14. Februar 2013

Serdar Özkan: Die Stimme der Rose

Nach dem frühen Tod ihrer Mutter ist nichts mehr in Dianas Leben wie es vorher war. Die junge Frau fühlt sich völlig antriebslos, nicht einmal die Feier zum Abschluss ihres Studiums mag sie besonders interessieren. Und jetzt erfährt sie auch noch aus einem Brief der Mutter, den sie erst nach deren Ableben lesen durfte, dass sie eine Zwillingsschwester haben soll und einen letzten Wunsch ihrer Mutter erfüllen soll. Doch der Gedanke an diese bis anhin unbekannte Schwester Mary, die sie als „Mutterdiebin“ empfindet, beraubt Diana ihrer letzten Energiereserven.

Diana ist Erbin einer internationalen Hotelgruppe und sonnt sich gerne in der Bewunderung von (sogenannten) Freundinnen und Freunden. Das Jurastudium hat sie gewählt, weil ihr der Mut fehlte, ihren Traum zu verwirklichen und Schriftstellerin zu werden. Nachdem sie sich monatelang zurückgezogen hat, rafft sie sich schliesslich auf, den letzten Wunsch ihrer Mutter zu erfüllen. Vier verschieden farbige Briefumschläge weisen ihr den Weg. Sie erfährt, dass Mary nach ihrer eigenen Rückkehr aus einem ganz besonderen Rosengarten selber Rosen gezüchtet hat, die ihr Zimmer mit Düften erfüllten und eine leichte Brise verbreiteten. Und plötzlich begann eine Rose zu sprechen, so als komme die Stimme aus Marys Kopf.

Die Briefe ihrer Schwester lassen Diana vermuten, dass deren Geist ziemlich verwirrt ist. Wer glaubt denn schon an sprechende Rosen und Atemgeräusche derselben? Doch Diana überwindet ihre Vorbehalte. Ihre abenteuerliche Reise führt sie in den Orient, in einen Rosengarten, wo sie in Marys Spuren wandelt und schliesslich den Weg findet zu ihren ureigenen Herzenswünschen.

Dianas erster Anhaltspunkt ist ein Palast in der Türkei. Neben dessen Mauer ein kleines Hotel stehen soll, dessen Besitzerin Mary einst gelehrt hat, die Stimme der Rose zu hören.Was erwartet Diana im Rosengarten und welche Rolle spielt ein Bettler auf ihrem Lebensweg? Schafft sie es, ihren Geist zu öffnen? Diana hat verschiedene eindrückliche Begegnungen und erhält Lektionen, in denen sie erfährt, dass Unmögliches nicht durch Wunder passiert, sondern durch Beharrlichkeit und dass die grösste Eigenschaft der Rosen ist, in Harmonie zu leben. Egal, welcher Herkunft sie sind und welche Farbe oder Grösse sie haben und dass sie keinen Streit, keine Eitelkeit und keine Eifersucht kennen.

Dieses kluge und berührende Büchlein wird mit Antoine de St. Exupérys „Der kleine Prinz“ verglichen und die Lektüre desselben spielt auch auf Dianas Weg zu ihrem eigenen Ich eine prägende Rolle. Ich muss mir unbedingt gelegentlich ein deutsches Exemplar von „Le Petit Prince“ zulegen. Meine Französisch-Kenntnisse sind wohl inzwischen zu kümmerlich, um die hier liegende Originalausgabe wieder einmal zu lesen (und zu verstehen).



Serdar Özkan: 
Die Stimme der Rose 
Blanvalet Verlag, 2007

10. Februar 2013

Schweiz. Gesellschaft für Gartenkultur (Hrsg.): High & Low – Gärten zwischen Kunst, Luxus und Alltag (Topiaria Helvetica 2013)

Das Jahrbuch 2013 der Schweiz. Gesellschaft für Gartenkultur (SGGK) lotet die Grenzen aus zwischen Hoch- und Populärkultur im Gartenbereich. Als Beispiele dienen dabei unter anderem der Gletschergarten Luzern, Familiengärten oder "Chinampas", eine Art Kleingartentradion aus dem Alten Mexiko.

