29. Oktober 2011

J. M. Coetzee: Leben und Zeit des Michael K.

Michael K. kommt mit einer Hasenscharte zur Welt. Diese äusserliche Entstellung ist gepaart mit einem einfachen Intellekt und kein sehr erfolgsversprechender Start ins Leben. Die Mutter lehnt ihr Kind ab und so verbringt Michael K. den Grossteil seiner Jugendzeit in einem Heim. Als junger Erwachsener findet er Arbeit beim Gartenbauamt der Stadt, bleibt aber weiterhin ein Einzelgänger. Als er 31 Jahre alt ist, wird der Wunsch der kranken und bestimmenden Mutter immer fordernder, Kapstadt zu verlassen und auf Land zu ziehen, wo diese aufgewachsen ist. Doch die erforderliche Ausreisegenehmigung lässt auf sich warten. Schliesslich flüchten die beiden mit einer Art Handkarren, in welchen die Mutter eingepfercht ist und der vom Sohn gezogen wird, vor den kriegsähnlichen Zuständen.

Die Strapazen dieser fast unendlichen Reise übersteigen die Kräfte der kränkelnden Mutter. Sie stirbt noch auf dem Weg nach Prince Albert. Mit seinen wenigen verbliebenen Habseligkeiten, etwas Geld und einem Paket, das die Asche seiner Mutter enthält, zieht Michael K. alleine weiter. Er betrachtet es als seine Aufgabe, die sterblichen Überreste der Mutter an ihren Geburtsort zu tragen.

Nach verschiedenen Zwischenfällen, wie der Ausbeutung durch Soldaten, die ihm fast sein ganzes Barvermögen abknöpfen und der temporären Zwangseinteilung in eine Arbeiterkolonne, glaubt der Flüchtling die gesuchte Farm aus Mutters Kindertagen gefunden zu haben. Die Gebäude sind längst verlassen und genau wie das Umland völlig vernachlässigt. Michael K. richtet sich in einer Erdhöhle ein und baut Kürbis und Melonen an.

Völlig auf sich allein gestellt, weiss er nicht recht, wie sein Leben weiter verlaufen soll. Bis anhin hatte sich immer irgendwer bemüssigt gefühlt, ihm Aufträge und Befehle zu erteilen. Es scheint ihm zu genügen, den Rest seines noch jungen Lebens in dieser Abgeschiedenheit zu verbringen. Er möchte den Boden bestellen und sich von seiner Hände Arbeit ernähren. Diese relative Freiheit ist aber ständig von der Angst überschattet, entdeckt zu werden und sie ist auch nur von kurzer Dauer.

Das Buch ist in drei Teile von unterschiedlicher Länge gegliedert. Nach dem umfangreichen ersten Teil, den ich oben kurz zusammengefasst habe, wird der mittlere Teil aus der Perspektive eines Apothekers erzählt, der als Sanitätsoffizier für die Pflege des in ein Wiedereingliederungslager gesteckten Michael K. verantwortlich ist. Dieser Pfleger ist der einzige, der sich intensiv für Michael K., den er durchgehend falsch Michaels nennt, interessiert. Er versucht, an ihn heranzukommen und ihn samt seinen Handlungen und Bewegründen zu verstehen. Im kurzen dritten Teil wird Michael K.‘s Leben nach der Flucht aus dem Lager thematisiert.

Allfällige Berührungsängste gegenüber dem Autor und Nobelpreisträger J.M. Coetzee können Sie getrost ignorieren - lassen Sie sich doch auf eine lohnende (Wieder-)Entdeckung ein!



J. M. Coetzee:
Leben und Tod des Michael K.
Fischer Verlag, 1997/2003

25. Oktober 2011

Geschichten übern Gartenzaun und Neues übern Gartenzaun - DVDs aus dem DDR-TV-Archiv

Dank einer kleinen Notiz mit einer DVD-Empfehlung habe ich in den letzten Monaten bei garstigem Wetter meine heimsportlichen Verpflichtungen immer mal wieder mit Schrebergartengeschichten aus dem DDR-TV-Archiv verbunden. „Geschichten übern Gartenzaun“ ist eine vergnügliche Familienserie aus den frühen 80er-Jahren des letzten Jahrhunderts mit nostalgischem Charme. Die drei DVDs enthalten sieben Episoden mit rund 60 Minuten Spielzeit und handeln von den Beziehungen zwischen den Parzellennachbarn sowie inner- und ausserfamiliären Konflikten. Die Geschichten heissen:
  • Ein warmer Regen
  • Die Bäume schlagen aus
  • Maikühle
  • Wochenendbesuche
  • Vertrauen ist gut
  • Hundstage und
  • Die Leistungsschau

Im Mittelpunkt der Folgen steht Claudia, eine alleinerziehende Mutter von vier Kindern, die einen Garten in der fiktiven Dresdner Kleingartensparte „Ulenhorst“ übernehmen kann. Die älteste Tochter, eine angehende Gärtnerin, hat hier ein tolles Experimentierfeld und die drei jüngeren Geschwister genügend Platz für Kleintierhaltung und zum Spielen. Claudias Freund Manfred ist vom Projekt Schrebergarten zunächst weniger begeistert. Trotzdem packt er immer wieder mit an, denn nicht nur im Garten, sondern auch im stark heruntergekommenen Häuschen gibt es viel zu tun. Mit einer Pinselrenovation ist es nämlich nicht getan.

Nicht alle Parzellennachbarn heissen die Neuankömmlinge herzlich willkommen. Im Ablauf der Jahreszeiten lernt man die Schrebergärtner mit ihren Macken und Vorlieben gut kennen und meint bald, diese persönlich zu kennen und leidet auch mal mit, wenn jemand zu Unrecht des Kaninchendiebstahls verdächtigt wird oder die zwei plötzlich aufgetauchten Enkel sich als grosse Enttäuschung entpuppen.

Für den kommenden Indoor-Sport-Winter bin ich nun ebenfalls gerüstet. Ich habe nämlich entdeckt, dass eine weitere DVD-Box mit dem Titel „Neues übern Gartenzaun“ erschienen ist, so dass ich mich zwar nicht gerade auf Schnee und Eis freue, aber vielleicht mit etwas mehr Begeisterung auf den Stepper stehe als auch schon. Obwohl wegen Todesfall und Ausreise von Hauptdarstellern in die BRD anscheinend gewöhnungsbedürftige Umbesetzungen von Rollen vorgenommen worden sind, freue ich mich also bereits auf das Angucken der nächsten Folgen aus „Ulenhorst“. Falls Sie sich diese DVDs zulegen wollen, bitte daran denken, dass die Qualität nicht mit heutigen Produktionen mithalten kann (was dem Sehvergnügen aber keineswegs abträglich ist).



