10. Juli 2015

Janet Fitch – Weisser Oleander

Immer wieder streut die Autorin Janet Fitch gärtnerische und botanische Details und Beobachtungen in diesen Roman ein. So ist die Rede von wildem Senf auf einem Betonwall, von Baumfarnen, Böschungen mit Springkraut, Gärtnern mit Laubgebläsen und von Marienkäfern, die in Plastikkugeln verkauft werden, um auf mit Blattläusen befallenem Grünzeug ausgesetzt zu werden. Titelgebend sind aber die Oleanderbüsche mit ihren zähen, giftigen Blüten und dolchähnlichen Blättern, die den heissen Winden aus der Wüste trotzen.

Teile von Oleander werden von Ingrid Magnusson auch bei ihren Stalking-Aktionen eingesetzt und schliesslich vergiftet sie mit einem Extrakt aus eben dieser Pflanze ihren ehemaligen Liebhaber und wird deswegen zu über drei Jahrzehnten Gefängnis verurteilt. Damit beginnt für ihre zwölfjährige, bereits vaterlose Tochter Astrid eine Odyssee von einer Pflegestelle zu nächsten.

Ihre erste Ersatzmutter Starr Thomas führt sie in eine Jesus –Gemeinde ein. Als der eifersüchtigen Starr die Beziehung von Astrid und dem Ersatzvater zu eng wird, schiesst sie auf ihre Pflegetochter und diese wird nach ihrer Genesung umplatziert. An einem der weiteren Pflegplätze erweist sich Astrids Freundschaft zu einer schwarzen Prostituierten als Fehler. Schliesslich kommt Astrid zu einem kinderlosen Ehepaar aus dem Filmbusiness.

Ihre neue Mutter Claire ist eine relativ erfolglose Schauspielerin. Astrid wird – ohne davon zu wissen – in erster Linie ein Zuhause angeboten, damit sie ein Auge auf die labile Claire hat, die sich ihren Fähigkeiten entsprechend, liebevoll um Astrid kümmert und sie mütterlich umsorgt. Diese fühlt sich zum ersten Mal in ihrem Leben wirklich geliebt. Während die Pflegemutter mit einem spitzen asiatischen Hut auf dem Kopf in ihrem Garten verschiedene Tomatensorten pflegt, Rittersporn aufbindet und täglich jätet, sitzt Astrid häufig unter der chinesischen Ulme und zeichnet. Gemeinsam schauen sie auch regelmässig eine TV-Sendung an, die Gartentipps vermittelt, oder besuchen Museen und Ausstellungen. Als Astrids Mutter im Gefängnis von der guten Beziehung zwischen den beiden erfährt, versucht sie mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln, das Verhältnis zu zerstören, was ihr schliesslich auch gelingt.

Wer ist Ingrid Magnusson und warum ist sie zu der Person geworden, die im Gefängnis eine lebenslange Haftstrafe verbüssen muss, und scheinbar nicht glücklich ist, wenn es ihrer einzigen Tochter gut geht? Die ausdruckstarke Lyrikerin, deren Lieblingsblumen weisse Lilien und Chrysanthemen sind, ist eine hasserfüllte, verbitterte Meisterin im Verdrehen von Tatsachen und Zurechtbiegen von Wahrheiten.

Nach ungefähr vier Fünftel der Lektüre besucht Astrid bereits die 8. neue Schule in fünf Jahren. Die inzwischen siebzehnjährige junge Frau hat an ihrer aktuellsten Platzierung bei einer Russin gelernt, wie man aus Müll Geld verdient. Hier erfährt sie, dass der Prozess gegen ihre Mutter wegen Verfahrensmängeln nochmals aufgerollt werden soll. Astrid soll vor Gericht falsch aussagen. Sie hat sich zuletzt immer weiter von ihrer Mutter entfernt, die sie nach wie vor in Briefen zu beeinflussen versucht. Schliesslich schlägt Astrid der Anwältin ihrer Mutter einen Deal vor.

Es ist beeindruckend zu lesen, wie Astrid an den vielen Herausforderungen in ihrem jungen Leben nicht zerbricht, sondern sich vielmehr immer wieder aufrappelt und zu einer starken Persönlichkeit entwickelt, die sich nicht mehr von der Mutter herumdirigieren lässt. Über zehn Jahre stand dieses Buch, das ich bei einem meiner ersten Besuche an der Buchmesse in Frankfurt entdeckt hatte, ungelesen auf dem Regal. Die Lektüre, endlich angegangen, fand ich mit ihren interessanten Charakteren dermassen spannend, dass ich mir gelegentlich die gleichnamige Verfilmung mit Michelle Pfeiffer und Renée Zellweger anschauen will.  



Janet Fitch: 
Weisser Oleander 
Bastei Lübbe, 2003

1. Juli 2015

J.L. Wilson: Lilacs, Litigation and Lethal Love Affairs

Cassie Whittington hat in den letzten Monaten ihr Leben völlig umgekrempelt. Sie hat fast siebzig Pfund abgenommen und steckt gerade in den Schlussprüfungen ihrer Weiterbildung für den Einstieg ins Gartengestaltungs-Metier. Daneben arbeitet sie seit wenigen Wochen in der Gärtnerei Barlow und amtet als Präsidentin der „Student Horticulture Society“. In eben dieser Funktion findet sie während einem Anlass eine Leiche im alten Gewächshaus und erkennt anhand der Symptome sofort, dass es sich um einen Todesfall infolge von Zyanose (Blausucht) handeln muss.

Von ihren Prüfungsvorbereitungen wird Cassie immer wieder abgelenkt. An ihrem Arbeitsplatz ereignen sich verschiedene mysteriöse Vorkommnisse, bei denen nicht sicher ist, ob es sich um Sabotage und Vandalismus oder einfach nur um Pech handelt. Dann hat ihr neuer Chef Sam Barlow ein Auge auf sie geworfen und bekundet Mühe mit Cassies freundschaftlichem Verhältnis zu ihrem Ex-Mann Charlie. Die beiden waren als junges Paar zwar nur sieben Jahre miteinander verheiratet und sind seit bald dreissig Jahren geschieden, doch sie stehen sich nach wie vor sehr nahe. Die enge Verbindung geht auf eine Tragödie in ihrer beider Kindheit zurück, den sogenannten „Charity murder“. Zusätzlich erbt die halbprofessionelle Sängerin Cassie, die einen klassische Gesangsausbildung absolviert hat, und sich an ein bescheidenes Leben ohne Luxus gewöhnt ist, völlig unerwartet ein Riesenvermögen.

Die Autorin hat die Protagonistin Cassie ausserdem mit einer stark ausgeprägten sozialen Ader ausgestattet. So fühlt sie sich für einen Mitarbeiters verantwortlich, der sich zuletzt stark verändert hat. Dieser Aron, ein intelligenter und pflichtbewusster jüngerer Kollege, lässt seine Schlussprüfungen sausen und fehlt unentschuldigt am Arbeitsplatz. Die Ursache seiner Probleme, die mit seiner Beziehung zu einer deutlich älteren Frau zu tun haben muss, rückt er aber nicht heraus.

Der hortikulturelle Hintergrund beinhaltet neben der Weiterbildung und der Arbeit in der Gärtnerei auch die erfolgversprechende Züchtung von Azaleen-Hybriden. Ausgerechnet Sam Barlow wurde in diesem Geschäft um die lukrativen Früchte seiner Arbeit gebracht. Eine wichtige Rolle spielt auch ein Landvertrag mit Konditionen, die Fesseln ähneln. Treffen Cassie Befürchtungen zu, dass Sam in den Mordfall verwickelt ist?  



J.L. Wilson: 
Lilacs, Litigation and Lethal Love Affairs
The Wild Rose Press, 2011

23. Juni 2015

Wladimir Kaminer: Diesseits von Eden – Neues aus dem Garten

Nach „Mein Leben im Schrebergarten“ hat Wladimier Kaminer vor einiger Zeit ein weiteres Buch geschrieben, das sich mehr oder weniger intensiv mit Gärtnern beschäftigt und das nun auch in einer Taschenbuchausgabe erschienen ist.