Warum präsentieren sich Michelle Obama und Angela Merkel gerne im Garten? Weshalb sind Kleingärten bei jüngeren Leuten immer beliebter und aus welchem Grund erfreuen sich Gartenfestivals steigender Beliebtheit? Was ist elitär, was populär und wo liegen Konfliktpotentiale?Annemarie Bucher setzt sich in ihrem Beitrag mit dem Titelthema „Gärten zwischen Kunst, Luxus und Alltag“ auseinander. Sie stellt Künstlergärten oder sogenannte Gegenwelten vor und gibt einen kurzen Einblick in die Geschichte der Gartenzwerge und der Blumenuhr. Dabei stellt sie fest, dass die beiden letzteren nicht eindeutig dem Kitsch oder der Kunst zuzuordnen sind und die von der Gartengestaltung und den Gärten ausgehende Botschaft häufig keine individuelle ist, sondern eine dem zeitgenössischen Geist und der Mode entsprechende.

Der Bidergarten über Langenbruck, dem höchstgelenen Dorf im Kanton Basel-Landschaft, entstand im Rahmen einer Umgebungsgestaltung, als in der Mitte des 19. Jahrhunderts ein Tourismusgeschäft aufgebaut wurde, das neue Einnahmequellen erschliessen sollte. Inzwischen sind viele Bauwerke verschwunden oder dem Zerfall ausgesetzt. Das ursprüngliche Konzept ist längst überholt bzw. einem überwachsenen, aber nicht weniger attraktiven Waldgarten gewichen. Johanna Strübin hat die Entwicklung und den Niedergang dieses Gartens im Auftrag der zuständigen Denkmalpflege analysiert und aufgrund dieser Recherchen diesen Artikel verfasst.

Über den Einfluss von Überschwemmungen, Friedenszeiten und die Verbindung von Wohlstand auf das Selbstbewusstsein und die Traditionen in der Bauerngartengestaltung liest man in der Würdigung des vor rund hundert Jahren erschienenen Büchleins „Der alte Bauerngarten“ von Hermann Christ. Niklaus von Fischer vergleicht das Emmental und das Seeland miteinander und geht auf die unterschiedlichen Voraussetzungen und äusseren Einflüsse ein. Der Autor Christ hatte sich seinerzeit mit den sogenannten Hausväterbüchern auseinandergesetzt und die Geschichte des Bauerngartens aufgearbeitet. Gleichzeitig prägte er die nachfolgenden Generationen an Bäuerinnen und (falsche) Interpretationen führten und führen auch heute noch zu ganz speziellen "Bauerngartenneuschöpfungen“.

Gabi Lerch schliesslich berichtet über eine traditionelle, aber nicht mehr häufig praktizierte Anbauweise, genannt Chinampas in Mexiko. Sie betont, dass es sich dabei nicht wie vielfach falsch bezeichnet um „schwimmende Gärten“ handelt, sondern um künstliche Inseln im See, die durch eine ganz spezielle Technik der Landgewinnung entstehen und nur über Wasserstrassen erreichbar sind. Auf diesen so gewonnen sehr fruchtbaren Parzellen werden Früchte, Gemüse und Blumen angebaut.

Weitere Beiträge befassen sich mit der Frage, ob Schweizer Kleingärtner etwas mit Schreber, auf den der Ausdruck Schrebergarten zurückgeht, zu tun haben wollen (Gert Gröning), dem Gletschergarten Luzern, Gartenkunst zwischen Tourismus und Populärwissenschaft (Johannes Stoffler) und einem Avant-Garten der Avantgarde (Suzanne Krizenecky). In der SGGK-Vitrine ist der botanische Garten Genf ein Thema und man erfährt vom Familiengartenglück über Zürich und dem Anpassen von Clemens Bornhausers Wünschen an die Diskrepanzen, sprich dem Loslassen vom mediterranen Gartentraum und dem Sich-Anpassen an die windigen Verhältnisse. Der Tagungsbericht „Gartenerbe – Zur Erhaltung historischer Gartenanlagen trotz Eigentümerwechseln“ und diverse Buchbesprechungen runden die interessante Publikation ab.