Geschichten übern Gartenzaun (DVD)
DDR-TV-Archiv / Icestorm Distribution GmbH, 2010

Neues übern Gartenzaun (DVD)
DDR-TV-Archiv / Icestorm Distribution GmbH, 2011

21. Oktober 2011

Noel Kingsbury: Gärten! – Gartengestalter aus aller Welt zeigen ihre privaten Paradiese

Die Arbeiten, sprich Gärten, von Penelope Hobhouse, Arabella Lennox-Boyd, John Brookes, Christine Orel oder Piet Oudolf sind dem interessierten Publikum hinlänglich bekannt oder ausführliche Informationen lassen sich zumeist relativ einfach beschaffen. Doch wie sieht wohl der nichtöffentliche Garten eines professionellen Gartengestalters aus? Wird hier zum Ausgleich zur beruflichen Tätigkeit frischfröhlich nach Lust und Laune gebuddelt und eingepflanzt oder wird zuerst ein durchdachtes Konzept erstellt? Antworten auf diese Fragen finden sich in Noel Kingsburys Buch „Gärten!“, das hinter die privaten Hecken von fünfundzwanzig Gartengestaltern aus aller Welt blicken lässt.

Die illustrierten Portraits sind aufgeteilt in einen erzählenden Teil, eine Kurzbiografie, eine Auflistung öffentlich zugänglicher Gärten des entsprechenden Designers und eine Doppelseite mit dessen ausgewählten Lieblingspflanzen. Diese hier vorgestellten privaten Gärten, die teilweise auch als Schaugärten dienen, sind nicht minder verschieden als die kreativen Köpfe dahinter und dies liegt nicht nur daran, dass diesen in verschiedenen Klimazonen liegen. So finden sich im Garten der ehemaligen Malariaforscherin Christine Facer ein „Garten der kosmischen Evolution“ und ein Eingang ins Chaos-Tor (Chaos-Theorie). Dieser Garten ist nämlich ein Synonym für die wissenschaftlichen Interessen seiner Gestalterin, in welchem sich wie in einem Buch lesen lässt.

Katie Lukas aus Grossbritannien hat sich ihr Wissen durch learning by doing und einem Fünftagekurs in Planung der English Gardening School angeeignet. Sie gibt denn auch an, nur ungern vor einem weissen Blatt Papier zu sitzen, das mit kreativen Ideen gefüllt werden soll. Glücklich ist, wer wie die Gartengestalterin Jacqueline van der Kloit von sich behaupten kann, nicht zu arbeiten, sondern sein Geld mit einem bezahlten Hobby verdienen zu können und sich auch nicht vorstellen kann und will, in Rente zu gehen und sogar das Urlaubsende herbeisehnt!

Cleve West besitzt in der Stadt einen Mini-Garten, der nur beschränkt Raum für Experimente zulässt, weshalb er und seine Partnerin zusätzlich einen Kleingarten gepachtet haben, wo die beiden viel Gemüse anbauen. Mindestens so wichtig wie das Gärtnern ist den beiden das Treffen mit Freunden und Gartennachbarn. Und nicht zuletzt ist der Schrebergarten ein guter Ideenlieferant, auf den West schon beim Verfassen einer Fernsehkomödie oder beim Schreiben seines aktuellen Buches „Our Plot“ zurückgegriffen hat.

Neben den bereits weiter oben im Text erwähnten Namen werden die folgenden Gartengestalter in Wort und Bild vorgestellt: James Alexander Sinclair, Julian und Isabel Bannermann, Sue Berger, Roberto Burle Marx, Tracy DiSabato, Nancy Goslee Power, Naila Green, Isabelle Greene, Raymond Jungles, Jantiene T. Klein Roseboom, Ulf Nordfjell, Mien Ruys, Lauren Springer Ogden und Scott Ogden, Tom Stuart-Smith, Joe Swift und James van Sweden.

Über verschiedene der hier vorgestellten Gartengestalter und ihre Gärten habe ich schon öfters in einschlägigen englischen Publikationen gelesen und fand es nun sehr interessant, für einmal über deren privaten Paradiese zu lesen und Fotos aus denselben zu betrachten. Weitergehende Informationen über die Gartengestalter und Gartengestalterinnen finden sich im Serviceteil des Buches, wo neben einem Register und einer Liste mit Veröffentlichungen der portraitierten Gartendesigner auch deren Internet-Adressen aufgeführt sind.



Noel Kingsbury:
Gärten! – Gartengestalter aus aller Welt zeigen ihre privaten Paradiese
Deutsche Verlags-Anstalt, 2011

17. Oktober 2011

Susanne Mittag: Sternenkraut

Die dreizehnjährige Stella hat einen besonders ausgeprägten grünen Daumen. Statt mit anderen Mädchen in ihrem Alter zu spielen, spricht sie lieber mit Pflanzen und hängt im väterlichen Blumenladen herum. In der Schule wird sie denn auch Kräuterhexe genannt. Stellas Mutter Flora ist gestorben als sie zwei Jahre alt war. Eben hat das Mädchen zufällig herausgefunden, dass es sich bei der Zweitsprache, die sie von klein auf beherrscht und die sonst niemand aus ihrem Umfeld spricht und versteht, nicht um Walisisch handelt, wie sie immer geglaubt hat, und ist über diese Entdeckung ziemlich verwirrt. Während sie sich immer noch über ihre speziellen Sprachkenntnisse wundert, steht plötzlich ein seltsam gekleideter Mann mit Gehrock und Zylinder samt einer seltsamen Pflanze vor ihrer Haustüre. Der Fremde spricht ihre unbekannte Sprache und sucht nach einem Schlüssel, den Stella später bei den Sachen ihrer Mutter findet.

Tags darauf wird sie von einem seltsamen Jungen namens Kian angerempelt und in eine Falle gelockt. Unvermittelt findet sie sich dank Hilfe des Schlüssels in einer fremden Welt wieder, in welcher die Zeit ums Jahr 1900 stehen geblieben ist. Stella soll mit Kian und dem Mann, der bei ihr zuhause vor der Türe gestanden hat, eine Mission erfüllen. Ziel ist, möglichst viele Pflanzen aus einer Höhlenwelt zu besorgen, damit Kians schwer kranker Vater und viele andere Patienten mit einem Extrakt aus dem Gewächs geheilt werden können.

Da Stella der magische Schlüssel weggenommen worden ist, kann sie nicht mehr zurück zu ihrem Vater und muss wohl oder übel mit in die Höhlenwelt. Dort dienen Pilze als Lichtquelle und erlauben sogar das Wachsen von Kopfsalat, Broccoli, Rotkohl, Bohnen und Kräutern. Hier wird Stella auch erstmals als Pflanzenflüsterin bezeichnet und sie erfährt von einer anderen Pflanzenflüsterin den Namen der gesuchten Pflanze: Sternenkraut. Das Gewächs soll einen festen Stängel aufweisen und grasähnliche fingerlange Blätter und rote Blüten haben.

Die Suche nach der Heilpflanze führt durch dunkle Höhlen und Gänge und sie entpuppt sich als lebensgefährliches Abenteuer. Gleichzeitig kommt Stella dem Ursprung ihrer Begabung als Pflanzenflüsterin auf die Spur und sie findet heraus, weshalb sie die Sprache des Höhlenvolks spricht und warum sie überhaupt einen Schlüssel besitzt, der die Magie des Reisens in andere Welten und die Magie der Sprache in sich trägt.

Spannendes Jugendbuch auch für Erwachsene! Ein lohnender Spontankauf, zurückzuführen auf eine zufällige Entdeckung in einer Buchhandlung. Ausschlaggebend für die Auswahl waren das ansprechende Titelbild und die Entdeckung, dass eine wichtige Figur im Buch den nicht sehr geläufigen Namen einer mir nahestehenden Person trägt.



Susanne Mittag:
Sternenkraut
Verlag Carl Ueberreuter, 2011

13. Oktober 2011

William Graffam: Ach, du liebes Grün! Wie der Mann meiner Frau zum Gärtner wurde

Schon der Titel dieses humorigen Buches lässt vermuten, dass da einer nicht ganz freiwillig in der Erde herumwühlt. Es ist denn auch die Frau des erzählenden Pastors, die lange von einem Garten geträumt hat und diesen Wunsch nach einem Umzug aufs Land endlich Wirklichkeit werden lassen will. Schliesslich steht nun rund um die Pfarrei ein grosses Stück Land zur Verfügung, dass nur darauf wartet in einen prächtigen Garten Eden verwandelt zu werden.

Die treibende Kraft im Projekt Garten, sprich die Pfarrersfrau, versucht also, ihren Mann mit ihrer Begeisterung anzustecken. Sie probiert es mit aufmunternden Worten wie „du brauchst unbedingt sportliche Betätigung und frische Luft!“. Oder „Gartenarbeit ist gesund und du nimmst Anteil an der Schöpfung“, worauf der Pastor kontert, er betrachte gärtnern nicht als Schöpfung sondern Erschöpfung.

Als Graffam dieses Buch verfasst hat, konnte er auf einige Jahre praktischer Erfahrung im grünen Bereich zurückblicken und berichtet nun unter dem Titel „Ach, du liebes Grün!“ über seine Erlebnisse beim Aneignen diverser zweckdienlicher Fertigkeiten rund ums Haus. Dabei hat er nicht vergessen anzumerken, der tiefere Grund für das Schreiben dieser Zeilen diene dazu, auf ihn und andere Leidensgenossen aufmerksam zu machen und ihnen die zustehende Portion Mitleid zukommen zu lassen.

Beim Lesen der Kapitelüberschriften wird Neugierde geweckt und die Vorfreude auf hortikulturelle Anekdoten wächst bei Titeln wie „Rasen(d) mähen“, „Feindesland“, „Garten-Moden“, „Leichtbauweise“ oder „Von wegen gesund“. Beim Weiterlesen wird der gärtnernde Leser nicht enttäuscht. Da berichtet Pastor Graffam, warum er es lieber gesehen hätte, wenn im Fernseh-Krimi ein Hersteller von Fertig-Gartenhäusern ermordet worden wäre statt des Erbonkels. Hat Graffam beim Aufstellen eines solchen das 2. Gebot doch etwas überstrapaziert. Etwas mehr Begeisterung zeigt der Autor, ein gebürtiger Amerikaner, für die Idee seiner Liebsten, einen englischen Garten anzulegen. Schliesslich gelten die Engländer ja nicht als so fleissig wie die Deutschen, woraus er schlussfolgert, dass ein englischer Garten ein Synonym für einen pflegeleichten Wald- und Wiesengarten ist.

Herrlich erfrischende Lektüre!



William Graffam:
Ach, du liebes Grün! Wie der Mann meiner Frau zum Gärtner wurde
Kosmos Verlag, 2011

9. Oktober 2011

Christine Trüb: Die Liebe der beiden Frauen zu den Gärten

In einer Buchhandlung wird eine Frau gleich beim ersten Satz einer Neuerscheinung mit dem Titel „Une vie discrète“ vom Geschriebenen gefesselt. Sie fühlt sich um ein paar Jahre zurückkatapultiert, als sie sich genau wie die Romanfigur mit einem weissen Zettel in der Hand aufmachte, einem ihr bis anhin unbekannten Menschen Platz in ihrem Leben einzuräumen. Während der Suche der richtigen Adresse nochmals zögerlich überlegend, ob es tatsächlich angebracht ist, eine lange verborgene Liebe ans Licht zu zerren und einen Menschen kennenzulernen, der im Parallelleben ihres Vaters ohne ihr (der Tochter) Wissen über Jahrzehnte einen wichtigen Platz innehatte. Möchte sie tatsächlich ihr bis anhin unbekannte Seiten am Vater entdecken? Einem Mann, den sie so gut zu kennen geglaubt hatte? Und feststellen müssen, dass ihre Wahrnehmungen und Gefühle nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmten? In ihr Zögern mischten sich Erinnerungen daran, wie immer wieder das Telefon dreimal kurz läutete und abrupt verstummte und der Vater entgegen seinen üblichen Gewohnheiten jede Gelegenheit nutzte, lange Telefongespräche zu führen – sobald die Mutter ausser Haus war.

Die Tochter hat damals mit dem Zettel in der Hand den kleinen Schritt mit grossen Folgen gewagt und die Geliebte ihres Vaters in ihr Leben gelassen. Sie hat erfahren, wie sich die beiden kennengelernt haben, hörte von einer nicht lange dauernden Trennung und der Wiederaufnahme der Fernbeziehung und wie nahe sich ihr Vater und diese Frau trotzdem waren, von den Träumen der beiden und der unerfüllten Sehnsucht, nach England zu ziehen und ein gemeinsames Leben zu beginnen. Warum hat den beiden der Mut dazu gefehlt? Die Mutter und Frau des Vaters hat irgendwann von der Geliebten ihres Mannes erfahren. Während ihre Welt auseinanderbricht, sie nach Gründen und Erklärungen sucht, weigert sich der Mann zu reden und verharmlost die angeblich längst beendete Beziehung.