„Auf zum neuen Garten!“ heisst das erste Kapitel. Weshalb ein neuer Garten fragt sich die Leserin, sich nur noch dunkel an die ersten Gartengeschichten aus dem Jahr 2007 erinnernd. Die Frage wird gleich auf der zweiten Seite beantwortet. Und zwar hatten der Gärtner und die Prüfungskommission des Schrebergartenvereins diametral unterschiedliche Ansichten betreffend Spontanvegetation. Die Natur als selbständiger Gartengestalter war im Reglement nämlich nicht vorgesehen, was zu erheblichen Interessenkonflikten führte, die schliesslich in die Suche nach einem Garten ohne Oberaufsicht mündeten.

Im Ort mit dem prosaischen Namen Glücklitz findet sich rasch ein passendes Objekt, direkt am Glücklitzer See, auf einem zum Haus gehörenden, aber nicht erwerbbaren Weinberg (angeblich dem nördlichsten der Welt) gelegen. Als erstes gilt es aber ein Hindernis zu überwinden. Der neue Garten ist nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen und so begleitet die Leserin die Kaminers durch ihre Fahrschullektionen und die Autoprüfung. Etliche Monate ziehen übers Land bis man schliesslich offiziell mobil ist, um im Brandenburgischen Garten loslegen zu können.

Nach Lust und Laune kann hier jeder nach eigenem Belieben planlos pflanzen, was ihm gefällt. „Spontan in jede Richtung vegetieren“ nennt dies der Autor. Die Familienmitglieder suchen sich Bäume aus. Die Grossmutter entscheidet sich für eine Pinie, die zum Baum des Erinnerns gekürt wird. Dazu gesellen sich Kirschbäume, Kriechweiden, Rhododendronbüsche und eine Schmucktanne (Araucaria). Am besten gedeiht der vom Sohn angepflanzte Meerrettich. So gut, dass der Vater an einem (vom Sohn verworfenen) Nutzungskonzept einer Meerrettich-Plantage herumstudiert. Aber vielleicht klappt es ja irgendwann mit der ebenfalls erwähnten Winzerkarriere und dem „Gewürzkaminer“?

Daneben berichtet Wladimir Kaminer über seine Gartenkarriere ausserhalb Brandenburgs, die einen Vortrag an einer Landesgartenschau beinhaltet und seine Rolle als Gartenexperte in drei Gartenfilmen. An einer anderen Stelle sinniert er über die sich regelmässig wiederholenden Vertreibungen von Menschen und die damit verbundene Anpassung der Obstauswahl. Denn musste einst zur Nachahmung des verlorenen Paradieses ein Apfel genügen, sind heute eher exotische Früchte gefragt. Die übrigens, wie schnell herausgefunden wird, in Brandenburg nicht gedeihen.

Die Lektüre verlockt immer wieder zum Schmunzeln. Oft war ich mir allerdings gar nicht sicher, ob sich das Erzählte tatsächlich so zugetragen hat oder einfach gut erfunden und berichtet ist. Hortikulturell ist eher wenig los in diesen Texten - gefühlsmässig geht es mehr ums Thema Fische und das Angeln. Interessant zu lesen sind besonders die Beobachtungen aus dem Alltag, wie und warum die Russen anders ticken und die Erklärungen zu den allgemeinen Unterschieden in den verschiedenen Kulturen.  

Übrigens liest Wladimier Kaminer anlässlich des "Openair Literatur Festivals Zürich" am 11. Juli 2015 im Alten Botanischen Garten in Zürich unter dem Motto "Best of Kaminers Gärten" aus seinen Büchern.



Wladimir Kaminer: 
Diesseits von Eden – Neues aus dem Garten 
Wilhelm Goldmann Verlag, 2013/2015

15. Juni 2015

Tan Twan Eng: Der Garten der Abendnebel

Kakezuchi, Lata, Kibasami, Shachi, Tebasami - Holzhammer, Hausmesser, Heckenschere, Winde, Baumschere: Während ihrer Lehrzeit in einem japanischen Garten neben der Majuba-Teeplantage in Malaya versucht sich die 1923 geborene Straits-Chinesin Yun Ling Anfang der fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts die Namen der alten Werkzeuge einzuprägen, die alle einem bestimmten Zweck dienen.

Mit ihren beiden Geschwistern ist Yun Ling in einer kolonial geprägten Gesellschaft aufgewachsen. Die Kindheit wurde durch einen Kriegsausbruch abrupt beendet. Gemeinsam mit ihrer drei Jahre älteren Schwester Yun Hong war sie in einem japanischen Internierungslager gefangen und hat als einzige überlebt. Die vielen Monate in Gefangenschaft haben die beiden jungen Frauen nur ertragen, weil sie sich in die in ihren Köpfen geschaffenen und für andere unsichtbaren und unzugänglichen Gärten geflüchtet haben. Die chinesische Familie Teoh war einst auf Einladung der dortigen Regierung in Japan, weil diese dem Vater Gummiprodukte abkaufen wollte. Bei dieser Gelegenheit hatten die Schwestern die japanischen Gärten für sich entdeckt und ganz besonders Yun Hong hat eine immense Faszination für diese entwickelt.

Im Gedenken an ihre tote Schwester will Yun Ling unbedingt einen japanischen Garten anlegen lassen. Doch der angefragte Aritomo, ein (ehemaliger) Gärtner des (japanischen) Kaisers hat ihre Anfrage abgelehnt und ihr stattdessen angeboten, sie persönlich in die japanische Gartenkunst einzuführen, damit sie den Erinnerungsgarten selber gestalten kann. So findet sie sich also schwere Arbeiten verrichtend in einem japanischen Garten wieder und wird dabei immer wieder unvermittelt an ihre Gefangenschaft erinnert. Yun Ling wird nicht nur durch praktische Tätigkeit in die Gartenkunst eingeführt, sie erhält auch Zugang zur ältesten Sammlung von Schriften über japanische Gärten. Sie selber darf aber keine Notizen machen. Der Garten behält laut Aritomo alles für sie in Erinnerung.

In einem weiteren Erzählstrang erfährt die angesehene Richterin Teoh Yun Ling von einer schweren Krankheit und dass als Folge derselben ihre Erinnerungsfähigkeit schwinden wird. Sie verlässt vorzeitig ihren Richterstuhl am obersten Gerichtshof in Kuala Lumpur und fährt zum ersten Mal seit Jahrzehnten wieder in den Garten der Abendnebel, der nur rund vier Fahrstunden entfernt liegt. Für ihre restliche Lebenszeit nimmt sie sich vor, den Garten wieder herstellen zu lassen und sie beginnt, ihre Erinnerungen niederzuschreiben. Hat der vernachlässigte Garten die Erinnerungen für sie behalten? Unauslöschbar sind die eigenen Narben – sichtbare und unsichtbare und die Wut brodelt latent weiter.

Im Lauf der Erzählung entschlüsseln sich der Leserin durch neue Fakten immer mehr Geheimnisse. Doch längst nicht alle, darunter auch das um den rätselhaften Gärtner, werden gelöst. Gartenkunst ist nicht nur Zähmung und Vervollkommnung der Natur, sondern auch eine Form der Täuschung. Letzteres kann auch als Synonym für den Inhalt gesehen werden. So ganz nebenbei erfährt man von der Begründung der Gartenkunst in chinesischen Tempeln, liest über die Persönlichkeit von Steinen und die Prinzipien der geborgten Landschaft (Borgen aus der Ferne, vom Boden, von Wolken, Wind und Regen), die Kunst des Steine Setzens und das dazugehörige Platzieren und Pflegen derselben. Aritomo lehrt die Frau, dass ein Garten den Betrachter im Innersten berühren muss und Teichbesitzer können vielleicht ausprobieren, ob es stimmt, dass zu Bällen geformter Kupferdraht das Algenwachstum hemmt oder verhindert.

Eine sehr eindrückliche traurig-schöne Geschichte, mit welcher der Autor im Kopf der Leserin gewaltige Bilder schafft und gleichzeitig eine Lektüre, deren Genuss ich mir viel zu lange vorenthalten habe, „Der Garten der Abendnebel“ ist nämlich wieder mal ein Buch, das nach dem Kauf in den Tiefen der Regale verschwunden ist, und das erst wieder meine Aufmerksamkeit erregt hat, als es nun in einer deutschen Übersetzung erschienen ist.

