintergründe und Erwartungen der Betrachter verschieden.

Weiter berichtet Anne Wareham offen über ihre eigenen Erfahrungen mit (unbefriedigenden) Chemieeinsätzen im Garten und listet Tätigkeiten auf, die sie nie erledigt. Dazu gehören das Wenden des Komposts, Blumentöpfe schrubben, Rasenkanten schneiden und das Reinigen von Gartenwerkzeug. Sie erzählt von (beinah) gebrochenem Herzen, wenn Kaninchen in kürzester Zeit mühsam gezogene Pflänzlein zerstören, von der Leere, die sie empfindet, wenn sie Gartensendungen mit vielen hübschen Bildern und wenig Informationsgehalt im Fernsehen ansieht und vom Zwiespalt zwischen den Erwartungen von Gastgebern und Besuchern in offenen Gärten.

Aus den Fotos im Buch ist unschwer zu erkennen, dass der Garten der Autorin viel Schneidearbeit mit sich bringt. Kein Wunder ist in dieser Publikation nicht von Gelassenheit und pflegeleichten Gärten die Rede, sondern von vergänglichem Enthusiasmus sowie Kummer und Anstrengung (aber natürlich auch von Erfolgserlebnissen und der Liebe zur Natur!). Und Anne Wareham vergleicht die Hausarbeit mit Gärtnern und meint, staubfrei sei identisch mit unkrautfrei. Stimmt nicht! Oder vielleicht doch ein bisschen?



Anne Wareham: 
The Bad Tempered Gardener 
Frances Lincoln, 2011

19. Februar 2014

Lucie Flebbe: Das fünfte Foto

In einer Reihenhaussiedlung im Bochumer Stadtteil Gerthe ist eine Frau seit ungefähr drei Wochen nicht mehr gesehen worden. Es ist aber nicht der Ehemann, der sie vermisst und die Privatdetektei Danner und Ziegler einschaltet, sondern zwei besorgte Nachbarinnen. Währenddessen begibt sich der unbesorgt wirkende Ehemann jeden Morgen mit einem ausreichend grossen Biervorrat in den Schrebergarten und legt abends betrunken die gleiche Strecke in die andere Richtung wieder zurück.

Die Ich-Erzählerin Lila, Tochter eines handgreiflichen Staatsanwalts und einer Luxustrinkerin und seit frühester Kindheit eine Aussenseiterin (früher mit lila Haaren, aktuell immer mit lila Schlabberpulli), empfindet die nachbarschaftliche Fürsorge eigentlich deutlich übertrieben. Doch die Nachbarinnen wollen in der Wohnung der verschwundenen Sabine Kopelski Blut entdeckt haben, worauf sich die beiden Detektive ebenfalls mit einem Reserveschlüssel Zutritt verschaffen und mit einer UV-Lampe „Superlicht 400“ Spuren suchen. Während die aus dem Haus mitgenommenen Beweisstücke untersucht werden, pachten die beiden Detektive einen brachliegenden, völlig vernachlässigten Schrebergarten in der Kolonie „Zum friedlichen Nachbarn“, der direkt an die Parzelle der Kopelskis grenzt.

Das Ermittler-Duo Danner und Ziegler besteht aus dem meist unrasierten Glatzkopf Ben Danner und der deutlich jüngeren 20jährigen Lila Ziegler mit einer Vorliebe für die Farbe Lila. Die beiden unterschiedlichen Charakterköpfe leben zusammen und teilen die Abneigung, sich im Haushalt nützlich zu machen. Dafür übernehmen die beiden Schnüffler neben den Ermittlungen im Schrebergartenmillieu auch gleich noch den verwaisten Zeitungsausträgerjob der verschwundenen Sabine Kopelski und finden rasch heraus, dass die Vermisste in einem Wettbewerb ein teures Auto gewonnen haben soll.


Das Mietobjekt im Schrebergarten entpuppt sich als dschungelähnliches Grundstück voller Brennnesseln und Schlingpflanzen. Doch wenn genügend Bier ausgeschenkt und Bratwürstchen spendiert werden, kommen die Schrebergärtner der angrenzenden Grundstücke immer wieder gerne tatkräftig zur Hilfe und gleichzeitig lässt sich einiges erfahren. In den anderen Parzellen lassen sich gepflegter Rasen und Obstbäume entdecken, aber auch eine gefährliche Geisterschildkröte im Teich und nach amerikanischem Vorbild angelegte Gärten (ungemähtes Gras als Synonym für Präriegras und ein kleiner Teich, der einen kanadischen Bergsee imitiert) oder zu knorrigen Bonsais gestutzte japanischen Ahorne und mindestens so akkurat geschnittene Buchbaumwände. Verdächtig erscheint der neue Teich im Garten der Kopelskis.