Die Dreiecksgeschichte wird abwechslungsweise erzählt aus der Sicht der Tochter, der seit Jahrzehnten verheirateten Frau und – kursiv gedruckt – aus der Sicht der Geliebten, die sich mit gestohlenen Stunden, abverdient durch stundenlange Hin- und Rückreise per Bahn und ab und zu einem Wochenende an einer Tagung begnügen musste. Im Übrigen blieben ihr nur Briefe und Telefonate, nämlich Rückrufe auf ihre Klingeltonsignale. Während die Geliebte sich ein Leben an der Seite des starken Charakterkopfes mit Reisen, interessanten Begegnungen und Bekanntschaften gewünscht hat, erfährt man von der Frau von den schwierigeren Seiten des unbeugsamen Gatten, der in der Familie sehr autoritär auftritt.

Die beiden Frauen teilen aber nicht nur über mehrere Jahrzehnte ihre Liebe zum gleichen und doch anderen Mann. Beide haben eine wichtige Beziehung zu ihrem Garten. Die Schönheit des Gartens, der um das Haus herumführt, wo die leidigen Klingelzeichen ertönten, und ihre Zwiegespräche mit Pflanzen trösteten die Ehefrau über ihre Enttäuschung, Wut und das Unausgesprochene, das aus der andauernden ausserehelichen Beziehung ihres Ehemannes resultierte, hinweg. Die Geliebte hingegen träumte jahrelang davon, ihre grosse Liebe in ihrem Garten begrüssen zu können. Erst als der Vater 91jährig ein Pflegefall wird und die Ehefrau im selben Heim keinen Platz findet, können er und die Geliebte die letzten ihm noch verbleibenden Monate zusammen als Paar verbringen und das Doppelleben wird erst durch seinen Tod beendet.

Eine sehr stimmig geschriebene Dreiecksgeschichte. Schade habe ich erst im Nachhinein von der Lesung aus diesem Buch Ende September in Zürich erfahren.


Christine Trüb:
Die Liebe der beiden Frauen zu den Gärten
Limbus Verlag, 2011

5. Oktober 2011

Cordula Hamann: Die schönsten Gärtnereien – Entdecken, stöbern, geniessen

Cordula Hamann nimmt den Leser in ihrem aktuellen Buch mit in 23 Erlebnisgärtnereien in Deutschland, Österreich und der Schweiz. In den vorgestellten Betrieben lässt sich nicht nur nach teilweise sehr speziellen Gartenschätzen suchen, in Schaugärten lassen sich gleichzeitig Ideen für Farb- und Strukturkombinationen im heimischen Garten finden, fachkundige Beratung inklusive.

Jede Gärtnerei wird in einem sechsseitigen Portrait in Wort und Bild vorgestellt. Da gibt es beispielsweise eine Gutsgärtnerei, die von alten schützenden Backsteinmauern umfriedet ist. Zwei initiative Frauen haben das lange unbenutzte Gärtnereigelände mit einem durchdachten Konzept aus dem Dornröschen- oder besser Distel-Schlaf geweckt.

Die Auszeichnung spezielle Pflanze muss nicht gleichbedeutend mit einer exotischen Herkunft sein. Besonders eindrücklich kommt diese Tatsache in den Portraits über den Allgäuer Kräutergarten und die Wildstaudengärtnerei von Patricia Willi in der Nähe von Luzern zum Ausdruck. Schliesslich ist es kein Geheimnis, dass einheimische, der Witterung angepasste Sorten nicht nur einen Standortvorteil für sich verbuchen können. Und bei Patricia Willi wird getreu dem Motto „die Natur ist nicht Rahmen, sondern Inhalt“ streng nach biologischen Richtlinien und Demeter-Grundsätzen gegärtnert. Das Sortiment umfasst über 500 verschiedene Wildstauden, was ungefähr einem Sechstel der Wildpflanzen in der Schweiz entspricht. Zu den weiteren vorgestellten Betrieben gehören die Duft- und Wandelgärtnerei Schobel, die Stadtgärtnerei Zürich, die Rosenschule Ruf und die Staudengärtnereien Gaissmayer, Ewald Hügin und Sarastro.

Im Serviceteil sind alle Betriebe mit Anschrift und Webadressen aufgelistet. Das Buch enthält leider kein Register. Vermisst habe ich eine Länderkarte, aus der mühelos die Lage der mir (noch) unbekannten Gärtnereien ersichtlich ist. Die Auswahl der Gärtnereien dünkt mich etwas willkürlich. Die Schweiz ist zwar klein, aber so klein wie das Gebiet, in welchem sich die vorgestellten Betriebe befinden ist sie denn doch nicht und auch in anderen Regionen gibt es interessanten Gärtnereien zu entdecken. Für einen allfälligen Folgeband wüsste ich jedenfalls ein paar Betriebe, die eine detaillierte Erwähnung wert wären.

Nichtsdestotrotz ein schön gestalteter und informativer Gärtnereiführer – zum Mitnehmen auf eine Reise allerdings eher zu schade. Interessant und inspirierend ist das Buch wohl weniger für diejenigen, die die portraitierten Betriebe bereits kennen, als für Gartenbegeisterte, die noch am Anfang des „Spezialisierens“ stehen. Also für jene, die vielleicht nicht mehr zufrieden sind mit dem allenthalben erhältlichen Standardsortiment an Pflanzen und sich eine grössere Auswahl wünschen. Bei der Lektüre habe ich bedauert, nicht schon früher von den interessanten Gärtnereien in Kehl und mitten in Frankfurt gewusst zu haben. Besonders dem Betrieb mitten in der Grossstadt hätte ich liebend gerne einen Besuch abgestattet. Immerhin bleibt mir als schwacher Trost, dass der Oktober sowieso nicht die optimalste Jahreszeit dafür gewesen wäre. Dank des Buches habe auch ich von einigen mir bis dato unbekannten Betrieben erfahren und hoffe nun, dass sich bald einmal die Gelegenheit ergibt, meine Liste der bereits besuchten Gärtnereien, auf der bereits Namen wie Ewald Hügin, Sarastro, Gaissmayer, Landhaus Ettenbühl und Seleger Moor stehen, zu erweitern.