Der einfühlsame Roman jongliert mit Widersprüchen und ist kein Buch, das man schnell liest. Im Gegenteil - er verlangt ein langsames, genaues Lesen, damit einem kein Detail entgeht, und zwar allein schon deswegen, weil regelmässig die Zeiten wechseln, ohne dass dies aus Kapitelüberschriften ersichtlich wäre. Neben dem allgegenwärtigen hortikulturellen Hintergrund gibt das Buch Einblick in einen Teil des zweiten Weltkriegs, der mir weniger bekannt ist, und hat mich veranlasst, mich etwas vertiefter mit diesem Thema zu beschäftigen. Wahrlich ein Buchstabenteich, in dem sich das Fischen lohnt! Will heissen, ein Buch, das zu lesen sich unbedingt lohnt. Dieser Ausdruck stammt (leider) nicht von mir. Ich habe ihn letzthin irgendwo gelesen und finde, hier passt er auch hin, obwohl ich mich gerade nicht erinnern kann, ob Kois erwähnt worden sind...



Tan Twan Eng: 
Der Garten der Abendnebel 
Droemer Verlag, 2015

8. Juni 2015

Rosie Sanders: Überwältigende Blüten

Die englische Blumenkünstlerin Rosie Sanders ist über ihr Heimatland hinaus bekannt durch ihr Buch über alte und neue Apfelsorten, in welchem sie 144 Sorten detailgetreu vorstellt. Nicht um knackige Motive, sondern hauptsächlich um Blumen und Blätter geht es es in ihrem neuen Werk „Überwältigende Blüten“ und schon beim ersten Durchblättern stellt man fest, dass der Titel nicht zu viel verspricht.

Im Vorwort „Von der Blume zum Bild“ verrät die Malerin, dass sie andauernd Objekte und Motive sammelt und wie sie beim Malen vorgeht. Ihre grossformatigen Werke entstehen Schritt für Schritt und stellen sie laufend vor die Entscheidung zwischen „was kann weggelassen werden?“ und „was ist unentbehrlich?“ Sie beschäftigt sich aber nicht nur mit dem Pinsel in der Hand mit der Botanik, vielmehr liebt sie auch den direkten Kontakt mit Pflanzen und der Erde. Ihr eigener Garten dient denn auch als wichtige Inspirationsquelle.

Ein Blick auf das Inhaltsverzeichnis gibt weitere Vorlieben preis: mit „Vielfalt im Garten“, „Die Magie der strahlenden oder düsteren Exoten“, „Die Faszination der Orchideen“ und „Die Suche nach der schwarzen Iris“ sind einige der Kapitel überschrieben. Auch Rosie Sanders Faible für dunkle Pflanzen ist nicht zu übersehen und im Buch finden sich dazu wunderschöne Bilder von Gladiolen, Tulpen und Iris. “Überwältigende Blüten“ ist aber kein reines Bilderbuch. Denn neben der Einleitung hat Andreas Honegger passend zu den abgebildeten Pflanzen Texte mit wissenswerten botanischen Hintergrundinformationen verfasst.

Durch das genaue Beobachten beim Malen lernt die Künstlerin selber die Pflanzen sehr genau kennen. Genau so hat sie erst festgestellt, dass etwa Amaryllis gar keine steifen, roten Blumen sind, sondern eine faszinierende Statur aufweisen und inzwischen schätzt sie die verschiedenen Blütenformen der vielen unterschiedlichen Sorten.

Das Buch enthält grossformatige Bilder in Aquarelltechnik, die im Laufe des letzten Jahrzehnts entstanden sind und die eine Präzision im Pinselstrich aufweisen, welche die Betrachterin nur neidlos und respektvoll zur Kenntnis nehmen kann. Die Künstlerin spielt mit Formen, Struktur und Mustern und dabei entstehen üppige, farbenfrohe Werke von oft grossblumigen Blüten wie Cannas, Schwertlilien und Fledermausblumen. Dazwischen sind aber auch zarte Motive zu finden wie die Schachbrettblumen und die Wiesenbewohner am Anfang und am Ende des Buches. Eines haben sie alle gemeinsam: die Bilder sind perfekt – samt der Flecken und vertrocknenden Stellen, die von der Vergänglichkeit der Motive zeugen, vor denen die wunderschönen Werke glücklicherweise verschont sind.

Worte können diesen Bildern kaum gerecht werden. Doch im Internet lassen sich mühelos etliche von Rosie Sanders Werken anschauen. In einem YouTube-Kurzfilm erhält man Einblick in den Garten und das Atelier der Künstlerin und man kann ihr sogar beim Ziehen von Pinselstrichen über die Schulter schauen. Das Malen eines Kamelienblatts sieht eigentlich gar nicht so schwierig aus…  



Rosie Sanders: 
Überwältigende Blüten 
Elisabeth Sandmann Verlag, 2015

1. Juni 2015

John Wyndham: Die Triffids (Buch und DVD)

Fleischfressende Pflanzen haben immer wieder die Fantasie von Schriftstellern beflügelt und verschiedene dieser literarischen Vorlagen sind auch auf die Leinwand gebracht worden. Während ich von „Die Saat des Bösen“ (Film von Paul Ziller) und „The Little Shop of Horrors“ nur die Film- bzw. Theaterversionen kenne, habe ich die „Triffids“ von John Wyndham im Jahr 2006 mit der Buchausgabe aus dem ehemaligen Verlag Heinrich und Hahn kennengelernt.

Die englische Originalausgabe "The Day of the Triffids" erschien 1951. Das Buch zählt inzwischen zu den Klassikern und ist auch mehrfach verfilmt worden. Anlässlich des 50. Jahrestags hat Simon Clark eine autorisierte Fortsetzung mit dem Titel „The Night of the Triffids“ geschrieben.

Wer sind denn die „Triffids“? Das sind wandelnde Pflanzen, ursprünglich gezüchtet, um Öl aus ihnen zu gewinnen. Plump und in Fussgängergeschwindigkeit bewegen sich die seltsamen Gewächse fort. Sie können nicht nur miteinander kommunizieren, sondern ihren Opfern auch tödliche Stiche verabreichen.

Als ein Kometenschauer rund um den Erdball zieht, blickt ein Grossteil der Menschheit in den Himmel und schaut dem faszinierenden Schauspiel zu - nicht ahnend, welche Folgen dieses Vergnügen haben wird. Über Nacht erblinden die meisten Menschen, worauf das gewöhnliche Alltagsleben völlig zum Erliegen kommt. Gleichzeitig schlägt die Stunde der „Triffids“, die überall auf ihre hilflosen Opfer lauern.

Die wenigen Menschen, die noch sehen können, stehen vor der Entscheidung, ihre eigenen moralischen Verpflichtungen über Bord zu werfen oder sich den vielen unüberwindbaren Aufgaben, die sich über Nacht aufgetan haben, zu stellen. Denn selbst wenn in einer Grossstadt wie London nur wenige „normal“ handlungsfähige Menschen übrig bleiben, heisst das noch lange nicht, dass sich diese darüber einig sind, wie die Zukunft gestaltet werden soll.

Und hier gleich noch ein weiterer thematisch passender Buchtipp: Die Kurzgeschichte „Die seltsame Orchidee“ von Herbert G. Wells bedient sich Elementen aus Science-Fiction und dem Horror-Genre. Der Autor berichtet vom einsamen Orchideensammler Wedderburn, der ein langweiliges Leben führt, bis plötzlich aus einer verschrumpelten Knolle eine besondere Pflanze wächst und ihm mehr Aufregung als lieb verschafft.

Übrigens sind alle in diesem Post erwähnten Filme nichts für schwache Nervern...



John Wyndham: 
Die Triffids
Verschiedene Ausgaben auf Deutsch und Englisch erhältlich 

Simon Clark:
The Night of the Triffids 
Verschiedene Englische Ausgaben erhältlich 

Die Triffids – Pflanzen des Schreckens von Nick Copus 
DVD / Produktion aus dem Jahr 2009 

The Day oft he Triffids – BBC-Serie
DVD / Produktion aus dem Jahr 1981 

The Day of the Triffids/Blumen des Schreckens von Steve Sekely 
DVD / Produktion aus dem Jahr 1962

23. Mai 2015

Gabriele Tergit: Der glückliche Gärtner

Vor Jahresfrist habe ich die Buchvorstellung "Der alte Garten" von Gabriele Tergit abgeschlossen mit der Hoffnung, dass der zweite Teil auch bald neu erscheinen möge. Das Warten war diesmal von kurzer Dauer, denn „Der glückliche Gärtner“ enthält nun die Fortsetzung des 1958 unter dem Titel „Kaiserkron und Päonien rot. Kleine Kulturgeschichte der Blumen“ erstmals erschienen Buches.