Klick – der Kriminalroman wird immer wieder unterbrochen durch ge- und beschriebene Fotos und der Leser fragt sich, werde der Fotograf ist, der rundherum teilweise recht intime Fotos macht – nämlich von den verschiedenen Nachbarn aus der Reihenhaussiedlung, von den Schrebergärtnern und vom auffallend häufig vorfahrenden Pizzakurier.

Lila Ziegler ist botanisch nicht sehr versiert und hat zunächst nicht einmal eine Ahnung, worum es sich bei einem besonders hübschen fünfblättrigen Palmengewächs handelt, das einen Zimmergarten dominiert. Die junge Frau, die bis anhin überhaupt keine Übung hat in Gesprächen unter Frauen, macht während des Buches eine grosse persönliche Entwicklung durch und verwandelt sich vom Opfer in eine selbstbewusste junge Frau, die plötzlich Wert auf ihr Aussehen legt. Daneben liest man auch noch den einen oder anderen Gartentipp und erfährt etwa, wie oder besser worauf man Teichfolien besser nicht verlegt (nämlich auf Spraydosen und anderem Schrott, den man nach dem Motto „aus den Augen aus dem Sinn“ bei dieser „praktischen“ Gelegenheit gleich verschwinden lassen will).



Lucie Flebbe: 
Das fünfte Foto 
Grafit Verlag, 2013

15. Februar 2014

Zuletzt angefangen zu lesen: Lotte Minck – Radieschen von unten

Wie kürzlich erwähnt, habe ich mir schon länger Gedanken darüber gemacht, wie es mit der Sofagärtnerin und dem Bloggen weitergehen soll. Ich habe mich nun dahingehend entschieden, (noch) nicht aufzuhören, sondern die Intervalle zwischen den Beiträgen zu vergrössern. Zusätzlich werden nicht mehr alle Buchvorstellungen gewohnt ausführlich ausfallen.

Und zwar werde ich unter den neuen Rubriken „Zuletzt angefangen zu lesen“ und/oder „Zuletzt ausgelesen“ Bücher in Kurzform vorstellen. Der erste Teil der Buchvorstellung („zuletzt angefangen zu lesen“) wird in etwa der Beschreibung des Buchrückens entsprechen, während der zweite Teil („zuletzt ausgelesen“) einen kurzen Eindruck über die Lektüre enthalten wird. Wenn ich ein Buch aus welchen Gründen auch immer nicht detailliert vorstelle, muss das nicht bedeuten, dass es mir nicht gefallen hat. Meine detaillierten Überlegungen über die Zukunft meiner Bloggerei habe ich hier formuliert.

Nun zum Buch „Radieschen von unten“: Loretta Luchs hat grosse Beziehungsprobleme, denn ihr Freund entwickelt sich immer mehr zum Schmarotzer, der sich auf ihre Kosten ein schönes Leben macht. Um etwas Abstand zu gewinnen, zieht sie während einem kurzfristig erhaltenen Urlaub in den Schrebergarten „Saftiges Radieschen“, wo sie in der Laube ihrer Freundin Diana wohnen darf.

Die Idylle zwischen blühenden Blumen, Vogelgezwitscher und summenden Bienen wird erheblich gestört, als ein Parzallennachbar tot in einer Regentonne gefunden wird. Und es bleibt nicht bei einem Todesfall.  



Lotte Minck: 
Radieschen von unten 
Droste Verlag, 2013

11. Februar 2014

Elizabeth Musser: Der Garten meiner Grossmutter

Seit seinem achten Geburtstag hat Emile de Bonnery jedes Jahr ein etwas merkwürdiges Geschenk und eine dazugehörige Geschichte von seinem Vater erhalten. Im Jahr 1964 erhält er sein Präsent – eine gebrauchte Armbanduhr - bereits Wochen vor seinem Wiegenfest; ohne Geschichte. Diese soll für viele Jahre unerzählt bleiben. Denn mit seiner Mutter und dreiunddreissig Taschen und Koffern zieht der Junge noch im gleichen Jahr zwei Monate vor seinem vierzehnten Geburtstag Hals über Kopf von Lyon weg nach Atlanta. Gleichzeitig verschwindet sein Vater spurlos aus seinem Leben.