Schweiz. Gesellschaft für Gartenkultur SGGK (Hrsg.):
Topiaria Helvetica 2013 – High & Low – Gärten zwischen Kunst, Luxus und Alltag 
Vdf Hochschulverlag, 2013

6. Februar 2013

Gerald Hammond: Down the Garden Path

May Forsyth arbeitet seit bald drei Jahren in dem bekannten Garten von Cannaluke Lodge in der Nähe von Inverness. Das hortikulturelle Bestreben der jungen Schottin gilt einer schönen Gestaltung mit farblich abgestimmten saisonalen Blühhöhepunkten. Zu ihrem Job gehören aber auch die saubere Aufzeichnung ihrer Aussaaten, Pflanzungen und sonstigen gärtnerischen Tätigkeiten in Tagebüchern sowie die Dokumentation anhand von Skizzen und Fotos.

Die Endzwanzigerin ist zunächst etwas skeptisch, als sie durch Besitzerwechsel von Cannaluke Lodge neuen Arbeitgebern unterstellt ist. Ihre Vorbehalte erweisen sich jedoch als unbegründet und lösen sich in Luft auf, als der neue Eigentümer ihr zu verstehen gibt, dass in erster Linie der schöne gepflegte Garten den Ausschlag zum Erwerb des Anwesens gegeben hat. Und mit der neuen Besitzerin versteht sich May nach einem zunächst ungünstigen Start besonders gut und sie nimmt deshalb auch gerne deren Einladung zu einer kleinen Party an.

Der Abend in netter Gesellschaft ist sehr angenehm. Und als schliesslich spontan die Idee aufkommt, einen vor Mays Stellenantritt als Gärtnerin viel zu nah am Haus gepflanzten Riesenmammutbaum sogleich zu fällen, weil einer der Gäste mit einem grossen Fahrzeug angereist ist, macht sich die schon etwas angeheiterte Gesellschaft eifrig an die Arbeit. Die fröhliche Stimmung kommt aber zu einem abrupten Ende, als zwischen den Wurzeln des Gehölzes eine Leiche entdeckt wird.

Bis die Gerichtsmediziner festgestellt haben, dass es sich bei dem Toten um Joe Scott, den früheren Gärtner von Cannaluke Lodge handelt, der schon seit längerer Zeit vermisst worden war, brodelt die Gerüchteküche in der Umgebung, Die Gartentagebücher erweisen sich in der Folge bei den Ermittlungen wiederholt als sehr hilfreich. Doch was genau ist vor drei Jahren passiert und wo steckt die zweite vermisste Person, die Tochter der Vorbesitzer des Anwesens?

Mays Spaniel findet schliesslich im weitläufigen Garten ein zweites verstecktes Grab und die engagierte Gärtnerin wird deshalb ein zweites Mal durch die Polizei von ihrer Arbeit abgehalten. Sie versucht, mit Absperrband die Schäden durch die Ermittler im Garten zu limitieren. Wenn diese nämlich den Tatort absperren können, um Eindringlinge fernzuhalten, muss es doch auch gelingen können, die Polizisten mittels Absperrband daran zu hindern, ausserhalb des Tatortes überall in die Beete zu trampeln!

Gartentipps sind immer wieder Teil der Lektüre - etwa wie Ramblerrosen geschnitten werden sollen oder Empfehlungen zur Pflanzung von duftenden Winterblühern. An einem der Leichenfundorte geben ausserdem die Pollen von Rhododendron Rätsel auf, die zu unterschiedlichen Zeiten blühen, aber nicht mit den verschiedenen Zeitpunkten des Verschwindens der beiden Vermissten übereinstimmen.  



