5. Januar 2014

Andreas Giger: Rosenrot ist mausetot

In einer finsteren Nacht wird der Ich-Erzähler Franz Eugster auf dem Heimweg entlang des geschlossen wirkenden Landgasthofs Hirschen „Ohrzeuge“ eines Mordes. Der Knall und das verdächtige An- und Ausblenden einer Taschenlampe in einem der Gästezimmer veranlassen ihn, der Angelegenheit auf den Grund zu gehen. Und während eine nicht zu erkennende Gestalt im einsetzenden Gewitter rasch davon rennt, versucht Eugster mit dem spärlichen Licht seines I-Phones Licht ins Dunkel zu bringen. Er verschafft sich über eine offene Balkontüre Zutritt in ein Zimmer, wo er auf dem Bett einen leblosen Körper entdeckt.

Bereits zum vierten Mal hat es der Autor Andreas Giger so eingerichtet, dass Franz Eugster über eine Leiche stolpert. Deshalb wird letzterer von der an den Tatort gerufenen Kriminalpolizei auch nicht als Tatverdächtiger eingestuft. Eugsters Schreck über die erneute Entdeckung einer Leiche wird allerdings noch grösser, als er die Identität des Mordopfers erfährt: es handelt sich um die bekannte Gartengestalterin Dr. Graziella Rosengarten.

Eugster hat genau diese selbstbewusste Frau kürzlich zufällig beim Sonntags-Brunch im Restaurant Hirschen als interessante Gesprächspartnerin kennengelernt und bei dieser Gelegenheit von deren erfolgreichen Tätigkeit im Gartenbau und ihrem familiären Hintergrund erfahren. Eugster selber besitzt nur einen kleinen pflegeleichten Garten, hat aber gespannt den Plänen der attraktiven rothaarigen Graziella Rosengarten zugehört, zu denen im Rahmen eines Kooperationsvertrages mit dem bekannten Gartenbauunternehmen Spross die Übernahme von Gartengestaltungsaufträgen und die Entwicklung eines Weiterbildungskonzepts für Gartengestalter gehörten.

In Rücksprache mit der Polizei beginnt der im siebten Lebensjahrzent stehende Eugster zusammen mit seiner deutlich jüngeren Freundin Adelina eigene Ermittlungen anzustellen. Der Schreiberling und die IT-Spezialistin, die früher zur Hacker-Szene gehört hat und immer noch gute diesbezügliche Kontakte pflegt, sind bereits ein eingespieltes Schnüfflerpaar. Eine erste Spur vermuten die beiden im Song „Rosenrot“ der deutschen Band „Rammstein“ und die beiden Hobbyermittler versuchen zu ergründen, ob sich in diesem und im Märchen „Schneeweisschen und Rosenrot“ versteckte Botschaften finden lassen. Weitere Stichworte sind Datendiebstahl und der Zugriff auf das digitale Tagebuch der ermordeten Gartengestalterin sowie die spektakuläre Neuzüchtung Platahorn, eine Kreuzung aus Ahorn und Platane.

Weisheiten aus verschiedenen Kulturkreisen leiten jeweils die neuen Kapitel ein. Darunter sind kurze Texte von Gabriella Pape, Rabindranath Tagore, Mark Twain und Karl Foerster. Die Handlung selber wird immer wieder unterbrochen durch Erpresserbriefe, mit denen eine gewisse Amanda Raggenbass im Auftrag der Aceracea dreiste Forderungen stellt. Diese untermalt sie mit von Woche zu Woche mehr Aufmerksamkeit erregenden rufschädigenden Handlungen gegenüber dem Unternehmen Spross wie etwa ein Anschlag auf die Baumschule, das in Umlauf bringen von falschen Gerüchten und eine Mahlzeitenvergiftung. Erreicht die Erpresserin ihr Ziel, einen Liegenschaftenkomplex in einem aufstrebenden Quartier in Zürich erwerben zu können?

Teilweise sind die Lebensläufe von Personen in diesem Krimi mit Appenzeller Lokalkolorit aus "richtigen" Biografien entlehnt. So spielen das bekannte Gartenbauunternehmen Spross und dessen aktuelle Geschäftsführerin eine wichtige Rolle. Und der der berufliche Hintergrund der ermordeten fiktiven Gartengestalterin weist starke Parallelen mit der Vita eine bekannten Frau aus der Gartenszene aus. „Rosenrot ist mausetot“ ist eine anregende Verknüpfung von Fiktion und Tatsachen. Und obwohl die Leserin recht früh auf eine Fährte geführt wird, die sich schliesslich als die richtige entpuppt, macht sich am Ende der Lektüre keine Enttäuschung breit. Hingegen überlegt man sich während des Krimis immer wieder, welche Bausteine der Erzählung der Wahrheit entsprechen und welche gut erfunden sind. Um einige dieser „Rätsel“ aufzulösen, habe ich inzwischen als Nachlektüre die interessante Lebensgeschichte von Werner H. Spross, dem 2004 verstorbenen Gärtner der Nation, gelesen.  



Andreas Giger: 
Rosenrot ist mausetot Hermann-Josef 
Emons Verlag, 2013

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen