27. Dezember 2014

Der literarische Gartenkalender und der literarische Rosenkalender

Einen Monat Unterrichtspause, etwas Ordnung in die herumliegenden Unterlagen gebracht und festgestellt, dass die beiden Anfang September unverhofft erhaltenen literarischen Kalender immer noch eingeschweisst der Dinge harren, die da kommen sollen. Nämlich einer Vorstellung im Blog und der Überlegung, wo sie einen Platz finden könnten. Nun, packe ich also eins ums andere an.

Meine letzte Kalendervorstellung datiert vom September 2010 und nach einem kurzen Durchlesen derselben kann ich feststellen, dass die damaligen Worte nach wie vor gelten. Dort steht nämlich: „Wenn Sie diese Zeilen lesen, sind Sie mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit an Gärten und Literatur interessiert. Dann wäre bestimmt „Der literarische Gartenkalender“ mit Spiralbindung von Schöffling nach Ihrem Geschmack.

Jeden Montag darf zum Wochenstart eine Seite umgeblättert werden und eine neue Aufnahme der bekannten Fotografin Marion Nickig schmückt für eine Woche zusammen mit einem passenden hortikulturellen Zitat eines bekannten Schriftstellers oder einer Schriftstellerin eine Wand oder eine Türe.“

Die Bilder und Zitate haben gewechselt und da der nächste Jahreswechsel unmittelbar bevorsteht, stimmt meine damalige letzte Bemerkung von wegen „je früher Sie sich diesen Kalender allenfalls kaufen und aufhängen, desto länger können Sie sich an dem Titelblatt, auf dem ein blauer Scheinmohn abgebildet ist, erfreuen …“ nicht nur deswegen nicht, weil das aktuelle Titelbild eine Akelei ziert. Was mir persönlich nicht gefällt, sind jene Seiten, bei denen der Text ganz oder teilweise ins Foto hineingeschrieben ist. Diese sind aber gewissermassen in der Minderheit.

Für eine detailliertere Vorstellung fehlt mir wegen meiner nebenberuflichen Weiterbildung schlicht und einfach die Zeit. Deshalb bestelle ich grundsätzlich auch keine Rezensionsexemplare mehr. Die wenige verbliebene Lesezeit widme mich meiner persönlichen, äusserst umfangreichen „Backlist“ und stelle die Lektüre ohne Verpflichtung nach Lust und Laune im Blog vor, oder eben auch nicht.

Im neuen Jahr wird es voraussichtlich dafür gelegentlich Hinweise auf Filme mit hortikulturellem Hintergrund geben. Nachdem ich mir zuletzt auf dem Crosstrainer mit verschiedenen Serien wie "Rosemary and Thyme" und "Natur im Garten", "Weeds" und "Downton Abbey" die Zeit verkürzt habe, schaue ich mich aktuell während der Erfüllung der sportlichen Pflichten durch meine DVD-Sammlung. Die ist zwar längst nicht so umfangreich wie die Büchersammlung, leidet aber teilweise unter der selben Vernachlässigung.

Mit guten Wünschen fürs neue Jahr schliesse ich das Blogjahr 2014 hiermit ab, greife nach Befestigungsmaterial und suche eine freie Türe oder Wand für die beiden Kalender.



Der literarische Gartenkalender 2015 
Mit farbigen Fotos von Marion Nickig – 
ausgewählt und zusammengestellt von Julia Bachstein 
Schöffling und Co., 2014 

Der literarische Rosenkalender 2015
Mit farbigen Fotos von Marion Nickig – 
ausgewählt und zusammengestellt von Maria Mail-Brandt 
Schöffling und Co., 2014

15. Dezember 2014

Julia Williams: The Summer Season / Der vergessene Garten

Zwei Erzählstränge führen durch diesen Roman. Einer spielt in der heutigen Zeit, der andere Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts. Aus Tagebucheinträgen erfährt die Leserin, dass der angehende Botaniker Edward Handford vor rund hundert Jahren das Ziel verfolgte, nach Studienabschluss, Gärten zu gestalten und einen Teil seiner Ideen auf Gertrude Jeykyll zurückging. Zusammen mit seiner Frau Lily, die gleichermassen botanisch interessiert war und perfekt mit Stift und Pinsel umgehen konnte, wollte er ausserdem ein Buch über die Pflanzen von Sussex herausgeben und sich einen Ruf als seriösen Botaniker erarbeiten.

Seine weiteren Pläne beinhalteten ferne Auslandreisen, von denen er exotische Pflanzen in die Heimat bringen wollte. Als erstes Ziel hat er es geschafft, seine Frau mit seinem Hochzeitsgeschenk zu begeistern. Für die grosse Liebe seines Lebens hat er eine Grünfläche entworfen, deren Zentrum ein Knotengarten aus Buchs und Rosmarin mit den Buchstaben „E“ und „L“ bildete. Stiefmütterchen, Vergissmeinnicht und Gloxinien gehörten zur Bepflanzung und er hat genügend Platz für Blumen freigelassen, welchen die gemeinsamen Kinder einmal füllen sollen - nichtsahnend, welche Schicksalsschläge ihm bevorstehen.

