6. November 2012

Silvio Waser: Das Waldgartenprinzip

Was ist unter Waldgartenprinzip zu verstehen? Hohe Bäume, wenig Licht und in der Folge eher kümmerliche Pflanzen? Diese Antwort kann wohl schon aufgrund der heutigen meist kleinen Parzellengrösse, mit denen sich die Mehrheit der gärtnernden Mitmenschen begnügen muss, nicht ganz stimmen. Denn in solchen Kleingärten sind hohe Gehölze eindeutig fehl am Platz. Silvio Waser definiert das Waldgartenprinzip als Kombination der vier bekannten Gartenbaumethoden Naturgarten, Nutzgarten, Waldgarten und Blumengarten. Die Grundmotivation für die Wahl des in diesem Buch erklärten Anbauprinzips liegt denn auch nicht in einem möglichst hohen Ernteertrag, der oft nur durch den Einsatz von (chemischen) Düngemitteln erreicht wird, sondern in einer Kombination von Ernteglück und Freude an der der Natur und ihren Bewohnern. Dabei gilt als oberste Maxime: „Alles nützt allen“.

Die Bepflanzung im Waldgartenprinzip erfolgt grundsätzlich auf drei Ebenen. Am Boden wachsen beispielsweise Gemüse, Kräuter und Blumen, während sich Sträucher und Beeren die mittlere Eben teilen. Die oberste Ebene gehört kleinwüchsigen (bis höchstens drei Meter hohen) Obstbäumen, die sorgfältig so gepflanzt und gepflegt werden müssen, dass die unteren Pflanzebenen noch genügend Licht abbekommen. Zum Gärtnern gehört auch die Entspannung. Während die Natur sich weitestgehend entfalten darf, mag und soll der Gärtner sich auch mal ausruhen, Tiere beobachten und einfach nur abschalten. Schliesslich ist ein wichtiger Pluspunkt, der für eine Bewirtschaftung nach dem Waldgartenprinzip spricht, die Reduktion der Arbeitsintensivität im Vergleich mit einem herkömmlichen Gemüsegarten.

Damit das Waldgartenprinzip auch zufriedenstellend funktioniert, sollte der Gärtner über gewisse Grundkenntnisse der Mischkultur verfügen. Denn auch Pflanzen haben Vorlieben und ziehen gewisse Nachbarn anderen vor. Silvio Waser weist ausserdem ausdrücklich darauf hin, dass das wichtigste Kriterium bei der Auswahl der grünen Gartenbewohner deren Herkunft ist, denn es sollen unbedingt einheimische Pflanzen bevorzugt werden. Und wie im „richtigen“ Wald sollen auch im Waldgarten Rückzugsnischen für allerlei Getier geschaffen werden. Zweckmässig sind beispielsweise Totholz, Schnittabfälle, Steine oder Laub. Werden die Beetflächen zusätzlich mit geeignetem Material gemulcht, so lassen sich unerwünschte Kräuter und Pflanzen unterdrücken und es muss weniger häufig gejätet werden.

Im Kapitel „Die Pünt“ gibt es lokale Informationen zu lesen. Der Autor erklärt, dass der Ausdruck „Pünt“ für Schrebergärten tatsächlich nur in der Region Winterthur verwendet wird und sogar im nicht weit entfernt liegenden Zürich nicht gebraucht wird. Erwähnt wird auch die neue Püntenregelung, die letztes Jahr für einigen Aufruhr sorgte und über welche auch überregional in den Medien berichtet worden ist. So sollten beispielsweise strikte Regelungen in Bezug auf Farbe der Häuschen oder Grösse der Bauten eingeführt werden.

Der Autor bewirtschaftet einen seiner eigenen Schrebergärten nach dem Waldgartenprinzip. Sein Schlusssatz mit dem Fazit, dass das Waldgartenprinzip in seiner Einfachheit von jedermann umgesetzt werden und mit wenig Aufwand viel Wirkung erzielt werden kann, von der sowohl der Mensch als auch die Natur profitieren können, gipfelt in der logischen Frage: wer mag mitmachen?

Diese im Eigenverlag erschiene Publikation ist grosszügig mit Fotos des Autors illustriert und bereits das zweite Gartenbuch von Silvio Waser. Es kann kurz zusammengefasst als Plädoyer für die Biodiversität bezeichnet werden und ist mit viel Enthusiasmus verfasst, der das Fehlen eines professionellen Lektorats wettmacht. Das erste Gartenbuch des Autors („Spirituelles Gärtnern“) habe ich bereits früher hier vorgestellt und inzwischen auch meine Skepsis (und Hemmungen) überwunden und ihn in seinem Laden besucht, wo er auch ein vielfältiges Gartenbüchersortiment anbietet.

Silvio Waser engagiert sich übrigens nicht nur in seiner Pünt und mit seinen Gartenbüchern für die Natur. Immer wieder erscheinen in der lokalen Tageszeitung Leserbriefe, in denen er sich für mehr Natur in der Stadt Winterthur einsetzt und beispielsweise die Stadtgärtnerei auffordert, zumindest auf den Baumscheiben Wildblumen zu dulden. Er gibt auch seit ein paar Jahren einen Stadtplan heraus, der hiesige Ladengeschäfte auflistet, die ökologische, fair gehandelte, ganzheitlich hergestellte oder besonders originelle Produkte in ihrem Angebot haben.  



Silvio Waser: 
Das Waldgartenprinzip
Neue Wege gehen Verlag, 2012