Cordula Hamann:
Die schönsten Gärtnereien
Deutsche Verlags-Anstalt, 2011

1. Oktober 2011

Ursula Steen: Mein grosses grünes Dingsda – Hobbygärtner in Aktion

Auf der Suche nach Büchern mit gärtnerischem Hintergrund bin ich in letzter Zeit immer wieder auf den mittlerweile dritten Titel von Ursula Steen gestossen. Obwohl mich die ersten beiden Vorgängertitel nicht wirklich begeistert haben, habe ich meine Vorurteile bei Seite geschoben und das neueste Büchlein mit dem etwas seltsamen Titel trotzdem gelesen. Nach der Lektüre bin ich nicht ernüchtert, aber eben auch nicht begeistert. In etwa entsprach diese nämlich genau meinen nicht sehr hohen Erwartungen.

Der Roman wird wiederum von Viola in Ich-Form und in Alltagssprache erzählt und er führt durchs Gartenjahr. Nun gibt es Romanhelden und –heldinnen, die einem sofort oder mit jeder gelesenen Seite mehr ans Herz wachsen. Die Erzählerin Viola ist mir nicht besonders sympathisch. Zwar hat sie durchaus positive und bewundernswerte Attribute, aber ich glaube, wenn wir uns begegnen würden, wären wir uns nicht ganz grün. Achtung zolle ich Viola beispielsweise für die aufopfernde Pflege und Betreuung ihrer dementen Schwiegermutter und ihrer Offenheit betreffend immer wieder aufkommenden negativen Gefühlen, die diese Herausforderung in ihr auslösen. Sehr gut nachvollziehen kann ich auch ihren Ärger, wenn sie vom Nachbarn berichtet, der skrupellos öffentlichen Raum als privat besetzt und ungeniert als sein Eigentum betrachtet. Interessant ist auch die Idee von Violas Freundin, eine Pflanzenklappe aufzustellen, in welcher kränkelnde Topfpflanzen oder anderes Grünzeug abgegeben werden können, die dann liebevoll aufgepäppelt werden.

Zuweilen lässt es sich während der Lektüre über Stellen schmunzeln, die sicher nicht als witzig angedacht waren – da liest man beispielsweise von einem Kiefernorthopäden und überlegt, wie wohl eine Zahn(wurzel?)behandlung an diesem Nadelholzgewächs abläuft … Und wenn in Gartenbüchern immer wieder von „Züchten“ die Rede ist, wo es eigentlich um Hege und Pflege von Pflänzlein geht, ändert dies nichts daran, dass der Ausdruck halt doch nicht stimmt. Die drei Hobbygärtner-Bücher von Ursula Steen werden als Romane bezeichnet – ich hatte jedoch bei allen das Gefühl, dass sie stark autobiographisch sind. Vielleicht könnte die Autorin in einer allfälligen weiteren Fortsetzung diese Vermutung ja mal bestätigen oder entkräften.

So, genug genörgelt. Jetzt bleibt mir nur noch zu überlegen, ob ich den im Büchlein recht detailliert beschriebene Roman „Geh, wohin dein Herz dich trägt“ von Susanne Tamaro doch endlich man lesen soll.



Ursula Steen:
Mein grosses grünes Dingsda – Hobbygärtner in Aktion
Books on Demand, 2011

28. September 2011

Wieder einmal … ein paar Worte über die (Garten-)Büchersuche

Ein umfangreicher Teil meiner englischen Bücher, die der Kategorie „Garden Fiction“ zugeordnet werden können, habe ich auf verschiedenen amerikanischen und englischen Listen mit Literaturempfehlungen entdeckt, die von Bibliotheken ins Netz gestellt worden sind. Im hiesigen Kantonsspital hing vor Jahren ebenfalls eine Liste mit grünen Lesetipps auf. Ich erinnere mich, dass das Buch „Nachts, wenn der Garten blüht“ von E.L. Swann aufgeführt war, das mir aber wie sämtliche anderen gelisteten Titel bereits bekannt war.

Auch die Internet-Listen erweisen sich für meine Zwecke heutzutage selten als ergiebig. Die meisten sind schon länger online und werden nicht aktualisiert und sehr häufig funktionieren die Verlinkungen nicht mehr. Eine löbliche Ausnahme ist die kürzlich entdeckte Liste der Johnson County Library. Auf dem knapp vierseitigen Dokument gab es auch für mich ein paar wenige Entdeckungen zu verzeichnen. Einige dieser Titel befanden sich schon länger auf dem Wunschzettel und haben jetzt den Weg in meine Bibliothek gefunden, nachdem ich durch die Liste den hortikulturellen Hintergrund quasi schwarz auf weiss bestätigt bekommen habe. Zu diesen alten Neuentdeckungen gehören beispielsweise „Leben und Zeit von Michael K.“ von J.M. Coetzee, „Späte Ernte“ von Johanna Verweerd und „Good Women“ von Jane Stevenson. An dieser Stelle hätte ich jetzt gerne den direkten Link zu den Bücher-Versuchungen eingefügt, von denen etliche auch auf Deutsch erhältlich sind oder waren, aber dieser führt leider nur noch ins Internet-Nirwana... Hier als Ersatz der Link zu einer Zusammenstellung von Bibliothekslisten und Büchertipps aus einem Gartenforum.

Gelegentlich zieht sich ein Thema, mit dem man sich beschäftigt, gleich durch mehrere Bereiche. Kürzlich habe ich in Zürich den Garten eines Blinden- und Sehbehindertenheims besucht und an einer Führung teilgenommen. Trotz Dauerregen war diese sehr aufschlussreich. Die Führerin hatte nur noch ein Sehvermögen von knapp 10 %, aber was sie alles zu erzählen wusste, war sehr spannend und informativ. Ich habe von (vermeintlichen) Details erfahren, auf die ich beim Spazieren durch den Garten wohl gar nicht achten würde. Schade nur, dass das Wetter nicht mitspielte - an riechen und schmecken war natürlich nicht zu denken. Als ich nach dem Besuch nach Gartenbüchern mit dem Stichwort „blind“ googelte, bin ich auf die Titel „Magdalenas Blau: Das Leben einer blinden Gärtnerin“ von Ulla Lachauer und „Die blinde Contessa und ihre Maschine“ von Carey Wallace gestossen, die ich beide demnächst hier im Blog vorstellen werde.

Auch am diesjährigen Tag des Denkmals habe ich die Gelegenheit benutzt, an einer Gartenführung durch einen hiesigen sich im Umbruch befindenden Stadtteil teilzunehmen. Gleichzeitig konnte ich ein festgefahrenes Bild in meinem Kopf anpassen. Durchs Quartier führte nämlich der im Sofagarten schon einmal anonymisiert erwähnte „Rotkraut-Rezept-Einsender“, der für seine Arbeit gerade kürzlich einen Preis erhalten hat.