Im zweiten Erzählstrang zieht die Anfang Dreissigerin Kezzie nach einem heftigen Streit und der darauf folgenden Trennung von ihrem Freund Richard vorübergehend nach Heartsease in das Haus einer Tante, die auf einer längeren Reise ist. Kezzie hat kürzlich verschiedene Gartenkurse abgeschlossen. Der Gartenarchitekt Richard hat vor ein paar Jahren das gärtnerische Talent der aktiven Guerilla-Gärtnerin Kezzie entdeckt und sie ermuntert, ihr praktisches Wissen fachlich zu erweitern und einen Diplomabschluss anzustreben. Gemeinsam wollten sie einen Schaugarten gestalten und sowohl Chelsea als auch Hampton Court im Sturm zu erobern. Doch nun scheint die junge Frau alle diese Träume begraben zu müssen. Sie hat nicht nur London verlassen, sondern gleichzeitig praktisch alle möglichen Verbindungen gekappt. Dazu gehört auch das Wechseln von Telefonnummer und Email-Adresse. Nur eine Handvoll Freunde weiss, wo sie sich aufhält.

In Heartsease entdeckt Kezzie einen völlig verwilderten Garten, der ihre Aufmerksamkeit auf sich zieht. Treppen führen zu einem Senkgarten, ein Metalltor markiert das Ende eines Kiesweges und eine alte Bank wartet auf bessere Zeiten. Zwischen aus der Form geratenem Buchs, Rosmarin und Efeu glaubt Kezzie eine gewisse Struktur erkennen zu können. Es juckt sie richtiggehend in den Fingern, hier für Ordnung zu sorgen und weil sie davon ausgeht, dass das vernachlässigt aussehende Haus auf dem Gelände unbewohnt ist, beginnt sie – sich auf ihre ursprünglichen hortikulturellen Wurzeln besinnend – mit nächtlichem Guerillagärtnern. Schon bei ihren ersten Bemühungen wird sie vom Haus- und Gartenbesitzer Joel erwischt.
Kezzie kann diesen aber schliesslich davon überzeugen, ihr offiziell zu erlauben, den Garten in Ordnung zu bringen.

Dieses Vorhaben passt ausgezeichnet zum Plan der Gemeinde, im nächsten Jahr anlässlich eines runden Geburtstages von Edward Handford, dem Gestalter des inzwischen völlig vernachlässigten Gartens und Vorfahren von Joel, im Rahmen einer Ausstellung dessen Leben und Werk zu vorzustellen.

In Heartsease wohnt auch Lauren, die alleine ihre beiden vierjährigen Zwillingsmädchen grosszieht. Unterstützt wird sie von ihrer Mutter. Der Vater der Kinder hat sie schon vor der Geburt im Stich gelassen. Um sich ihren Lebensunterhalt zu finanzieren arbeitet sie abends in einer Bar und kümmert sich als Tagesmutter um den kleinen Sam.

Sam ist der Sohn des verwitweten Joels. Seine Frau Claire ist vor einem Jahr völlig unerwartet im Alter von fünfunddreissig Jahren verstorben, als Sam noch ein Baby war. Gemeinsam wollte das Ehepaar das alte Haus samt Garten restaurieren. Doch Claires Tod hat diese Pläne durchkreuzt. Seine Arbeit und sein kleiner Sohn lassen Joel kein Zeit, sich mit Renovierungsplänen zu beschäftigen. Neben der Trauer um seine Frau plagen ihn grosse Schuldgefühle und er glaubt, seinen Vaterpflichten ungenügend nachzukommen.

Kezzie sprüht vor Energie und Freude, den Garten und ein weiteres Projekt durchzuziehen. Das geplante Sommerfest und die damit verbundenen Aufgaben lenken sie ab und auch Joel beginnt langsam, sich dafür zu interessieren. Selbst Laurens Leben scheint einfacher zu werden, als plötzlich der Vater ihrer beiden Mädchen auftaucht und sie sowohl finanziell und auch bei deren Erziehung unterstützen will. Hat er eine zweite Chance verdient?

Im Buch findet sich neben einem Plan der Ortschaft Heartsease in Nottinghamshire ein Stammbaum der Familie Handford. Dieser erweist sich während der Lektüre als sehr hilfreich. Allerdings, wenn man ihn zu genau studiert, ist man dem Lauf der Dinge, sprich der Erzählung, zuweilen voraus oder ahnt zumindest, was bevorsteht. Nichtsdestotrotz ein sehr empfehlenswerter Seitenumdreher mit sympathischen Charakteren, die einem ans Herz wachsen und einem Ende, das so nicht unbedingt zu erwarten ist.