Emiles Vater ist schon wiederholt für ein paar Wochen verschwunden, aber jedes Mal zu seiner Familie ins Chateau nach Lyon zurückgekehrt. Emile versteht nicht, warum es diesmal anders sein soll und erhält von seiner Mutter auch keine befriedigenden Erklärungen. Doch während Emile in Atlanta pausenlos auf das Auftauchen seines Vaters oder eine Nachricht von ihm hofft und wartet, fasst er trotz grossem Heimweh nach Frankreich und seiner französischen Grossmutter Mamie langsam Fuss in der Heimat seiner Mutter. Er lernt seine andere Grossmutter kennen und schätzen und wohnt nun in einem reinen Frauenhaushalt. In der Schule ist er mit seinem französischen Akzent und seiner europäischen Kleidung ein Aussenseiter, findet aber Kontakt zu Griffin und Eternity.

Eternity gilt wie Emile als Sonderling. Doch derweilen Emile von Mutter und Grossmutter behütet wird, lebt Eternity in sehr schwierigen Verhältnissen mit ihren beiden Geschwistern und der Mutter in einem alten Wohnwagen. Jedes der drei Kinder hat einen anderen Vater, die aber alle verschwunden sind. Die Mutter ist eine gewalttätige Alkoholikerin. Deshalb hat Eternity schon früh die Verantwortung für ihre jüngeren Geschwister Jake und Blithe übernommen und beschützt diese so gut sie vermag.

Emile versucht Eternity in ihren Bemühungen zu unterstützen und seine Mutter und Grossmutter helfen ihm dabei. Im Garten der Grossmutter können die Kinder etwas aufblühen. Emile zeigt seiner neuen Freundin die Geschenke seines Vaters und seine Tim und Struppi-Bücher. Er erzählt ihr von seinem Verdacht, sein Vater sei ein Spion, und ahnt nicht, wie nah er damit der Wahrheit kommt. Immer wieder sucht er nach Puzzleteilen, die das Verschwinden seines Vaters erklären und für ihn begreifbarer machen und Eternity, verspricht ihm ihre Mithilfe bei der Lösung dieses Rätsels. Doch dann passiert eine furchtbare Tragödie.

Der Leser begleitet Emile während über zwei Jahrzehnten in seiner Entwicklung vom Schüler, über den Studenten bis zum Professor und versteht seine verwirrten Gefühle. Immer will Emile allen Dingen auf den Grund gehen und muss lernen, dass nicht alles verstanden werden kann und muss. Auch ihm helfen Gespräche im Garten seiner Grossmutter, wo er beim Jäten mithilft und schnell entdeckt, dass der Stil zu gärtnern, mit den eigenen Lebenserinnerungen und der Vergangenheit zusammenhängt. Seine französische Grossmutter Mamie arbeitet im Garten wie eine Generalin, die sämtliches Grünzeug in kürzester Zeit in Reih und Glied zu bringen hat. Seine gläubige Grandma Bridgeman hingegen liebt bunte, farbenfrohe Beete, in denen es auch etwas wild zu und hergehen darf. Sie ist es auch, die Emile lehrt, dass das Leben nicht jede Frage beantwortet und es nicht heissen soll „warum ich?“, sondern „was jetzt“? Denn wie im Garten im Frühling die Pflanzen wieder von neuem spriessen, keimt auch in den Menschen immer wieder Hoffnung auf.

Emile und Eternity verlieren sich aus den Augen, doch die Freundin aus Kindertagen macht ihr Versprechen wahr. In ihrer Tätigkeit als Journalistin recherchiert sie über die französische Widerstandsbewegung im zweiten Weltkrieg und entdeckt Verbindungen zwischen Emiles Familie und Klaus Barbie, dem Schlächter von Lyon. Das Buch behandelt noch weitere Themen, wie etwa die Unterschiede zwischen der französischen und amerikanischen Kultur. Was ist schlimmer? Ein Glas Rotwein trinken oder Rassendiskriminierung?

Ein unbedingt lesenswerter Roman, der tief berührt. Die Lektüre ist teilweise niederschmetternd, aber auch traurig-schön und in einer unaufdringlichen Weise immer wieder hoffnungsvoll.  