Und noch zwei letzte Link-Tipps für heute: Vor längerer Zeit habe ich hier im Blog die englische Floristin Sally Page mit ihren Flower Shop-Büchern vorgestellt. Die Blumenkünstlerin ist nicht nur zwischen zwei Buchdeckeln eine Entdeckung wert, sondern auch im Internet anzutreffen. Ihre Flowershop-Stories sind hier nachzulesen und im Blog Pythouse Walled Garden erzählt sie über ihre regelmässigen Besuche in diesem Garten.

25. September 2011

Museen der Stadt Linz (Hrsg.): Im Garten – Lebensräume zwischen Sehnsucht und Experiment

Parallel zur aktuellen Oberösterreichischen Landesgartenschau in Ansfelden beschäftigen sich die unterschiedlichsten Institutionen mit dem Thema Garten. Noch bis am 16. Oktober 2011 ist die Ausstellung „Im Garten – Lebensräume zwischen Sehnsucht und Experiment“ im Nordico Stadtmuseum Linz offen. Begleitend zur Veranstaltung ist im Anton Pustet Verlag das gleichnamige Buch erschienen, auf das mich eine Journalistin aufmerksam gemacht hat.

Auf rund 150 Seiten wird darüber reflektiert, wem Garten was bedeutet. Es werden Antworten auf die Fragen gesucht, wo Garten anfängt und wo Garten aufhört. Was ist überhaupt ein Garten? Woher kommt die scheinbar und offensichtlich steigende Sehnsucht nach Garten?

Speziell interessiert haben mich die Gartengespräche mit dem Präsidenten des Landesverbandes der Kleingärtner, einem Mitbetreiber einer Demeter-Gärtnerei, einem Medienkünstler, einem Koch und anderen mehr sowie die Interviews mit dem Leiter des Botanischen Gartens von Linz. Kampolerta ist ein Netzwerk von fünfzehn Landschaftsarchitektinnen, die sich auf eher ungewöhnliche Art und Weise mit urbanen Freiräumen auseinandersetzen. Als beispielsweise nach der Einführung des Rauchverbots die Aschenbecher in U-Bahnstationen überflüssig geworden waren, wurden diese umgenutzt. Leuchtend gelbe Blumen traten anstelle von Zigarettenstummel – Phönix gleich aus der Asche steigend. Ken Dunn schliesslich erzählt, wie sich aus dem Sammeln von leeren Dosen und Flaschen in Chicago ein erfolgreiches City Farm Projekt entwickelt hat.

Das Buch ist grosszügig illustriert. Die Bilder – darunter sind Gemälde und Fotos von Installationen ebenso vertreten wie botanische Zeichnungen - berühren auf vielfältige Weise. Sie lassen den Betrachter mal staunen, zuweilen schmunzeln oder lassen ihn nachdenklich zurück.

Schade finde ich nur, dass die Ausstellung nicht ein Jahr vorher fürs Publikum zugänglich war. Im Sommer 2010 waren wir nämlich an einem extrem heissen Sommertag in Linz – gerne hätte ich etwas Abkühlung bei einem interessanten Museumsbesuch genossen!



Museen der Stadt Linz (Hrsg.):
Im Garten – Lebensräume zwischen Sehnsucht und Experiment
Verlag Anton Pustet, 2011

22. September 2011

Susan Wittig Albert: The Darling Dahlias and the Cucumber Tree

Susan Wittig Albert hat mit schöner Regelmässigkeit jahrelang ihre China Bayles Mysteries veröffentlicht. Nach knapp zwanzig erfolgreichen Titeln rund um diese ermittelnde Kräutergärtnerin, von denen übrigens vier davon in den 1990er Jahren auch auf Deutsch erschienen sind, beginnt die Autorin mit „The Darling Dahlias“ eine neue Serie. Angesiedelt ist diese Reihe im für meine Ohren etwas seltsam klingenden fiktiven Ort "Darling" in den amerikanischen Südstaaten und dreht sich um den ansässigen Gartenclub mit dem Namen „The Darling Dahlias“. Der Roman spielt in den 1930er Jahren nach dem grossen Börsencrash, inmitten einer schweren Rezession, in welcher die meisten Leute jeden Cent zweimal umdrehen müssen.

Zum Inhalt: Der Darling Gartenclub wurde 1925 durch Mrs. Blackstone gegründet, welche die beiden letzten Jahre auch als dessen Präsidentin amtete. Vor ein paar Monaten starb Mrs. Blackstone 82jährig und vermachte ihr Haus samt grossem Garten und zwei prächtigen Cucumber Bäumen (Magnolia Acuminata) dem Gartenclub, der durch diese Erbschaft völlig unerwartet zu einem Clubhaus kommt. Und gleichzeitig auch zu verschiedenen Problemen, wie jenes, eine kostspielige Dachsanierung zu finanzieren.

Die Mitgliederinnen des Clubs sind zwischen dreissig und knapp achtzig Jahre alt und gehen, wie man im Laufe der Lektüre erfährt, zusammen durch dick und dünn. Das Gartenclub-Jahr besteht aus regelmässigen Anlässen wie Pflanzenverkauf, Blumenshow, Tomatenfest, Gartentour und Erntedankfest. Die Clubpräsidentin Elizabeth Lazy schreibt ausserdem jede Woche eine Gartenkolumne für die Freitagsausgabe der lokalen Zeitung "Darling Dispatch" und jeden Montag ist Gesellschaftspielabend.

Während die umtriebigen Mitgliederinnen an ihrer aktuellen Sitzung über die richtige Höhe des Jahresbeitrages beratschlagen, können sie nicht ahnen, in welchen Strudel von Ereignissen sie in Kürze hineingezogen werden. Stichworte wären da ein vergrabener Familienschatz, ein entflohener Sträfling, Unterschlagung von Geldern in der örtlichen Bank, ein grabender Geist und ein mysteriöser Autounfall mit einem Todesopfer. Bis sich das Fadenknäuel gegen Ende der Lektüre entwirrt, ergibt sich immer wieder Gelegenheit, die Frauen beim Gärtnern zu beobachten.

Susan Wittig Alberts gibt mit diesem ersten Buch ihrer neuen Serie einen detailgetreuen Einblick in den Alltag einer amerikanischen Kleinstadt zur beschriebenen Zeit. Ergänzt wird die Erzählung durch Rezepte und Haushalttipps nach dem Motto „Ways to stretch whatever we have“. Ich freue mich jedenfalls schon heute auf die Fortsetzung mit dem Titel „The Darling Dahlias and the Naked Ladies“, die bereits als Hardcover-Titel erhältlich ist, werde mich aber bis zur Taschenbuchausgabe gedulden.