So geht es nun also weiter mit Blumengeschichten und Geschichtlichem über die Blume. Ein Blick auf das Inhaltsverzeichnis verrät, über welche hortikulturellen Schönheiten dieses Mal berichtet wird:

- Ein Leben für Veilchen und ein Tod wegen einer Kamelie
- Die Arbeiterblume
- Herkunft und Verbreitung der Rose
- Blumen aus Asien: Päonien, Hortensie
- Dahlienwut
- Die geheimnisvolle Reseda
- Eine brillante Karriere durch die Victoria regia
- Die Erfindung des Staudengartens

Arbeiterblumen wurden seinerzeit nur von Arbeitern gezogen und weitergezüchtet. Hier ist von Textilarbeitern und ihrer Blumenzüchterleidenschaft die Rede, die zur Gründung von Blumenzüchterclubs und Blumengesellschaften führte. Zu den züchterischen Höhepunkten zählten die Blumenausstellungen mit Preisverteilung. Was sind denn aber Arbeiterblumen? Aurikeln, Anemonen, Hyazinthen, Tulpen, Ranunkeln, Nelken, und Primeln zählten zu dieser Spezies. Die intensive Beschäftigung der Arbeiter mit ihren Pflanzen und ihre Erfahrung führten zu ausgezeichneten Resultaten, sprich Züchtungen. Züchtungen, die sogar jene von gelernten Gärtnern übertraf.

An anderer Stelle wundert sich Gabriele Tergit darüber, dass in öffentlichen Anlagen immer wieder die gleichen Blumen verwendet werden. Während in England Geranien, Lobelien und weisser Duftsteinrich häufig Verwendung finden, werden in Frankreich Sedum und Begonien bevorzugt und in Deutschland Stiefmütterchen, Petunien sowie Geranien. Diese Zeilen hat die Autorin vor Jahrzehnten geschrieben und seither hat sich auch in den europäischen Blumenrabatten einiges verändert. In grossen französischen Städten wie Lyon, Nancy, Metz, Calais und Paris habe ich mich in den letzten Jahren immer wieder an wunderschönen, farblich harmonisch abgestimmten Staudenbeeten in öffentlichen Parkanlagen erfreut. Auch entlang des hiesigen ehemaligen Versicherungshauptsitzes, der nun in eine französischen Firma integriert ist und den Namen der Stadt nicht mehr in die Welt herausträgt, sind die farbenfrohen Stiefmütterchen längst einer abwechslungsreicheren Staudenbepflanzung gewichen, indessen die Stadtgärtnerei in ihren Pflanzschemen immer noch häufig auf riesige Mengen der gleichen Blumen setzt.

Haben Sie übrigens gewusst, dass Goethe gerne durchgesetzt hätte, dass das Stiefmütterchen als “Gedenke mein“ bezeichnet wird, sich aber damit nicht durchsetzen konnte? Ich schliesse das Thema Stiefmütterchen damit ab, während Gabriele Tergit dazu noch mehr zu erzählen hat. Sie wusste aber auch zu berichten, dass Napoleon ständig eine goldene Kapsel mit zwei getrockneten Veilchen auf sich trug und dass Josephines Rosen auch zu Kriegszeiten sämtliche feindlichen Linien überwunden haben, um in Malmaison zu blühen.

In einer Blumengeschichten-Sammlung darf natürlich auf die Geschichte von Commerçon und Baret bzw. Hortense nicht fehlen und auch weitere Pflanzenjägerschicksale werden erwähnt. Dann geht es um die Chrysanthemenzüchtung, Spekulationen rund um die Kamelienwut, die erste wilde Blume - eine blaue Orchidee -, die per Gesetz vor der Ausrottung geschützt wurde und darüber, woher die Nerinen stammen. Ein aus Japan kommender holländischer Kahn erlitt im Kanal Schiffbruch. Die an Bord mitgeführten Pflanzen und Zwiebeln der Nerinen oder Guernsey-Lilien fühlten sich auf der gleichnamigen Kananlinsel sehr wohl und waren in London äusserst beliebt, aber erst viele Jahrzehnte später wurde herausgefunden, dass die Pflanzen gar nicht wie angenommen aus Japan stammen, sondern vom Tafelberg in Südafrika. Gabriele Terigit weiss auch, wie zufälligerweise das Herstellen von Rosenöl entdeckt wurde und sie berichtet von einem Zwiebelparfum, dank welchem auf Kommando Tränen fliessen und warum zur Lilienblütenzeit in irischen Gärten ausgemacht werden kann, ob ein katholischer oder ein protestantischer Gärtner am Werk ist.



Gabriele Tergit: 
Der glückliche Gärtner 
Schöffling und Co., 20015

15. Mai 2015

Kathy Stinson: Die Wahrheit über Ivy

Seit längerer Zeit ist der fünfzehnjährige David Burke für den Familiengarten verantwortlich. Er erledigt seine Arbeiten sehr gewissenhaft und führt sogar ein Gartennotizbuch, in dem er lateinische Pflanzennamen sortiert nach Blütenfarbe und Blütenzeit einträgt. Aktuell blättert er oft in seiner Enzyklopädie der Stauden, um passende Herbstblüher für den Garten auszuwählen. Aber auch im Internet stöbert er häufig auf hortikulturellen Seiten herum.

Mit der Pflege des Gartens entlastet David seine Mutter, deren Leben sich vollumfänglich um die elfjährige Ivy dreht, die mit schweren multiplen Behinderungen geboren worden ist. Überhaupt wird der Familienalltag allein durch Ivys Bedürfnisse gesteuert, die hilflos wie ein kleines Baby und damit rund um die Uhr auf Hilfe angewiesen ist. Seit einer Operation vor drei Jahren leidet sie unter zuletzt immer häufiger auftretenden Krampfanfällen und ein weiterer Eingriff ist geplant.

David fühlt sich von seinen Eltern unverstanden. Er kann sich nur an wenige Unternehmungen allein mit Mutter und Vater erinnern und hat häufig das Gefühl, dass ihn seine Eltern nur wahrnehmen, wenn sie ihn für eine Besorgung einspannen wollen. Wenn er mit Ivy unterwegs ist, schämt er sich oft für seine jüngere Schwester oder fühlt sich peinlich berührt. Daneben gibt es aber auch schöne Momente. Ivy liebt Wasser, Regenbogen, durch die Bäume tanzendes Sonnenlicht und sie kichert oft und gern und mag es, ihrem Bruder beim Gärtnern zuzuschauen, etwa wenn er Delphinium von Coreopsis trennt.

Als Ivy in den Ferien beim Schwimmen tödlich verunglückt, verändert sich das Leben der Familie Burke drastisch. Genau zum Zeitpunkt des Unfalls war David mit dem kürzlich ins Nachbarhaus eingezogenen Mädchen Hannah unterwegs und so glücklich wie selten. Davids Gefühle drehen sich im Kreis – Erleichterung vermischt sich mit Schuldgefühlen und der Frage, ob und was Hannah für ihn empfindet. Immer mal wieder hat sich der pubertierende Junge gewünscht, er wäre ein Einzelkind. Nun ist er wieder das einzige (lebende) Kind seiner Eltern und er merkt, dass sich gar nichts geändert hat. Und schon gar nicht zum Besseren. Obwohl David seine Schwester häufig als Belastung empfunden hat, vermisst er sie stark und würde sich gerne für sein ab und zu unrühmliches Verhalten bei ihr entschuldigen.

Dann tauchen von verschiedenen Seiten Gerüchte auf: Davids Vater soll Schuld an Ivys Tod sein. Hat er tatsächlich nicht alles menschenmögliche getan, um seine Tochter während ihrem Krampfanfall im Wasser ans wohl rettende Ufer zu tragen?

Wer entscheidet, wann und welches Leben lebenswert ist? Was, wenn die betreffende Person sich nicht selber ausdrücken kann? Hat Davids Vater tatsächlich Schuld auf sich geladen? Kathy Stinson regt mit diesem Jugendbuch zum Nachdenken an. Sie wirft viele Fragen auf, liefert aber keine Antworten. Eine recht kurze Erzählung, die inhaltlich umso länger bewegt und nachhallt.  