Beim Abspeichern des Entwurfs dieser Buchvorstellung im Textprogramm habe ich festgestellt, dass bereits eine solche von einem Autor oder einer Autorin „WilliamsJ“ abegelegt war. Und siehe da, hier habe ich den Inhalt des Romans "Rosenduft und Rosenzauber" von der gleichen Schriftstellerin zusammengefasst. Da lohnt es sich wohl, gelegentlich einmal zu googeln, ob ihre anderen Bücher vielleicht ebenfalls einen erwähnenswerten hortikulturellen Hintergrund aufweisen.

Der Roman „The Summer Season“ spielt in der Ortschaft „Heartsease“, was übersetzt „Stiefmütterchen“ bedeutet. Viola tricolor kommen nicht nur in den Rabatten der neu restaurierten fiktiven Gärten in eben diesem Heartsease vor. Gerade hat mich der Fotograf Josh Westrich über das Erscheinen seiner neuesten Publikation informiert. Zusammen mit Jennifer Warschun hat er das Buch "Geliebte Viola – Das Otterswanger Veilchenbuch" herausgegeben.

Im Moment ist eine aufwendig hergestellte bibliophile Ausgabe mit zwei Tiefprägungen und dreiseitigem Silberschnitt erhältlich. Eine „Volksausgabe“ ist geplant. Die im Buch verwendeten Fotos von sind von der Royal Horticultural Society mit der Silbermedaille ausgezeichnet worden. Erhältlich ist das Buch direkt bei Josh Westrich und Jennifer Warschun (siehe unten).

Von Josh Westrich habe ich bereits seine Bücher über Schneeglöckchen und Leberblümchen im Sofagarten vorgestellt. Der Name Jennifer Warschun kam mir zwar gleich irgendwie bekannt vor, aber erst nach längerem Herumstudieren fiel mir ein, woher ich ihn oder besser sie selber kenne (oder wo ich ihr schon begegnet bin). Nämlich in der leider längst nicht mehr existierenden Baumschule Friedrich in Stammheim, gar nicht weit von hier entfernt, wo ich öfters vorbeigeschaut habe und aus deren Sortiment ich noch verschiedene Helleborus und andere Schätze im Garten stehen habe. Letztes Jahr habe ich ausserdem nach einem längeren Besuch und grösseren Einkauf bei Gaissmayer in Illertissen auf dem Heimweg noch kurz in "Jennifers Garten" in Otterswang vorbeigeschaut.



Julia Williams: 
The Summer Season 
Avon/Harper Collins Publishers, 2011 

Der vergessene Garten
Mira Taschenbuch, 2016


Email-Adressen für die Bestellung des Veilchen-Buchs und weitere Auskünfte:
j.westrich@t-online.de
jennifers-garten@t-online.de

1. Dezember 2014

Harald Schneider: Tote Beete

Stefanie Palzki möchte an der Landesgartenschau in Landau Anregungen für den heimischen Garten entdecken. Eher widerwillig kommen die übrigen Familienmitglieder mit auf diesen Ausflug. Insbesondere Hauptkommissar Reiner Palzki nützt schon bald die Gelegenheit, sich auf einer Bank auszuruhen, während seine Frau zusammen mit den vier Kindern das Gelände erkundigt und die Impressionen von Blumen in allen Farben, Formen und Grössen auf sich einwirken lassen. Eine gefährliche Entscheidung, die er damit trifft.

Der Familienausflug artet nämlich plötzlich in Arbeit für Palzki aus, als sich in unmittelbarer Nähe von der Bank, auf der er sitzt, eine Explosion ereignet, die ein Todesopfer fordert. Die ersten Untersuchungen ergeben, dass in einer Schubkarre eine Rohrbombe explodiert ist. Plötzlich taucht auch noch Palzkis Chef Klaus P. Diefenbach in merkwürdiger Verkleidung auf. Wie sein Mitarbeiter erfährt, soll eine Pflanze auf den Namen des Neurotikers getauft werden: Diffenbachia Klausis.

Obwohl der Tatort ausserhalb des üblichen Ermittlungsgebietes von Palzki und seinem Team liegt, werden sie mit der Auflösung des Delikts beauftragt. Es bleibt nicht bei einem Todesopfer und der Leser liest von einem übertrieben dämlich dargestellten Chef und einem seltsamen Pflanzenwettbewerb zwischen Kripo-Chefs samt Bau eines Gewächshauses neben dem Polizeigebäude. Ausserdem gibt die Lektüre Einblick hinter die Kulissen der Landesgartenschau und in die Salatproduktion.