Webseite der Darling Dahlias: The Darling Dahlias



Susan Wittig Albert:
The Darling Dahlias and the Cucumber Tree
Berkley Prime Crime, 2010/2011

19. September 2011

Charlotte Thomas: Das Mädchen aus Mantua

Die eigensinnige junge Arztwitwe Celestina wird 1601 von ihrer Mutter zu Verwandten, der Familie Bertolucci, nach Padua geschickt. Begleitet wird sie von ihrer Stiefschwester Arcangela. Die an diversen Krankheiten leidende Tante Marta Bertolucci hofft, mit Hilfe ihrer Nichte Celestina endlich gesund zu werden. Gleich bei Ankunft der Schwestern in der mittelalterlichen Universitätsstadt werden die beiden Frauen Zeuginnen einer Prügelei und erfahren bei dieser Begegnung vom tiefen Hass zwischen den Familien Bertolucci und Caliari.

Celestina möchte zwar die Hintergründe dieser Feindschaft erfahren, ihr Hauptinteresse gilt aber ihrem Ziel, an der Universität Medizin zu studieren. Anfang des 17. Jahrhunderts ist Frauen der Zugang zu akademischer Bildung verwehrt. Aus diesen Gründen befinden sich unter den Gepäckstücken von Celestina nicht nur dicke medizinische Folianten ihres verstorbenen Mannes, sondern auch Männerkleider. Die junge Frau erfindet einen Bruder und benützt dessen Identität, um zum Studium zugelassen zu werden.

Doch dieses Versteckspiel bleibt nicht lange unentdeckt und Celestina sieht sich gezwungen, gewisse Bedingungen zu erfüllen, damit sie ihr Geheimnis vorerst wahren kann. So soll sie ausspionieren, wie es dazu kommt, dass die Anatomie der Universität Padua plötzlich fast ständig über genügend Leichen verfügen kann. Gleichzeitig passieren im Hause von Celestinas Verwandten merkwürdige Dinge. Gibt es vielleicht einen Zusammenhang zwischen diesen Vorkommnissen? Natürlich kommt auch die Liebe nicht zu kurz in diesem historischen Roman und die Erzählung erlaubt einen detaillierten Einblick in die medizinische Ausbildung vor rund fünfhundert Jahren.

Heilkräuter und Giftpflanzen spielen im Buch eine wichtige Rolle. Vor allem Onkel Ludovico Bertolucci widmet sich täglich mit grosser Leidenschaft dem Gärtnern. Er versorgt das Spital mit Heilpflanzen und träumt davon, exotische Gewächse an ihrem Naturstandort betrachten zu können. Gelegentlich finden Vorlesungen direkt im ältesten botanischen Garten der Welt statt.



Charlotte Thomas:
Das Mädchen aus Mantua
Lübbe Ehrenwirth, 2011

16. September 2011

Mirabel Osler: The Rain Tree – A Memoir

Ein halbes Jahr nach dem Tod ihres Gatten hat Mirabel Osler 1989 ihr erstes Buch „A Gentle Plea for Chaos“ über ihre Erfahrungen aus dem gemeinsam mit ihrem Mann angelegten und gehegten Garten veröffentlicht. In der Folge schrieb sie weitere Titel wie „A Breath from Elsewhere“, „A Spoon for every Course“ und andere mehr. In „The Rain Tree“ bietet die mittlerweile über Achtzigjährige Einblick in verschiedene Abschnitte ihres erfüllten Lebens, in Erlebnisse mit Familie und Freunden, berichtet über ihre Jugendjahre und erzählt vom Älterwerden und den damit verbundenen Beschwerden und endgültigen Abschiede.

Die gemeinsame Liebe zum Gärtnern entwickelte sich zu einem wichtigen Bindeglied in der Beziehung zwischen Mirabel und Michael Osler, als die beiden nach langen Jahren im Ausland nach England zurückkehrten. Je prächtiger und üppiger ihr Garten wurde, desto leichter fiel ihnen das Verreisen. Und zwar aus dem einfachen Grund, weil es bei der Rückkehr viele Veränderungen zu entdecken gab. Häufiges Wegfahren ist also ein guter Grund, dieses Vergnügen möglichst oft auskosten zu können. Übrigens sollte Michael Osler als junger Mann in die Familienfirma F. + C. Osler eintreten. Diese Firma hat 1851 den „Crystal Fountain“ für die „Great Expedition“ im Crystal Palace gebaut.

Gärtnerisches spielt in diesen Erinnerungen eine eher untergeordnete Rolle. Mehr Platz in den nicht chronologisch geordneten Erzählungen nehmen beispielsweise Berichte über die mehrjährigen Aufenthalte in Thailand und Griechenland sowie Reisen und Erlebnisse aus der frühesten Kindheit der Autorin ein. Eine Zeit, die Mirabel Osler nur aus Erzählungen von anderen kennt – sie war nämlich erst zwei Jahre alt, als ihre Mutter sie, ihre etwas ältere Schwester und den todkranken Vater wegen einem anderen Mann verliess. Im Schlusskapital berichtet sie von ihrem Bedauern, nie mehr auf einem Pferd reiten zu können und sinniert darüber, dass ihre Hände wohl demnächst dermassen viele Altersflecken aufweisen werden, dass man glauben könnte, sie käme direkt aus dem Garten, obwohl sie diese Tätigkeit schon lange aufgegeben hat.

Die offene und kontaktfreudige Frau freut sich auch im hohen Alter darüber, neue Menschen kennenzulernen und es entwickeln sich immer noch neue Freundschaften. So verbindet sie zum Beispiel seit einiger Zeit eine schöne Kameradschaft mit Katherine Swift. Letztere ist Autorin der Bücher „The Moreville Hours“ und „The Moreville Year“ und schreibt regelmässig für das englische Journal Hortus. An anderer Stelle gesteht Mirabel Osler, es nicht wie Prinz Charles zu halten. Der spricht ja wie allgemein gemunkelt wird mit seinen Blumen, während sie mit ihren Organen spricht. Wenn ein Körperteil Probleme macht, fordert sie diesen unmissverständlich auf, sich zusammenzureissen.