Elizabeth Musser: 
Der Garten meiner Grossmutter 
Francke-Buchhandlung, 2013

6. Februar 2014

Elke Pistor: Kraut und Rübchen

Die 32jährige Journalistin Katharina Rübchen erbt von ihrer verstorbenen Tante Marion deren in die Jahre gekommenes Häuschen samt riesigem Kräutergarten. Der Kontakt zwischen den beiden Frauen hat sich in den letzten Jahren mehrheitlich auf Glückwünsche und Grüsse zu Festtagen beschränkt. So stimmen die aus Kindertagen stammenden Erinnerungen in Katharinas Kopf nur bedingt mit der Wirklichkeit überein. Frisch getrennt vom Freund, der gleichzeitig ihr Chef ist, hat sie sich kurzentschlossen eigenmächtig ein paar Tage freigenommen, um sich ihr Erbe anzuschauen. Mit den Hochglanzfotos von perfekten Häusern und Gärten, mit denen sie in der Redaktion zu tun hat, hat dieses nicht viel gemeinsam. Auf dem Dach fehlen Ziegel und der Putz blättert ab. Den urbanen Schlauchbalkon gegen einen Garten einzutauschen, scheint plötzlich nicht mehr so verlockend. Doch als frischgebackene Hausbesitzerin hat Katharina zumindest die Pflicht, einmal nach dem Rechten zu sehen, wenn sie schon mal da ist. Und wie sich herausstellt, gehören auch drei immer wieder ausbüxende Ziegen zur Erbschaft.

Ihrem erzürnten Chef muss Katharina versprechen, einen Artikel übers Landleben abzuliefern. Als sie das Tagebuch einer Vorfahrin findet, die darin ab März 1898 ihr Kräuterwissen für die Nachwelt verewigt hat, gedenkt sie, diese Informationen als Aufhänger zu verwenden. Doch als sie sich intensiv in die Lektüre vertieft, findet sie heraus, dass ihre Urururgrossmutter ihre umfangreichen Pflanzenkenntnisse nicht nur zum Heilen und Lindern von Krankheiten eingesetzt hat, sondern eine beliebte Serienmörderin war. Ihre Taten an grausamen Mitbürgern hat sie ausschliesslich zum Wohl und Schutz für andere Dorfbewohner begangen, die sich nicht selber wehren konnten.

Rasch lernt die Journalistin, deren Fachgebiet ursprünglich ebenfalls Kräuter und Heilpflanzen waren, verschiedene Dorfbewohner kennen, die ihr reichlich suspekt erscheinen, und erfährt, dass das Dorf vor einer wahnwitzigen Spekulation gerettet werden muss. Gleichzeitig keimt beim Lesen der eng in verschiedenen Handschriften beschriebenen Kladde zwischen Zeichnungen und Rezepten in Katharina ein verstörender Verdacht auf. Was hat ihre Tante Marion getan? Was erwarten die Dorfbewohner eigentlich von ihr?

Ausgerechnet Katharina Rübchen, die eigentlich nie richtig erwachsen geworden ist, zu Selbstgesprächen neigt und Verbindlichkeiten scheut und in deren Leben Oberflächlichkeiten dominieren, muss plötzlich Entscheidungen treffen und Verantwortung übernehmen. Und während der Tierarzt sich nicht nur für ihren Kater namens Herr Hoppenstedt und die drei Ziegen interessiert, macht sich die Journalistin daran herauszufinden, was es mit der Übereinstimmung von Blumen und Sträussen im Tagebuch mit solchen auf Grabsteinen von längst verstorbenen Personen, die darin erwähnt werden, auf sich hat. Nicht ohne immer wieder zu befürchten, paranoid zu werden ...

Sämtliche Kapitel beginnen mit einer ganzseitigen Illustration über ein Kraut mit Informationen über dessen Pflanzenfamilie und Verwendungsmöglichkeiten. Der in der aktuellen Zeit handelnde Erzählstrang wird immer genau dann durch den zweiten durchs Buch führenden Faden aus der Vergangenheit unerbrochen, wenn es besonders spannend ist und umgekehrt, so dass sich das Buch als richtiger Seitenumdreher entpuppt.  



Elke Pistor: 
Kraut und Rübchen 
Hermann-Josef Emons Verlag, 2013

2. Februar 2014

Tania Krätschmar: Eva und die Apfelfrauen

Pfannenkuchenapfel, Ontario, Schafsnase, Hasenkopf, Eisapfel, Rosenapfel, Silberapfel, Winterprinz, Goldrenette, Zimtapfel – Die fünf gestandenen Berlinerinnen Eva, Nele, Marion, Julika und Dorothee, die zusammen den 50. Geburtstag einer von ihnen feiern, kennen wohl die wenigsten dieser Apfelsorten und ahnen nicht, dass sich das sehr bald ändern wird. Das Quintett hat sich vor vier Jahren bei einem Wochenendseminar unter dem Motto „Selbstverteidigung für Frauen“ kennengelernt und inzwischen sind die unterschiedlichen Frauen längst gute Freundinnen. Im Laufe des Abends kommt plötzlich die Idee von der Gründung einer gemeinsamen WG aufs Tapet. Prompt werden Pläne geschmiedet und zwingende Mindestanforderungen zusammengetragen: ein grosser Aufenthaltsraum, ein Garten, Südterrasse, ein toller hilfsbereiter Nachbar und anderes mehr.