Gerald Hammond:
Down the Garden Path
Servern House Publishers, 2004

2. Februar 2013

Monika Zybon-Biermann: Hexenbesen und andere Zwerge – Bonsais aus der Natur, die von allein klein bleiben

Beim Spazieren und Walken muss ich in letzter Zeit immer wieder mal aufpassen, dass ich nicht über Wurzeln oder meine Füsse stolpere, da ich vermehrt den Blick in Richtung Baumwipfel richte, um vielleicht einen Hexenbesen zu entdecken. Hexenbesen? Diese kleinwüchsigen Gehölze haben nichts mit Hokuspokus gemeinsam, sondern es handelt sich um Knospenmutationen, die diese Naturbonsais hervorbringen. Monika Zybon-Biermann hat sich für ihr im Eigenverlag produziertes Buch „Hexenbesen und andere Zwerge“ aufgemacht, die Faszination und die Beweggründe derer auszumachen, die nicht selten und oft ungesichert über dreissig Meter den Baumstamm heraufkraxeln, um an ihre grüne Beute zu kommen. Dieser interessante Buchtitel ist übrigens die erste nicht-wissenschaftliche Publikation zu diesem Thema.

Ein Hexenbesenjäger sucht in Kronenhöhe nicht nach Wucherungen, die durch Pilze oder Viren verursacht worden sind. In sein Beuteschema gehören andere Veränderungen, nämlich solche, die durch Mutationen dauerhaft bestehen bleiben. Und die Natur hat es so eingerichtet, dass sogar auf diesen kleinen Zwergen noch kleinere Knospenmutationen entstehen können. Besonders viele kleinwüchsige Schätze wachsen dort, wo es viele verschiedene Bäume gibt, etwa in Parks oder Baumschulen. Ein Jahreszuwachs von fünf Zentimetern gilt bereits nicht mehr als schwachwüchsig. Die Naturbonsais passen deshalb ihrer Wuchsform entsprechend gut in Steingärten und finden vielleicht in Zukunft im einen oder anderen Garten einen Platz in der Gestaltung als Buchsbaumersatz.

In ausführlichen Portraits stellt die Autorin Hexenbesensammler vor und der Leser bekommt Einblick in die spezielle Leidenschaft von Günther Eschrich, Werner Wüstemeyer, Uwe Horstmann, Jörg Kohout und der zu Jeddelohs. Nur wenige Menschen frönen diesem Hobby und man kennt sich untereinander. Oft wird die ganze Familie eingebunden und potentielle Jagdgebiete sind identisch mit den Urlaubsorten. Und Toleranz ist gefragt, wenn die frisch ergatterten Reiser den Lebensmitteln im Kühlschrank des Wohnmobils den Platz streitig machen.

Im Übrigen ist Erfindungsreichtum von Nutzen. So versucht einer der Sammler mit einer Spezialkonstruktion Marke Eigenbau, dem sogenannten Kofferraumgestänge, den in den Wipfeln entdeckten kleinen grünen Schätzen habhaft zu werden. Denn ist ein Objekt der Begierde gesichtet und in Griffnähe, ist die Beute noch längst nicht im trockenen. Oft bleiben die Reiser beim Herabwerfen zwischen den Ästen hängen oder es ist auch schon vorgekommen, dass ein zufällig vorbeilaufender Passant vom Grünzeug am Kopf getroffen worden ist. Und auch wenn ein Baum mit einem Hexenbesen, der einem früher in grosser Höhe ins Auge gestochen ist, plötzlich gefällt am Boden liegt, ist die Ernte nicht viel einfacher. Denn auch die Suche nach Naturbonsais im Gewirr von ineinander verhakten Ästen ist nicht weniger mühsam.