Kathy Stinson: 
Die Wahrheit über Ivy 
cbt, 2014

8. Mai 2015

Andreas Barlage: Ans Herz gewachsen – Ein Gärtner und seine Lieblingspflanzen

Von Taglilien, Pfingstrosen, Maiglöckchen, Duftveilchen, Winterastern, Islandmohn, Wicken, Königslilien, Dahlien, Wildtulpen, Rosen und viele anderen Blumen mehr schwärmt Andreas Barlage in diesem sehr persönlichen Buch und offenbart ein grosses Herz mit viel Platz für blühende Schönheiten. Ein kurzer hortikultureller Lebenslauf am Anfang der Publikation gibt einen Einblick in die zahlreichen Gärten, die in seinen ersten fünf Lebensjahrzehnten einen wichtigen Platz eingenommen haben.

Schon als Jugendlicher zeigte der Autor grosses und andauerndes Interesse am Gärtnern und wurde dabei von den Eltern gefördert und unterstützt - sowohl finanziell als auch durch das Vermitteln von ästhetischen Aspekten, wie er im Nachwort verrät. Doch zurück zum Anfang der grünen Passion. Diesen bildet der Verzicht auf drei Fix- und Foxi-Hefte. Der Gegenwert dieser Zeitschriften entsprach nämlich dem Preis einer Bauernpfingstrose im Topf. Dieses in der nahen Gärtnerei gekaufte Pflänzlein hatte allerdings fragwürdig wenig Ähnlichkeit mit einer eben solchen Schnittblume, welche den Jungen an einem Familienfest tief beeindruckt und zum Erwerb verführt hatte.

Der Garten hält noch viele weitere Lektionen bereit, so auch jene, dass neben Investitionen in Pflanzen auch solche in Dünger und Pflege nötig sind und Erfolg im grünen Bereich vielfach auf einer rechten Portion Geduld beruht. Viel Wissen eignet sich der junge Gärtner auch lesend an und seine beruflichen Ausbildungen schliessen auch ein Gartenbaustudium ein.

Die Entwicklung des Gärtners geht erfahrungsgemäss einher mit einem fortwährenden Wechsel von Vorlieben und schliesst meist auch das Gefallen oder Nicht-mehr-Gefallen von grossen Blüten ein. Denn während Junggärtnern eine Blume oft nicht gross genug sein kann, zieht der reifere Mensch kleinere Formen vor. Doch nicht nur schöne Blüten sind ein ausgezeichneter Kaufgrund, auch persönliche Erinnerungen kombiniert mit historischen Begebenheiten eignen sich als Auslöser für den Kauf einer bestimmten Rose.

Der Autor bezeichnet sich selber als Gärtner-Faulpelz, was ich nicht so richtig glauben mag. Hätte er sonst als dannzumal autoloser Balkongärtner sackweise Erde und grosse Töpfe mit den öffentlichen Verkehrsmitteln heimtransportiert und über Treppen in den dritten Stock geschleppt? So oder so vermittelt die Lektüre das Bild eines sehr sympathischen Mannes und man freut sich sofagärtnernd mit, wenn er von wunderbaren Gartenbildern aus Islandmohn und Narzissen berichtet oder von Erinnerungen weckenden Blumendüften berichtet. Daneben gibt es auch kritische Töne, etwa über die Massenvermehrung von Chrysanthemen, und Philosophisches über Schönheit und Vergänglichkeit.

Ob die Leserin über einen grünen Daumen oder nur über einen grünen Nagel (eine sehr hübsche Formulierung aus dem Buch) verfügt – sie wird sich bestimmt spätestens nach der Lektüre dieser Publikation Gedanken über die eigenen Lieblingspflanzen machen und das eine oder andere erwähnte Gewächs in den eigenen Garten holen wollen. Zuvor muss sie nur für sich entscheiden, was allerwichtigst ist oder ober-allerwichtigst - ein weiterer ungewohnter Ausdruck aus dem mit vielen Fotos und zum jeweiligen Thema passenden Papierblumen illustrierten Buch.  



Andreas Barlage: 
Ans Herz gewachsen – Ein Gärtner und seine Lieblingspflanzen 
Jan Thorbecke Verlag, 2013

1. Mai 2015

Globi und der Planet Erde – Über den schlauen Umgang mit unserer Umwelt

Wer Globi ist, muss hierzulande wohl keinem Kind erklärt werden. Auch ich habe noch einzelne Globi-Bücher aus meiner Kindheit und als die Nachwuchs-Sofagärtner noch kleiner waren, wurde die Sammlung regelmässig um neue Bücher und Cassetten erweitert. Letztere kommen übrigens auch heute noch ab und zum Einsatz. Vor einigen Jahren haben wir deshalb auch mit grossem Interesse die Globi-Ausstellung über den Werdegang von der Werbe- zur Kultfigur im hiesigen Gewerbemuseum besucht. Mit „Globi und der Planet Erde“ hat nun erstmals ein Globi-Sachbuch den Weg in unseren Haushalt gefunden.

Am Anfang des Buches steht unerwartet Besuch vor Globis Haustüre. Auf der Schwelle wartet ein ganz besonderer Patient darauf, dass ihm geöffnet wird, nämlich der blaue Planet. Diesem geht es gar nicht gut. Das lässt sich unschwer aus den eindrücklichen Illustrationen erkennen und wird im Text auch entsprechend nachdrücklich bestätigt. Die Erde leidet nicht an Masern oder Windpocken, nein, sie „hat“ Menschen, und diese machen seit über hundert Jahren immer häufiger Dinge, die ihr nicht gut tun. Der Blitzbesuch des stöhnenden Patienten endet mit der Bitte an Globi, den Menschen klar zu machen, dass es nur eine Erde gibt und jeder persönlich zu ihr Sorge tragen muss.

Globi nimmt die ernste Aufgabe an und das Vermitteln des Themas Nachhaltigkeit geschieht mit einem Ausflug, den er am nächsten Tag gemeinsam mit Freunden unternimmt. Die Wahl des Fortbewegungsmittels fällt umweltbewusst auf Zug und Bus. Die Reisezeit wird mit Spielen für unterwegs überbrückt und auch der Nachteil in Form von gelegentlich längeren Wartezeiten auf Anschlüsse wird nicht verschwiegen.Das Buch liefert neben Ideen für Spiele Gründe, weshalb man weniger Autofahren soll, stellt das sparsamste und das durstigste Auto vor und erklärt, wie solche Fahrzeuge betrieben werden. Immer öfter kommen Mais und Zuckerrohr als Benzinersatz in den Tank und beanspruchen riesige Anbauflächen, die eigentlich für Nahrungsmittel gebraucht würden. Damit sind Globi und seine Freunde am Start einer Wanderung durch ein Hochmoor angekommen - Gelegenheit, über die vielen tierischen und pflanzlichen Bewohner dieses Landstrichs zu erfahren und über die Problematik des Torfabbaus.

Der Ausflug ist genau wie die Themenvielfalt damit noch lange nicht zu Ende. Kapitel mit Überschriften wie „Welche Pflanze wächst für wen?“, „Schlau einkaufen, wie geht das?“, „Warum ohne Wasser gar nichts läuft“ und „Wie man ein gutes Klima schafft“ vermitteln weiterhin spielerisch Basiswissen über Ökologie und Respekt vor der Natur. In Kurzportraits werden bekannte Persönlichkeiten vorgestellt, die sich für die Natur einsetzen oder eingesetzt haben, wie etwa Sir David Attenborough (geb. 1926), der seit vielen Jahren den Wundern der Natur auf der Spur ist, oder der Naturforscher Alexander von Humboldt (1769-1859) und der Insektenzähler Jean-Henri Fabre (1823-1915).

In die grosszügig illustrierte Lektüre rund um das Thema Nachhaltigkeit eingebettet sind auch Rätsel und Bastelvorschläge und die kleinen Leser lernen, dass „Schweizerhose“ nicht der Name für Globis Markenzeichen, die schwarz-rot-karierte Hose ist , sondern der Name einer süssen, saftigen Birne, während der grosse Leser sich bei der „Geschichte vom kurzsichtigen Herrscher“ an eine Sequenz aus dem beeindrucken Film „More than Honey“ von Markus Imhoof erinnert. Auch auf den als irrsinnig zu bezeichnenden Produktionsweg von billigen Massen-T-Shirts samt der langen Reise deren einzelner Bestandteile durch Europa und Asien wird hingewiesen.