Mirabel Osler:
The Rain Tree – A Memoir
Bloomsbury Publishing, 2011

13. September 2011

Karl Piepenbrock: Die Frau des Friedhofgärtners

Der Ich-Erzähler hat sehr lange gebraucht, um über den plötzlichen Tod seiner Frau Gisela, seiner Schwester und seines Schwagers beim Zugunglück in Eschede hinwegzukommen und den Alltag neu zu ordnen. Inzwischen frühpensioniert hat er zu einer gewissen Normalität zurückgefunden. Regelmässig besucht er das Grab von Gisela, schmückt es mit frischen Blumen und hält Zwiesprache mit ihr oder plaudert gerne mit den Nachbarn.

Auf diesem strukturierten Tagesablauf liegen seit ein paar Wochen dunkle Schatten – immer wieder wird der Erzähler von heftigen Kopfschmerzen geplagt. Nach verschiedenen Untersuchungen lautet die unumstössliche Diagnose: inoperabler Hirntumor, verbleibende Restlebenszeit eher weniger als ein Jahr. Fragen über Fragen – Angst mischt sich mit der Vorfreude auf ein Wiedersehen mit Gisela. Was soll er mit diesen letzten geschenkten Monaten anfangen? Vielleicht etwas Besonderes unternehmen? Gibt es tatsächlich keine Chance auf Heilung? Wie werden die letzten Tage sein? Wie soll er seiner Tochter Sylvia von seiner Krankheit erzählen? Was ist wirklich wichtig, was völlig unwichtig?

Während die (Nicht-)Reaktion der Tochter sehr enttäuschend ausfällt, findet der kranke Mann in Ute, der Frau des Friedhofgärtners, unerwartet eine zuverlässige Freundin. Er entdeckt, dass Herzenswärme wichtiger ist als Intellekt. Auf einer mehrtägigen Reise nach Budapest, bei der er von Ute begleitet wird, kann er seine Krankheit fast vergessen. Die Wirklichkeit holt ihn daheim aber umso heftiger ein und es heisst an einer Stelle im Buch treffend (Zitat): „ja, irgendwann ist einfach mal Ende, so ist das“.

Die Text kann nicht verbergen, dass kein Verlag mit professionellem Lektorat daran herumgefeilt hat. Die Geschichte ist aber sehr einfühlsam geschrieben. Die Leserin hat sich bei der Lektüre oft gefragt, woher das Detailwissen stammen und was an dem „Melodram“ (auto)biographisch sein mag.



Karl Piepenbrock:
Die Frau des Friedhofgärtners
Books on Demand, 2011

10. September 2011

Günter Waldorf: Schneeglöckchen – Zauber in Weiss

In diesen Wochen ist bereits wieder die Jahreszeit gekommen, in der es heisst, ans nächste Frühjahr und die Frühlingsboten aus Zwiebeln zu denken und diese rechtzeitig in die Erde zu stecken. Bei den Gartenschätzen, von denen hier die Rede ist, sollten Sie sich beim Kauf von Blumenzwiebeln aber in Zurückhaltung üben. Denn mangels äusserer Zwiebelhäute vertrocknen Schneeglöckchenzwiebeln sehr schnell und so sollte den Pflanzen besser erst direkt nach der Blüte ein Standortwechsel zugemutet werden. Diesen Hinweis und viele weitere Pflegetipps erfährt der interessierte Leser im Buch „Schneeglöckchen – Zauber in Weiss“ von Günter Waldorf, einem langjährigen passionierten Galanthus-Sammler und –kenner. Die druckfrische Publikation ist denn auch keine trockene wissenschaftliche Monografie, sondern insbesondere wegen des umfangreichen Bildmaterials für Laien und Fortgeschrittene gleichermassen geeignet.

Das erste Drittel des Buches ist dem Pflanzenaufbau, den verschiedenen Galanthus-Sorten sowie Hinweisen zu Pflege und Vermehrung gewidmet. Im Kapitel „Das Sammeln“ gibt es neben Tipps zum Aufbau einer interessanten Schneeglöckchensammlung, Erläuterungen zum Tausch von Schneeglöckchen und es geht ums Geld, das einen Neuling nämlich nicht immer ans Ziel bringt. In Insiderkreisen - und fast nur dort kommt man mit etwas Glück an die spezielleren Pflanzen - kann man sich schon mal unbeliebt machen, wenn man glaubt, sich mit genügend Geld sämtliche Begehrlichkeiten erfüllen zu können. Denn gewisse spezielle Sorten sind in dieser Szene eben besonderen Menschen vorbehalten und manch einer muss erst einmal beweisen, dass er deren Besitz auch verdient. Des Weiteren erfährt man in der informativen Lektüre, dass der mittlerweile von England auf den Kontinent übergeschwappte Schneeglöckchen-Virus, auch Galantophilie genannt (befällt nur menschliche Wesen), seinen Ursprung im Krimkrieg von 1853 – 1856 hat. Englische Kriegsheimkehrer brachten seinerzeit auch Schneeglöckchen nach Hause und diese stellten alle bis anhin bekannten Galanthus in den Schatten. Die rund 300 Kurzportraits in Wort und Bild schliesslich geben einen Einblick in die schier unglaubliche Sortenvielfalt. Abgerundet wird das Buch durch ein Register und ebenfalls auf den letzten Seiten sind Informationen zu Bezugsquellen und sehenswerten Schneeglöckchen-Sammlungen zu finden.

Wie soll denn Ihr Lieblingsschneeglöckchen aussehen? Bevorzugen Sie blassgrüne Markierungen oder hellgrüne Spitzen? Oder finden Sie verwaschene Blütenfarben und seltsam gedrehtes Laub schön? Vielleicht gefallen Ihnen Blütenblätter mit gehämmerter Struktur oder birnenförmige Blüten besonders gut? Gewisse Schneeglöckchen sind im Buch mit dem Prädikat „nicht aussergewöhnlich“ bezeichnet, finden aber sicher auch ihre Liebhaber. Zuweilen wäre es auch ganz interessant zu erfahren, wie die Schneeglöckchen zu ihren Namen gekommen sind. Nach welcher „Dicken Tante“ und welchem „Dickerchen“ kamen die so benannten Galanthus wohl zu ihren Namen?

Ein Must-Have-Book für alle Schneeglöckchenliebhaber, das sich auch ausgezeichnet als Mitbringsel eignet - für alle, die bereits verzaubert sind oder es noch werden wollen. Zur nächsten Galanthus-Blüte werde ich jedenfalls mal in die Knie gehen und testen, ob meine 0-8-15-Schneeglöckchen tatsächlich nach Honig duften.



Günter Waldorf:
Schneeglöckchen – Zauber in Weiss
Deutsche Verlags-Anstalt, 2011