Im letzten Drittel des Buches wird in Pflanzenportraits auf die Pflege der Zwerge eingegangen und man erfährt Wissenswertes über Herkunft, Entdeckung und Namensgebung. Hexenbesen finden sich nur selten auf Laubbäumen. Die Mehrheit der Portraits handeln deshalb von Immergrünen wie Zeder, Nordmanntanne, Pinie, Zirbelkiefer (Arve), Fichte und Sicheltanne.

Die abenteuerliche Hexenbesenjagd ist eine Passion für Idealisten und keineswegs eine Goldgrube oder ein einfaches lukratives Geschäft, um schnell viel Geld zu verdienen. Nicht nur die Jagd nach Hexenbesen ist eine Herausforderung, auch die Vermehrung der Reiser ist schwierig und Misserfolge fast an der Tagesordnung. Eine Produktion ist nur in kleinen Mengen möglich, weil von kleinen Mutterpflanzen nur wenige Reiser abgeschnitten werden können.

Dieses erste populäre Buch über Hexenbesen hat die Autorin wie oben kurz erwähnt in eigener Initiative herausgebracht, was sich natürlich auch im Verhältnis von Preis und Ausstattung niederschlägt. Monika Zybon-Biermann zeichnet dabei nicht nur für die Texte sondern auch für die zahlreichen speziellen Illustrationen verantwortlich, die aus Kombinationen von mit Zeichnungen ergänzten Fotos bestehen. Teilweise hätte ich mir aussagekräftigere, manuell unbearbeitete „Nur-Fotos“ gewünscht, insbesondere bei den Pflanzenportraits.

Vermisst habe ich ein paar Worte zum Rechtlichen bei der Hexenbesenjagd. Aus den Berichten geht hervor, dass zu den Jagdgebieten insbesondere auch Gehölzsammlungen wie botanischen Gärten, Aboreten und Nationalparks gehören. Wird vor dem Entnehmen der Reiser oder ganzer Hexenbesen jeweils der Besitzer um Erlaubnis gefragt? Bei der Lektüre hatte ich eher den gegenteiligen Eindruck. Und für eine allfällige Nachauflage dieseses Buches im A4-Format würde ich einen strapazierfähigeren Buchumschlag (relativ dünner Karton) empfehlen.

Bisher habe ich mit meinem Blick in die Baumkronen keinen Erfolg verzeichnen bzw. keinen Hexenbesen entdecken können. Dafür habe ich kürzlich an einem Vortrag über Baumriesen in Europa ganz genau hingehört, als ein Hexenbesen auf einem in Rafz gefällten Baum erwähnt wurde. Und vielleicht lassen sich ja genauere Informationen zum im Buch erwähnten Mammutbaum mit Hexenbesen in Konstanz erfahren und ich kann diesen bei Gelegenheit mal bestaunen.  



Monika Zybon-Biermann: 
Hexenbesen und andere Zwerge – Bonsais aus der Natur, die von allein klein bleiben
Eigenverlag, 2011

30. Januar 2013

Katja Walder: Abgefahren! Im Zug mit Katja Walder - Pendlergeschichten

Gleich vorweg: Botanisches, Florales oder Hortikulturelles gibt’s in dieser Kolumnensammlung nicht zu lesen. Katja Walders Zeilen über ihre Beobachtungen von Mitreisenden in den Montags- und Donnerstagausgaben im „Blick am Abend“ lese ich jeweils immer als erstes in der abendlichen Gratiszeitung. Und letzthin habe ich an einem Stadttalk die sympathische Autorin persönlich erlebt und bei dieser Gelegenheit etliche, ja fast beängstigend viele Parallelen zwischen ihr und der Sofagärtnerin im Zusammenhang mit Pseudonymen und auch anderem festgestellt.

Die Autorin nimmt sich selber nicht so wichtig und steht nicht besonders gerne im Rampenlicht. Dieser Eindruck hat sich bei mir noch verstärkt beim Anschauen der Schlussmomente beim Verlassen der Glasbox anlässlich der letzten Aktion von „JRZ – Jeder Rappen zählt“. Das zeigt sich aber auch in der Kolumne „Von Worten und Wörtern“ wenn die Beobachterin lapidar schreibt, dass an dieser Stelle eben ans Licht kommt, warum es Dürrenmatt in die grossen Bibliotheken geschafft hat und Katja Walder nur in eine Pendlerzeitung.