Während Jahrhunderten, nein während Jahrtausenden hat das Gleichgewicht zwischen Nehmen und Geben von Mensch und Natur funktioniert. Die Waage ist aus dem Gleichgewicht geraten, die Rohstoffe werden knapper, die Artenvielfalt geht zurück und die Umweltverschmutzung ist eines der grössten zu lösenden Problemen der Erdbewohner.

Alle diese Erlebnisse sind in einen ereignisreichen Tag gepackt, der hoffentlich sowohl den kleinen wie den grossen Leserinnen und Lesern in nachhaltiger Erinnerung bleibt. Im Anhang werden schliesslich noch Begriffe von Bio, Biodivesität über Foodprofil, Graue Energie, Minergie bis Zertifizierung erklärt und den Abschluss bildet Globis Schlusswort: Meine Welt ist deine Welt, ist unsere Welt.  



Liz Sutter (Text) und Daniel Müller (Illustrator): 
Globi und der Planet Erde – Über den schlauen Umgang mit unserer Umwelt 
Orell Füssli Verlag/Globi Verlag, 2015

23. April 2015

Grow your Own - You never know where you’ll find your Roots (DVD)

In einem Schiffscontainer ist ein Kantonese mit seiner Familie aus China nach England gekommen. Seine Ehefrau hat die Strapazen der Reise nicht überlebt. Er selber ist schwer traumatisiert. Seine Kinder kümmern sich so gut wie möglich um ihn und versuchen zu vertuschen, wie schlecht es ihrem Vater wirklich geht. Die zuständige Betreuerin hat bisher vergeblich versucht, den stummen, eigentlich sprachgewandten Chinesen zum Reden und zur Erfüllung seiner Pflichten zu bringen. Nun verschafft sie der Familie eine Gartenparzelle in einer dezentral gelegenen Gemeinschaftsgartenanlage , die mehrheitlich von Engländern beackert wird.

Damit dringt zum wiederholten Mal  unwillkommen die grosse, weite Welt in Form von Asylanten in die eingezäunte, scheinbar heile Welt der Parzellenpächter herein. Sehr zum Missfallen einzelner Gärtner. Geschürt wird das Missfallen und Misstrauen von „Big John“, dem dominanten Vorsitzenden, der meint, gute Zäune machen gute Nachbarn. Er lässt zwar die Gemeinschaft der zahlenden Mitglieder immer wieder abstimmen, doch steuert er subtil und zunächst auch erfolgreich, dass die Resultate seine Meinung widerspiegeln. Und was hat schon ein Querulant zu melden, der nicht einmal sein Gartenhaus in der (garten)politisch korrekten Farbe zu streichen vermag?

Ein Telekommunikationsanbieter plant gleichzeitig das Aufstellen einer Sendeantenne in der Gartenanlage und lockt mit viel Geld. Die Ideen und Wünsche der Pächter für die Verwendung sind vielfältig. Vielleicht lässt sich ja aus dem Verdrängen der ungeliebten ausländischen Nachbarn sogar Profit schlagen?

„Grow your own“ ist kein „how-to-grow-your-own-vegetable“-Film. Hintergrund ist ein ernstes Thema, angesiedelt im Schrebergartenumfeld und obwohl der Film immer wieder witzig ist, würde ich ihn nicht ins Genre Komödie einordnen. Die Geschichte lebt von den unterschiedlichen Charakteren – Angepasste, Mitläufer, Querulant und Möchte-Gerne-Querulanten und behandelt zwischen dem Anpflanzen von Kohl und Co. Themen wie Vorurteile, Rassismus, Respekt und Toleranz.

Parallel mit dem wiederholten Wechsel des Farbanstrichs sämtlicher Gartenhäuser findet ein Umdenken in den Köpfen der Gärtner statt. Dies äussert sich auch darin, dass der jährliche herbstliche Erntevergleich nicht mehr nur ein abgekartetes Spiel ist. Zum ersten Mal lässt sich auch mit dem Heranziehen von Ocra oder speziellen Melonen ein Preis gewinnen. Und sogar „Big Johns“ Sohn lässt sich nicht länger vom überlegenen Vater herumgängeln. Er trägt sein (zu) farbenprächtiges Hemd nicht mehr verschämt, sondern offen und merkt irgendwann sogar, welche „Biene“ ihn umschwärmt.  



Grow your Own (DVD) 
Richard Laxton 
Pathe, 2007

15. April 2015

Peter Würth: Grüne Liebe

Wenn die Lesezeit beschränkt ist, muss besonders genau überlegt werden, zu welcher Lektüre gegriffen werden soll. Da ich dieses vom Verlag als Liebeserklärung an den Garten angepriesene Büchlein bereits in der früheren Ausgabe mit dem Titel „Gärtnern“ gelesen habe, zog ich „Grüne Liebe“ vorerst nicht in Erwägung. Das Inhaltsverzeichnis hat mich dann aber gleich zum Lesen verführt, und so stelle ich es nun doch hier im Sofagarten vor. Verlockend fand ich besonders die folgenden Kapitelüberschriften: „Der Garten meiner Kindheit“, „Englische Leselust“, „Visite bei Jürgen Dahl“, „Digitales Grün“ und „Gartenzwerge sind nicht spiessig“.

Peter Würth lässt die Leserin an seiner Gärtner-Werdung teilnehmen. Gleich zu Beginn offenbart er seine Eifersucht auf den Garten. Denn während er, der Autor, gut für sich selber sorgen kann, ist der grüne Bereich rund ums Haus auf die Liebesdienste der Frau angewiesen und wird gehätschelt und gepflegt, was zum Sinnieren anregt. Ob eine Wiedergeburt als Cosmea vielleicht eine Lösung dieses Problems wäre?

Für eine andere Herausforderung bietet sich der Studentenschnelldienst als Mittel und Weg an, schliesslich soll die (eigene) körperliche Belastung beim Gärtnern nicht überborden. Und die Aufgabe, den ganzen Garten umzugraben, kann oder besser muss wohl dieser Kategorie zugeordnet werden. Je nach Sichtweise eine klassische win-win-Situation – der eigene Rücken wird nicht überbelastet und dafür werden die Wirtschaft oder eben Studenten unterstützt.

Jedenfalls weist der neue Garten mit deren tatkräftiger Unterstützung überraschend schnell Ähnlichkeiten mit dem zuvor am Computer ausgetüftelten Plan aus. Dafür sorgen nicht zuletzt die frisch eingepflanzten Rhododendron, verschiedene Rosen, ein Jasminstrauch, eine Zaubernuss, ein Johannisbeer-Halbstamm und andere Neuerwerbungen. Wie viele ungeduldige Gärtner vor ihm muss auch dieser erfahren, dass zu eng bepflanzte Beete bereits nach relativ kurzer Zeit kaum mehr zu bändigen sind. Denn sehr schnell hat sich der Garten von der ursprünglichen Wüste in einen Dschungel und - nachdem der Mensch wieder für Ordnung gesorgt hat - in ein Schlachtfeld verwandelt.

Weitere Stationen im Gärtnerleben sind die Rosenkrise, ausgelöst durch die persönliche Entdeckung von Alten Rosen und damit der wahren Stachelschönheiten und das Hadern mit dem Birnenüberfluss – warum können nicht stattdessen ein paar Himbeeren mehr wachsen? Wenn Nachbars Katze erfolgreich ihre Jagdtriebe auslebt, wird das dann doch als etwas gar zu viel Natur im Garten erlebt. Wieso sich der fleissige Gärtner in Anbetracht der genussfreudigen Mitbenutzer gelegentlich vorkommt, als sei er aus dem eigenen Paradies vertrieben worden, und welche Schneckenbekämpfungsmethode er bevorzugt, lesen Sie besser gleich selber nach.

