20. Oktober 2015

Jockel Tschiersch: Grüner wird’s nicht, sagte der Gärtner und flog davon

Haben Sie auch schon mal damit geliebäugelt, einfach alles stehen und liegen zu lassen? Genau so geht es Georg, genannt Schorsch, Kempter. Er belässt es aber nicht beim blossen Gedankenspiel, sondern gibt dem Impuls nach und statt wie üblich frühmorgens arbeiten zu gehen, steigt er an einem schönen Julitag in sein kleines heiss geliebtes Flugzeug, fliegt einfach fort.

Kempters Ehe scheint am Ende, seinem Vater kann er nichts recht machen, dem Berufswunsch seiner Tochter Miriam, die mindestens so stur ist, wie er selber, kann er nichts abgewinnen und nun scheint auch noch die kleine Familiengärtnerei definitiv Konkurs anmelden zu müssen. Denn ein Kunde, für den er in monatelanger Arbeit einen Golfplatz angelegt hat, ist mit dem Grünton des Rasens nicht zufrieden und verweigert die Zahlung der Schlussrechnung. Diese Tatsache bedeutet nicht nur für den schon schlingernden Kleinbetrieb eine substantielle Gefahr, der Gärtner muss befürchten, dass ihm auch seine Piper J3C weggenommen wird.

Sechs Tage in der Woche arbeitet er schwer von früh bis spät. Trotzdem reicht das Einkommen nur knapp für die Familie, die alte Piper und die Entlohnung seines einzigen Angestellten, der das Arbeiten nicht gerade erfunden hat. Schorsch selber ist zwar ein sehr geschickter Gärtner, aber eben kein gewiefter Geschäftsmann. Die Sonntagsflüge, wenn er alleine in seiner Maschine hoch oben in den Wolken seine Runden dreht, sind der der Höhepunkt der Woche und lassen ihn Arbeit, Familie und finanzielle Probleme ertragen. Wobei ganz unschuldig an den innerfamiliären Kommunikationsproblemen ist der maulfaule Gärtner auch nicht. Er spricht höchstens mit seiner Piper, was er aber aus einschlägiger Erfahrung auf seine Flugzeiten beschränkt. Schlafen tut der Schorsch am liebsten in seiner Rosenwerkstatt oder gleich bei seinen Rosen und träumt bevorzugt von einer von ihm selber gezüchteten komplett schwarzen Rosen, und zwar mit Blüten ohne den üblichen lila Schimmer. In der Ukraine soll ein Rosenzüchter diese Unmöglichkeit geschafft haben. Wäre das vielleicht ein anzupeilendes Endziel der spontanen Reise?

Als Schorsch nun einfach davonfliegt, lässt er zuerst zwecks Unerreichbarkeit sein altes Handy aus der Luft in einen Fluss fallen. Erst als ihn der leere Tank zur Landung zwingt, geht er auf dem Feld eines alten Bauern nieder und verdient sich Kost, Logis und Sprit für den Weiterflug. Der Bauer gibt ihm zusätzlich auf den Weg mit, dass er mehr lachen und reden soll.

Auf weiteren Stationen seine Reise lernt er verschiedene Menschen kennen, die ihren eigenen, teils schwer gefüllten Rucksack mit sich herumschleppen. So wie Schorsch, der geprägt ist von einer Katastrophe, die sich vor zwanzig Jahren ereignet hat und über die und seine Schuld er nie mit jemandem gesprochen hat. Er stellt fest, dass auch andere Familien ihre zwischenmenschlichen Probleme haben. Zeit für tiefsinnige Gedanken findet er beim Schuften in einem völlig vernachlässigten Garten eines riesigen Schlosses, wo er sein Bestes gibt, um die Zierpflanzen vom Unkraut zu befreien - wenn er nicht gerade von der neugierigen Tochter der Schlossbesitzer indiskreten und direkten Fragen gelöchert wird.

Derweilen Frau und Tochter daheim wütend über sein Verschwinden sind, mühsam den Betrieb aufrecht halten und mit weiteren Problemen kämpfen, erweist sich der Austausch mit seinen neuen Bekannten und die Distanz zu Familie und Betrieb für Schorsch als wohltuend. Konflikte werden nicht durch Ignoranz und Schweigen gelöst, gibt es vielleicht noch eine Chance für Betrieb und Ehe? Ist die schwarze Rose tatsächlich so wichtig? Schliesslich ist nicht alles planbar und Pläne werden immer wieder durchkreuzt.

Der Autor lässt sich für das Ende der Lektüre einige Überraschungen einfallen und gelegentlich finden sich witzige Wortkreationen im Text, wie etwa „ungezügelte Flora“, „miefender Beziehungskompost“ und „Wortspar-Konto“.



Jockel Tschiersch: 
Grüner wird’s nicht, sagte der Gärtner und flog davon 
Wilhelm Goldmann Verlag, 2015

Kommentare:

  1. Das klingt nach einem unglaublich unterhaltsamen Roman und ist schon auf meiner Leseliste gelandet!

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  2. Es ist tatsächlich ein Buch,das mich positiv überrascht hat. Nach dem Erwerb und ersten Durchblättern hielt ich es tendenziell eher für einen Fehlkauf. LG

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