Die kurzen Kolumnen lösen wiederholt Kopfschütteln und Erstaunen aus, etwa der Sofatransport mit Bus und Zug oder eigene Kindheitserinnerungen werden wach und die Erkenntnis, dass auch anderen die Worte „Milch-Lait-Latte“ auf der Milchverpackung in Fleisch und Blut übergegangen sind. Eine kleine Verbindung zur Sofagärtnerin gibt’s im Beitrag „Der Mann aus Istanbul“, in der das Buch „Herr Adamson“ von Urs Widmer eine Rolle spielt, das ich hier vorgestellt habe. Am besten lesen Sie  aber selber nach, wer eine Affäre mit Grosi Rosi hatte, womit sich wahre Freundinnen auszeichnen oder eben auch nicht und was es mit dem Bratwurst-Massaker auf sich hat. Eingebettet zwischen die Kolumnen sind s/w-Pendler-(Schoss)aufnahmen von Markus Maurer alias @kusito.

„Abgefahren“ ist die perfekte Pendlerlektüre - kurz und oft sehr witzig. So witzig, dass man aufpassen muss, beim Lesen der Kolumnen nicht glucksend erwischt zu werden. Zum einen wegen den komischen Blicke der Sitznachbarn und ausserdem weiss man ja nie, wer mitfährt und unbemerkt die Ohren spitzt. Manchmal – beispielsweise in den Kolumnen „Pendler-Quiz“ oder „Pendlertraum - habe ich mir aus lauter Neugierde mehr Hintergrundwissen à la Stadttalk zu den einzelnen Geschichten gewünscht, um zu erfahren, ob die eine oder andere Episode tatsächlich sogenanntes „Pendler-Real-Life“ ist oder was ausgeschmückt worden ist.

In den letzten Wochen habe ich praktisch alle Donnerstagkolumnen verpasst. Nicht zuletzt deshalb hoffe ich auf weitere Kolumnen in Buchform. Wenn dannzumal die Geschichten „Der Mann mit der Rose“ und „Sorry Kurt“ drin sind, gibt es überhaupt keinen Grund, auf die Lektüre zu verzichten. Nun verbleibt mir nur noch, bei der nächsten Sportrunde oder beim nächsten Spaziergang die Augen ganz weit aufzumachen. Mal schauen, ob ich dann vor der Haustüre noch etwas vom ländlichen Hegi aus der „Kriegerklärung an Effretikon“ finden kann.


Katja Walder: 
Abgefahren! Im Zug mit Katja Walder – Pendlergeschichten 
Limmat Verlag, 2012

26. Januar 2013

Barbara Paul Robinson: Rosemary Verey – The Life and Lessons of a Legendary Gardener

Die Amerikanerin Barbara Paul Robinson führt den Leser in dieser Biografie in dreizehn Kapiteln durch das Leben von Rosemary Verey (1918 – 2001). Die Autorin selber arbeitete im Frühling 1991 während einem Sabbatical für einen Monat im Garten der damals 72jährigen legendären englischen Gärtnerin und aus diesem kurzen Arbeitsverhältnis ohne Bezahlung resultierte eine Freundschaft.