Meine Lieblingskapitel handeln von der Leselust und der Wiederbegegnung mit dem 2001 verstorbenen Jürgen Dahl. Die Bücher dieses neugierigen Gärtners, Ökologen und Philosophen habe ich seinerzeit mehrfach gelesen. Wieso glaubt der Autor, das englische Journal "Hortus"„ sei nur noch antiquarisch erhältlich? Meint er die zusätzlich in Anthologien veröffentlichten Essays aus „Hortus“? Ich erneuere nach wie vor jährlich mein Abo (das wegen dem starken Franken heutzutage viel günstiger ist als vor zehn Jahren…) und die Ausgaben erscheinen heutzutage bedeutend jahreszeitgerechteter als früher. So ist die aktuelle Frühlingsausgabe bereits Anfang April im Briefkasten gelegen.

Nach fast zwei Jahrzehnten habe ich mich natürlich nicht mehr im Detail an die erste Lektüre dieser im Übrigen vollständig neu überarbeiteten Texte erinnert. Nichtsdestotrotz liebe ich solche kenntnisreichen und vergnüglich verfassten Gärtnergeschichten. Dies gilt umso mehr, wenn sie in einer so hübschen Verpackung (sprich Umschlag) daherkommen, wie die jederzeit lesenswerten Gartenklassiker aus dem Schöffling Verlag.  


Peter Würth: 
Grüne Liebe 
Schöffling und Co., 2015

8. April 2015

Herbert Frei-Schindler: Der Hanggarten eines passionierten Pflanzensammlers

Von (beinahe) Null auf fünfzig Arten und Sorten von Rosen in fünfzehn Jahren ist nur eine von verschiedenen beeindruckenden Erwähnungen, die sich in diesem Buch über einen Stadtzürcher Hanggarten nachlesen lassen. Neugierig auf den Inhalt machen nämlich schon Kapitelüberschriften wie „England in Hirslanden“, „Von Königinnen und Fussvolk“ und eben „Gärtnern in Steillage“. Die Innenseiten des Buchumschlags zeigen die skizzierten Höhenprofile Nord-Süd der West- und  der Ostseite, auf denen die wichtigsten strukturgebenden Gehölze eingezeichnet sind und vermitteln der ortsunkundigen Leserin einen ersten Eindruck von der Hanglage dieses Gartens.

Vor knapp zwanzig Jahren hat das Ehepaar Schindler damit begonnen, sich mit dem Garten, dessen Anlage auf das Jahr 1927 zurückdatiert, auseinanderzusetzen. Die Initiative lag zunächst bei der Frau. Der Autor zeigte dannzumal wenig Interesse an gärtnerischen Aktivitäten und schätzte die ihm als Hilfsgärtner zugedachten Tätigkeiten gar nicht. Schon bald gab es einen Wechsel in den Zuständigkeiten und damit einher ging der Beginn der intensiven Grundstückbepflanzung.

Die oben angedeutete Passion für Rosen schlich sich erst auf Umwegen ein, und zwar nicht durch ein wohlriechendes, blühendes Exemplar in situ, sondern durch das Betrachten des Fotos eines solchen in einem im Kew Garden Bookshop aufgelegten Buch. Überhaupt stammen etliche der unzähligen Pflanzenschätze aus Grossbritannien. Die Reisen dorthin werden ausgiebig zu Pflanzeneinkäufen genutzt und auf der Rückfahrt überquillt nicht nur der Kofferraum mit Grünzeug, jeder andere verfügbare Quadratzentimeter des Transportmittels (kein Kleinwagen) wird ausgenutzt. Das Ehepaar findet aber tatsächlich trotzdem noch Platz fürs Gepäck – davon kann man sich auf seiner Internet-Seite selber überzeugen.

Neben Kletterrosen, Persischen Rosen, Strauchrosen und historischen Rosen liegt das Augenmerk der Pflanzensammler auf interessanten Gehölzen und Stauden. Nicht immer lässt sich genau definieren, warum man eine bestimmte Pflanze nun unbedingt haben muss, aber neben „speziell“ ist „Klimasurfen“ ein wichtiges Stichwort. Der Begriff umschreibt hortikulturelle Versuche mit Pflanzen, die eigentlich nicht in hiesigen Breitengraden gedeihen, wegen der Klimaerwärmung die Winter zwar nicht verlässlich, aber doch immer öfter ohne grosse Verluste überstehen Und neben den Aspekten „rar“ oder zumindest „ungewöhnlich“ müssen Neuerwerbungen natürlich auch den hohen ästhetischen Ansprüchen genügen. Den Kaufentscheid des Historikers können aber auch geschichtliche Faktoren beeinflussen.

Dieses Buch aus der DVA-Gartenportrait-Reihe ist grosszügig mit Fotos illustriert, von denen die meisten vom Autor selber stammen, der seit Jahrzehnten fotografiert. Besonders schön ist die Gegenlicht-Aufnahme auf dem Titelbild, auf der die Rinde des Zimtahorns rot zu brennen scheint. Obwohl die wiederholten Erwähnungen von Pflanzeneinkaufstouren und Internetbestellungen einen fast unbeschränkten Platz vermuten lassen, ist dem nicht so. Die Wünsche sind nicht immer kompatibel mit den vorhandenen Unterbringungsmöglichkeiten und Neuanschaffungen verlangen oft gleichzeitig nach Opfern. Entweder müssen Funkien öfter ihre äussersten Blätter lassen, damit sie ihre Nachbarn nicht völlig be- und verdrängen, oder es muss erst eine Pflanze ausgegraben werden, damit eine andere die frische Lücke füllen kann. Asiatische Gehölze wie Ahorne und der japanische Schneeball werden mit einer besonderen Rückschnitt-Technik à la Prinzessin Greta Sturdza geformt, welche Durchblicke erlaubt.

Als eher ungewöhnlich zu bezeichnen ist die Tatsache, dass die Schindlers weitgehend auf Terrassierung und Mauern verzichten und auf die Stabilisierung des Hangs durch Pflanzen vertrauen. Warme Farbtöne werden nur zurückhaltend eingesetzt, der Schwerpunkt liegt auf kühlen und zarten Farben. Ein Hanggarten hat seine Vor- und Nachteile. Letztere sind hier gekonnt zu Gunsten von ersteren ausgenutzt worden und so haben, wie der Autor vermerkt, inzwischen Pflanzen aus vier Kontinenten in Zürich ein Zuhause gefunden.

Noch vor Abschluss meiner Lektüre hatte ich Gelegenheit, an der Buchvernissage mit kommentiertem Bildervortrag teilzunehmen. Der Autor plauderte kenntnisreich und launig über seinen beeindruckenden Garten, von Gartenreisen und seinen persönlichen Erfahrungen. Die Sofagärtnerin und ihre Kollegin hätten gerne noch länger zugehört. Ganz minim getrübt wurde mein Vergnügen allein dadurch, dass mir während der Veranstaltung zwei-, dreimal die anfängliche Bemerkung von wegen altem Haus, grossem Besucheraufmarsch und Statik in den Sinn gekommen ist.

Nach wie vor nicht definitiv in den Sinn gekommen ist mir hingegen, ob ich vor ein paar Jahren bei strömendem Regen anlässlich eines Tages der offenen Gartentür in diesem Garten war (kann bzw. könnte man den Besuch in einem solchen Garten vergessen?) Als Entschuldigung für diese Erinnerungslücke mag oder muss neben dem schlechten Wetter meine damalige junge Begleitung herhalten, die sich mehr auf die geplante Shoppingtour nach den erpressten beiden Gartenbesuchen (der zweite Besuch war in einem Blindengarten und das Wetter schon deutlich freundlicher) freute, als sie sich für Gärten interessierte...

Den Link zur Internetseite finden Sie hier.



Herbert Frei-Schindler: 
Der Hanggarten eines passionierten Pflanzensammlers 
Deutsche Verlags-Anstalt, 2015

1. April 2015

Ernesto Ferrero: Die Geschichte von Quirina, dem Maulwurf und einem Garten in den Bergen

In einem lombardischen Bergdorf wohnt die über achtzigjährige Quirina. Seit vielen Jahren ist sie verwitwet und lebt allein. Und zwar gar nicht ungern, weil so Kompromisse und Streitigkeiten auf ein Minimum reduziert sind. Sie liebt das Lösen von Kreuzworträtseln und pflegt täglich ihren Garten. Wenige Nutzpflanzen wie Rosmarin, Salbei, Schnittlauch, Tomaten und Basilikum haben hier ihren Platz neben vielen Blumen und Blütensträuchern wie Zinnien, Pfingstrosen und Hortensien und in der Mitte des Rasens steht ein hundertjähriger Birnbaum.

