19. Februar 2014

Lucie Flebbe: Das fünfte Foto

In einer Reihenhaussiedlung im Bochumer Stadtteil Gerthe ist eine Frau seit ungefähr drei Wochen nicht mehr gesehen worden. Es ist aber nicht der Ehemann, der sie vermisst und die Privatdetektei Danner und Ziegler einschaltet, sondern zwei besorgte Nachbarinnen. Währenddessen begibt sich der unbesorgt wirkende Ehemann jeden Morgen mit einem ausreichend grossen Biervorrat in den Schrebergarten und legt abends betrunken die gleiche Strecke in die andere Richtung wieder zurück.

Die Ich-Erzählerin Lila, Tochter eines handgreiflichen Staatsanwalts und einer Luxustrinkerin und seit frühester Kindheit eine Aussenseiterin (früher mit lila Haaren, aktuell immer mit lila Schlabberpulli), empfindet die nachbarschaftliche Fürsorge eigentlich deutlich übertrieben. Doch die Nachbarinnen wollen in der Wohnung der verschwundenen Sabine Kopelski Blut entdeckt haben, worauf sich die beiden Detektive ebenfalls mit einem Reserveschlüssel Zutritt verschaffen und mit einer UV-Lampe „Superlicht 400“ Spuren suchen. Während die aus dem Haus mitgenommenen Beweisstücke untersucht werden, pachten die beiden Detektive einen brachliegenden, völlig vernachlässigten Schrebergarten in der Kolonie „Zum friedlichen Nachbarn“, der direkt an die Parzelle der Kopelskis grenzt.

Das Ermittler-Duo Danner und Ziegler besteht aus dem meist unrasierten Glatzkopf Ben Danner und der deutlich jüngeren 20jährigen Lila Ziegler mit einer Vorliebe für die Farbe Lila. Die beiden unterschiedlichen Charakterköpfe leben zusammen und teilen die Abneigung, sich im Haushalt nützlich zu machen. Dafür übernehmen die beiden Schnüffler neben den Ermittlungen im Schrebergartenmillieu auch gleich noch den verwaisten Zeitungsausträgerjob der verschwundenen Sabine Kopelski und finden rasch heraus, dass die Vermisste in einem Wettbewerb ein teures Auto gewonnen haben soll.


Das Mietobjekt im Schrebergarten entpuppt sich als dschungelähnliches Grundstück voller Brennnesseln und Schlingpflanzen. Doch wenn genügend Bier ausgeschenkt und Bratwürstchen spendiert werden, kommen die Schrebergärtner der angrenzenden Grundstücke immer wieder gerne tatkräftig zur Hilfe und gleichzeitig lässt sich einiges erfahren. In den anderen Parzellen lassen sich gepflegter Rasen und Obstbäume entdecken, aber auch eine gefährliche Geisterschildkröte im Teich und nach amerikanischem Vorbild angelegte Gärten (ungemähtes Gras als Synonym für Präriegras und ein kleiner Teich, der einen kanadischen Bergsee imitiert) oder zu knorrigen Bonsais gestutzte japanischen Ahorne und mindestens so akkurat geschnittene Buchbaumwände. Verdächtig erscheint der neue Teich im Garten der Kopelskis.

Klick – der Kriminalroman wird immer wieder unterbrochen durch ge- und beschriebene Fotos und der Leser fragt sich, werde der Fotograf ist, der rundherum teilweise recht intime Fotos macht – nämlich von den verschiedenen Nachbarn aus der Reihenhaussiedlung, von den Schrebergärtnern und vom auffallend häufig vorfahrenden Pizzakurier.

Lila Ziegler ist botanisch nicht sehr versiert und hat zunächst nicht einmal eine Ahnung, worum es sich bei einem besonders hübschen fünfblättrigen Palmengewächs handelt, das einen Zimmergarten dominiert. Die junge Frau, die bis anhin überhaupt keine Übung hat in Gesprächen unter Frauen, macht während des Buches eine grosse persönliche Entwicklung durch und verwandelt sich vom Opfer in eine selbstbewusste junge Frau, die plötzlich Wert auf ihr Aussehen legt. Daneben liest man auch noch den einen oder anderen Gartentipp und erfährt etwa, wie oder besser worauf man Teichfolien besser nicht verlegt (nämlich auf Spraydosen und anderem Schrott, den man nach dem Motto „aus den Augen aus dem Sinn“ bei dieser „praktischen“ Gelegenheit gleich verschwinden lassen will).



Lucie Flebbe: 
Das fünfte Foto 
Grafit Verlag, 2013

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