Rosemary Verey selber kam erst relativ spät zum Gärtnern. Ihr diesbezügliches Interesse wurde durch ihren Mann David geweckt, der ihr in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts alte Gartenbücher von seinen Reisen mitbrachte. Ihr Hauptinteresse galt aber weiterhin in erster Linie Pferden und der Jagd, während David selber erste gärtnerische Veränderungen rund um den 1697 erbauten Familienwohnsitz Barnsley vornahm. Er provozierte seine Frau und stachelte deren gärtnerischen Ehrgeiz an, als er den dannzumal bekannten Gartendesigner Percy Lane engagierte. In der Folge wurde der Profi wieder unverrichteter Dinge nach London zurückgeschickt und Rosemary Verey hatte eine ihrer ersten wichtigen hortikulturellen Lektionen gelernt: Der Garten gehört dem Kunden, nicht dem Gestalter. Zusammen mit ihrem Mann, der über einen architektonischen Leistungsausweis verfügte, begann sie daraufhin ernsthaft, den Garten von Barnsley und bald einmal auch weitere Gärten umzugestalten.

Rosemary Verey tauchte genau zu der Zeit in der englischen Gartenszene auf, als sich die englische Wirtschaft endlich von den Folgen von zwei Weltkriegen erholt und das Volk genug hatte von “low-maintenance-gardens“. Ihr Geschmack lehnte sich an alte Gartentraditionen und klassische Gärten an und sämtliche von ihr entworfenen Gärten waren sehr pflegeintensiv. Zu ihren Kunden zählten auch Elton John und Prinz Charles. Ganz besonders aber wurde sie von den Amerikanern geschätzt und sie fungierte als eine Art Brückenbauerin zwischen England und Amerika.

Ende 1968 verfasste Rosemary Verey ihre ersten Artikel und schrieb später regelmässig Beiträge für „The Countryman“. 1980 erschien ihr erstes Gartenbuch "The Englishwoman's Garden" (in Zusammenarbeit mit Alvilde Lees-Milne), dem noch sechzehn weitere Publikationen (z.B. „Rosemary Verey's Garden Plans“, „Good Planting“ und „Classic Garden Design - How to Adapt and Recreate Garden Features of the Past“) folgten. Ihre Botschaft lautete: Jeder kann nach der Lektüre meiner Bücher oder nach dem Besuch meiner Vorträge einen Garten planen und gestalten. Nach dem Tod ihres Mannes im Jahr 1984 war die Witwe zeitlebens von Geldsorgen geplagt und gezwungen, mit Gartengestaltung, Buchverkäufen, Vorträgen, Gartenführungen und dem Öffnen ihres privaten Gartens für das Publikum Geld zu verdienen.

Barbara Paul Robinson zeichnet ein detailliertes Bild der vielschichtigen Persönlichkeit Rosemary Vereys. Diese verfügte über einen ansteckenden Enthusiasmus. Sie war hart zu sich selber und verlangte von den Menschen in ihrer Umgebung das gleiche Engagement. Dabei war und blieb aber immer sie selber die Chefgärtnerin. Die Engländerin war ausgesprochen kontaktfreudig und hatte viele Bewunderer. Sie war sehr hilfsbereit und eine ausgezeichnete Networkerin. Auf Facebook hätte sie heute wohl unzählige Freunde. Ihre hortikulturelle Karriere wurde aber auch von Rückschlägen und Enttäuschungen geprägt, etwa wenn „ihre“ Gärten ohne ihr Wissen wieder verändert wurden oder ihre einzige Teilnahme an der Chelsea Flower Show „nur“ eine Silbermedaille einbrachte. Auch charakterbedingte negative Seiten der Gartendesignerin, teilweise auf ihre Einsamkeit zurückzuführen, werden im Buch immer wieder betont. Ausserdem fühlte sich Rosemary Verey oft minderwertig, weil sie keine fachliche gärtnerische Grundausbildung vorweisen konnte.

Helen Mirren, die Hauptdarstellerin im Film „Greenfingers“ hat sich übrigens vor den Dreharbeiten mit Rosemary Verey getroffen, um für ihre Rolle im Film über die Gefängnisgärtner zu recherchieren und sich inspirieren zu lassen. Rosemary Vereys eigener Garten Barnsley wirkt gemäss Anmerkung im Epilog heute vernachlässigt. Das Gebäude ist nicht mehr im Familienbesitz und zu einem Hotel mit Spa umgebaut worden.  