Quirinas Alltag ist geprägt von langweiligen (aber das weiss sie noch gar nicht) Ritualen und langjährigen Gewohnheiten. Zu diesen gehört auch der morgendliche Kontrollgang durch den Garten. Hat der nächtliche Wind eine unerwartete Störung verursacht? Ordnung ist schliesslich ein Zeichen von geistig-moralischer Disziplin und hat nach Quirinas Meinung auch im Garten ihre Richtigkeit.

Die sparsame Dame empfindet bereits vom Birnbaum auf den Rasen heruntergefallene Blätter als persönlichen Affront und so verwundert sich die Leserin keinen Moment über Quirinas heftige Reaktion auf das plötzliche Erscheinen von kleinen Hügeln auf der gepflegten Grünfläche, die sich in der Folge jede Nacht vermehren. Umgehend soll wieder der "Vor-Maulwurf-Zustand" hergestellt werden. Doch die Erreichung dieses Ziels entpuppt sich als sehr schwierig.

Tatkräftig unterstützt wird Quirina in ihren Maulwurf-Vergrämungsversuchen von ihrer Tochter Maria Piera, einer passionierten Botanikerin, die zwar hinreichend erprobt ist im Kampf gegen des Gärtners Feinde wie Schildläuse, Spinnmilben, Mehltau, Nacktschnecken und Blattwickler, mit Maulwürfen bis anhin aber keine persönlichen Konfrontationen hatte. Diese Wissenslücke füllt sie mit nächtelangen Internet-Recherchen, in denen sie über die verschiedenen Methoden liest, wie Maulwürfe aus dem Garten zu vertreiben sind. Verschiedene Tipps werden ausprobiert, wie etwa jenen, Knoblauchzehen in die Gänge zu streuen, die Bekämpfung mit Wasser, Lärm und Metallröhren und die Verwendung von Fallen. Alle diese Versuche haben eines gemeinsam – sie verfehlen ihren Zweck.

Man muss seinen Feind kennen. Wie und wo spielt der Maulwurf eine Rolle? Quirina beginnt sich intensiv mit Maulwürfen auseinanderzusetzen und so erfährt man nebenbei von einer Literaturbeilage „Der Maulwurf“ und dass diese Tier in einem Buch von John le Carré eine wichtige Funktion innehat, aber auch in etlichen anderen literarischen Druckerzeugnissen.

Der Kampf gegen den Maulwurf ist zwar nicht zu gewinnen, aber dafür andere wichtige Erkenntnisse. Auf dem Umschlagrücken des illustrierten Büchleins steht perfekt formuliert (Zitat): „Eine bezaubernde philosophische Fabel über den Feind, der uns am Leben hält, indem er uns vor Perfektion bewahrt“.  



Ernesto Ferrero: 
Die Geschichte von Quirina, dem Maulwurf und einem Garten in den Bergen 
Verlag Antje Kunstmann, 2015

20. März 2015

Robyn Carr: Liebeserwachen in Virgin River

Seit Studienabschluss hat die heute zweiunddreissigjährige Gilian Matlock für den gleichen Betrieb gearbeitet, zuletzt als Verantwortliche für die Unternehmungskommunikation. Auch dank ihrem unermüdlichen Arbeitseinsatz – wöchentliche Arbeitszeiten bis zu 80 Stunden sind die Regel - hat sich die IT-Firma ihres Mentors finanziell zu einer Goldgrube entwickelt und auch Gilians Bankkonto hat davon profitiert. Deshalb zieht es ihr völlig den Boden unter den Füssen weg, als sie wegen einer willkürlichen Anklage im Interesse des guten Rufes ihres Arbeitgebers von einem Tag auf den anderen ihren Arbeitsplatz räumen und sich für ein paar Monate freistellen lassen muss. Sie kann selber nicht begreifen, wie sie sich von einem Mann derart hat hinters Licht führen und ausnutzen lassen können.

Was soll ein Workaholic samt angekratztem Selbstbewusstsein mit dermassen viel freier Zeit anfangen? Gilian macht sich spontan auf nach Virgin River, das sie von einem früheren Urlaub kennt. Während einem Spaziergang entdeckt sie ein grosses leerstehendes viktorianisches Haus mit viel Umschwung, das sie an das kleine Häuschen ihrer Urgrossmutter erinnert, in dem sie aufgewachsen ist, und wo sie schon als kleines Mädchen ihre Aufgaben im Garten zu erledigen hatte. Da für die Immobilie noch kein Käufer gefunden werden konnte, kann sie diese für ein halbes Jahr mieten.

Die junge Frau fängt zunächst planlos an, den Garten vom Unkraut zu befreien. Das intensive Gärtnern lenkt Gilian davon ab, konkrete Zukunftspläne zu schmieden. Und plötzlich ist da der Wunsch, Gemüse und Salate anzupflanzen, die schon im Garten ihrer Nana gewachsen sind. So gründlich wie Gilian zu arbeiten pflegt, geht sie auch das "Projekt Garten an" und stellt gleich einen Helfer ein. Mit dessen Unterstützung lässt sie das Grundstück einzäunen, um Rehe fernzuhalten, und zwei Gewächshäuser aufstellen. Sie lässt mehr Land roden, um weitere Gemüsebeete anzulegen, den Boden untersuchen, kauft Anzuchterde und Samen. Und sie beginnt nicht nur Gemüse, sondern im übertragenen Sinn auch ihre Zukunft anzupflanzen.

In ihren Gärten gedeihen schon bald Mangold, Lauch, Gurken, Bohnen, Kürbisse, Tomaten und verschiedene Salate sowie Babymelonen, roter Rosenkohl, winzige Rote Beete und Mini-Auberginen. Die geerdete Gärtnerin fühlt sich wohler als je zuvor und beschliesst, einen professionellen Bioanbaubetrieb mit Spezialisierung auf exotische und alte Frucht- und Gemüsesorten auf die Beine zu stellen.

Nicht nur im Garten grünt und blüht es. Gilian lernt schon bald nach ihrer Ankunft in Virgin River den talentierten vierzigjährigen Maler Colin Riordan kennen. Der begeisterte Flieger, dessen vielversprechende Karriere als Hubschrauberpilot durch einen Absturz, den er nur mit viel Glück überlebt hat, ein abruptes Ende gefunden hat, wurde zwar von den Ärzten wieder zusammengeflickt, hat aber wegen einer kurzen Schmerzmittelabhängigkeit und illiegalem Medikamentenhandel keine Chance, in den USA wieder beruflich fliegen zu können. Er hat bereits ein Flugticket nach Afrika gekauft, wo er als Buschpilot Arbeit und als Maler interessante Motive zu finden hofft. Bis zu seiner fest geplanten Abreise im Herbst, lebt er in einer Hütte in Virgin River, um weiter zu gesunden und Tiere zu malen.

Die beiden in jüngster Zeit vom Leben enttäuschten Menschen scheinen für einander geschaffen, obwohl von Beginn an klar ist, dass mit dem Ende des Spätsommers ein jeder seine eigenen ursprünglichen Pläne durchziehen wird. Kann eine befristete Beziehung mit Verfalldatum funktionieren? Lassen sich das Leben und die Liebe so einfach planen?

Das Buch „Liebeserwachen in Virgin River“ ist Teil einer Serie. Da die Erzählung in sich abgeschlossen ist, kann sie aber gut nur für sich alleine gelesen werden. Die von Robyn Carr geschaffenen Charaktere sind allesamt sehr sympathisch und glaubwürdig, zuweilen allerdings schon fast zu perfekt. Gelegentliches Kopfschütteln hervorrufen allerdings Stellen wie jene, wo es heisst, eine Wohnfläche von 180 Quadratmeter für eine einzelne Person sei sehr wenig. Nichtsdestotrotz wieder einmal ein Buch, das bedenkenlos als Gartenroman empfohlen werden kann. Da übersieht die Sofagärtnerin doch grosszügig einzelne hortikulturelle Ungereimtheiten, wie etwa die Bezeichnung "Busch" für Hyazinthen.



Robyn Carr: 
Liebeserwachen in Virgin River 
Mira Taschenbuch, 2013