Am nächsten Tag wird der Einfall nicht als Schnapsidee begraben, sondern es werden erste Schritte zur Umsetzung in die Wege geleitet. Das Projekt scheint bereits mangels einer passenden Immobilie zu scheitern, denn auf die euphorisch geschalteten Inserate treffen nur mehr als fragwürdige Angebote ein. Als der Einfall von der Gründung einer Frauen-WG schon beinahe ad Acta gelegt worden ist, findet sich doch noch eine Erblasserin, der die Idee der fünf Freundinnen zu Lebzeiten zugesagt haben muss. Ein Rechtsanwalt informiert das Frauen-Quintett über den letzten Willen der verstorbenen Anna Staudenroos und den damit verbundenen Bedingungen. Zu diesen gehört, dass die fünf Städterinnen mindestens bis im Herbst gemeinsam im Erbstück, einem Haus aus dem Jahr 1908 in Wannsee, wohnen und die Verantwortung für die aktuelle Apfelernte im grossen zur Liegenschaft gehörenden Obstgarten übernehmen.

Die Freude über diese grosszügige Erbschaft wird allerdings deutlich relativiert, als die potentiellen Erbinnen feststellen, dass das Haus samt riesigem Grundstück nicht in Wannsee bei Berlin, sondern in einem gleichnamigen Dorf in der Mark Brandenburg liegt. Bei der Besichtigung präsentiert sich die Apfelbaumwiese als unendlicher Blütentraum in weiss, rosa und pink. Recht schnell werden etwaige Zweifel gründlich ausgeräumt und die Frauen beschliessen einstimmig, sich auf das zeitlich befristete Abenteuer einzulassen – nicht alle mit der gleichen Begeisterung.

Das hortikulturelle Wissen und Interesse der Städterinnen ist ebenfalls unterschiedlich verteilt. Im Garten übernimmt Eva das Zepter und stellt rasch fest, dass Balkongärtnern deutlich weniger anstrengend ist als die Arbeit im Gemüse- und Apfelgarten. Sie träumt aber von einem Blumenmeer und versucht in den etwas vernachlässigten Garten Ordnung zu bringen. Dabei entsorgt sie als erstes unbekannte vertrocknete Knollen auf dem Kompost und erfährt später (rechtzeitig für eine Rettung), dass es sich bei diesen um Dahlienknollen handelt.

Die Dorfbevölkerung empfängt die fünf Frauen eher skeptisch und zurückhaltend, obwohl sich vereinzelt bald Berühungspunkte ergeben. Als besonderes Ekelpaket entpuppt sich der Bürgermeister. Die Apfelernte ist schwere Arbeit und die Verwertung in unendlichen Variationen – inklusive illegalem Schnapsbrennen - erledigt sich auch nicht von selbst. Immerhin kurbelt das unentgeltliche Abgeben von Fallobst die Integration im Dorf an. Parallel dazu müssen die Frauen aber feststellen, dass das Zusammenleben mit guten Freundinnen seine Tücken hat und das Erfüllen der Bedingungen der Erblasserin wird von Landflucht bedroht. Nichtsdestotrotz werden die Erfahrungen rund um die Bewirtschaftung der Apfelbäume in einem Apfelbuch niedergeschrieben: süsse und deftige Rezepte, Tipps zu Lagerung und Verwertung, Märchen zum Thema, Fotos sowie Strick- und Bastelideen mit Anleitungen.

Ein unterhaltsamer Roman rund um eine Frauen-WG mit nicht mehr ganz jungen Bewohnerinnen. Nach dem "Frauen-Sommer" ergeben sich plötzlich neue Perspektiven und das Berliner Stadtleben ist nicht mehr für das ganze Quintett die richtige Lebensform. Jedes Kapitel wird übrigens mit einer passenden Weisheit eingeleitet.



Tania Krätschmar: 
Eva und die Apfelfrauen 
Blanvalet Verlag, 2013