Barbara Paul Robinson: 
Rosemary Verey – The Life and Lessons of a Legendary Gardener 
David R. Godine Publisher, 2012

22. Januar 2013

Paul Stalder: Ds Läbeslied u angeri Gschichte für ufem Gartebänkli

Zehn berndeutsche Geschichten mit mehr oder auch mal geringerem hortikulturellen Hintergrund hat der Autor und Gärtner Paul Stalder unter dem Titel „Ds Läbeslied“ veröffentlicht. Ich habe nicht herausfinden können oder vielleicht überlesen, ob diese erfunden sind oder auf wahren Begebenheiten und Erlebnissen beruhen. Falls ersteres zutrifft, sind sie jedenfalls sehr echt und detailgetreu verfasst. Ich neige allerdings dazu, von Nacherzählungen auszugehen. Die Geschichten handeln von tragischen Schicksalen, vom Alltag und davon, wie immer wieder nach dunkeln Wolken – also schweren Zeiten im Leben - die Sonne wieder scheint und nach Unfrieden endlich so etwas wie Freude oder sogar Dankbarkeit aufkommt.

Da wären etwa zwei Jungbauern, von denen einer nach einem Sturz querschnittgelähmt bleibt und der andere nach einem Zeckenbiss wochenlang zwischen Leben und Tod schwebt. Während der eine seine Lebensfreude im Singen findet, freut sich eine andere an blühenden Blumen und schönem Gemüse im Garten. In einer anderen Geschichte wird von einer Bauersfrau berichtet, die sich mit viel mehr Hingabe um ihren Pflanzblätz kümmert als um den eigenen Mann und der bei jeder Gelegenheit vor ihren Befehlen ins Wirtshaus flüchtet. Oder man liest von einem stolzen und sturen Labrador und einer nach einem schweren Unfall behinderten Frau, die sich nicht unterkriegen lässt. Die ausgezeichnete Naturbeobachterin ist eine tolle Bäckerin und weiss ihren grünen Daumen gut einzusetzen. Wen interessieren da noch die bescheidenen Mathematikkenntnisse, die während der Schulzeit eine Bürde darstellten?

Dann gibt es den Bauern, der unermüdlich versucht, verschiedene Apfelsorten auf Weissdorn zu pfropfen, weil die Wurzeln der Apfelhochstämme immer wieder von den Mäusen angefressen werden und den Rückblick auf einen schwierigen Start im Haus der Schwiegermutter anlässlich der Abschlussfeier der eigenen Tochter an der Bäuerinnenschule. Perfekt und sauber war der Garten, ohne ein einziges Unkraut. Aber fehlende menschliche Wärme prägte und überschattete die ersten Ehejahre.

Vergissmeinnicht erinnern einen anderen an die eigene schwere Jugendzeit, als er als Verdingkind ein verstecktes Gärtchen angelegt hatte mit Rüebli, Zwiebeln und eben Vergissmeinnicht. Als der Meister das Beet entdeckte, zertrampelte er wütend sämtliche Pflanzen und kein bisschen Grünzeug blieb übrig. Nur die Saat, sprich die Liebe zum Gärtnern, war bereits gelegt und kann sich schliesslich in einer strengen, aber schönen Lehre weiter entfalten.

Ich lese eigentlich überhaupt nicht gerne Mundarttexte. Wahrscheinlich, weil ich mich dabei jeweils viel genauer auf das Geschriebene konzentrieren muss und ich mich ganz einfach nicht an Dialekttexte gewöhnt bin. Doch auch wenn mir der eine oder andere Berner Ausdruck nicht geläufig war, liess sich diese Lektüre ganz „ring“ lesen. Schade, sind die beiden anderen Bücher mit gärtnerischem Hintergrund („Gärten und Menschen“ und „Vom Läbe zeichnet“) des gleichen Autors nicht mehr lieferbar.  



Paul Stalder: 
Ds Läbeslied u angeri Gschichte für ufem Gartebänkli 
Eigenverlag, 2011