Für diesen Feinkost-Krimi hat Harald Schneider die Landesgartenschau 2015 in Landau vorgezogen. Er lässt seinen „Natur-Palzki“ im Feinkost-Salat-Milieu ermitteln - zwischen Pflanzen, von denen viele essbar sind, einige hingegen nicht ganz so bekömmlich. Hauptkommissar Palzki ist übrigens kein grosser Gemüse-Freund und betrachtet Rosenkohl, Rote Beete und Kohl als Lebertran der Neuzeit.

Beeindruckend ist die Zahl der beim Salathersteller hergestellten Feinkostsalate. Deren hundert sind es. Wenn ich mir mal in der Mittagspause einen Fertigsalat kaufen will, stehen immer die gleichen, schon oft gegessenen, eher langweiligen Sorten im Regal…



Harald Schneider: 
Tote Beete 
Gmeiner- Verlag, 2014

15. November 2014

Jörg Pfenningschmidt: Pfenningschmidts Gartenschätze

Bei den meisten wöchentlichen oder monatlichen Publikationen, die ich mir zu Gemüte führe, beginne ich von hinten nach vorne zu blättern und lese mich zuhinterst fest, weil ich dort gleich meinen neuesten Lieblingsartikel finde. Sei es im Beobachter, der Tina, der Gardens Illustrated oder der Gartenpraxis – in vielen Zeitschriften finden sich anregende Kolumnen ganz hinten im Heft.

Neben Susanne Rückerts "Szenen aus dem Leben" gefallen mir ganz besonders die hortikulturellen Zeilen von Jörg Pfenningschmidt. Deshalb musste ich auch nicht lange überlegen, welches Mitbringsel vom kurzen Abstecher in die Königliche Gartenakademie in Berlin nach Hause gebracht werden sollte. Grünzeug kam wegen der Anreise per Flugzeug sowieso nicht in Frage, so dass die Wahl auf das Heft Nummer 6 der Schriftenreihe der Gesellschaft zur Förderung der Gartenkultur fiel: „Pfenningschmidts Gartenschätze".

Die pointiert formulierten Glossen des Hamburger Gartengestalters sind zuvor bereits im „Blätterrauschen“ erschienen und mindestens eine glaube ich in der Gartenpraxis mal gelesen zu haben („Verzichtbar“). Nur schade, ist das Büchlein so dünn. Ich hätte gerne noch mehr über diese Gartenschätze gelesen. Wenn es während dem Rückflug wegen heftigen Winden nicht so stark geschüttelt hätte, was doch stark vom Lesen ablenkte, wäre das Vergnügen wohl schon über den Wolken zu Ende gewesen.

Da ich nach Ende der Ferien meine hortikulturelle Lektüre wieder durch Manuals, Gesetzestexte und Verordnungen ersetzt habe, fehlt mir die Zeit und Musse detailliert auf den Inhalt der Kolumnen einzugehen. Wer meinem Geschmack nicht traut, kann sich im Forum "Garten Pur" in den Schreibstil des Autors "einlesen". Und unter der Rubrik „Kolumnenbücher und Essays“ finden Sie im Blog bekanntlich Lesetipps zu weiteren diesbezüglichen Lesetipps aus dem riesigen grünen Blätterwald.

PS: Ich weiss nicht, wie viele Pfenningschmidtsche Artikel ich schon gelesen habe. Aber erst beim Schreiben dieser Zeilen habe ich festgestellt, dass der Autor nicht Pfennigschmidt, sondern Pfenningschmidt heisst…



Jörg Pfenningschmidt: 
Pfenningschmidts Gartenschätze 
Gesellschaft zur Förderung der Gartenkultur, 2012

1. November 2014

Anja Jonuleit: Der Apfelsammler

Der Apfelroman-Reihe kann mit „Der Apfelsammler“ ein weiteres Buch zugefügt werden. Diesmal steht der Obstgarten in Italien und es ist die Rede von Sorten wie „Melo Fiorentino“, „Mela agostina“, „Mela cerata“, „Muso di bue“, „Culo d’asino“ und „Mela rosona“. Die letzten drei heissen übersetzt „Ochsenmaul“, „Eselshintern“ und „Rosenapfel“. In dem riesigen Freilandarchiv wachsen aber auch die Fuchs-, Hunds-, Butter-, Pastoren-, Florentiner und Marzola-Birne sowie der Kastanienapfel, entstanden aus einem Wildapfel, der einst auf einen Kastanienbaum gepfropft worden ist (tatsächlich möglich?).

Wie die Namen sind auch die Formen dieser Früchte völlig unterschiedlich. Da gibt es welche, die altmodisch aussehen, andere sind platt wie Weinbergpfirsiche oder erinnern an langnasige Zwerge. Gemeinsam ist aber allen ein vorzüglicher Geschmack, wie ihn meist nur alte Sorten aufweisen. Die Handlung des fiktiven Romans hat die Autorin rund um die Wirkungsstätte eines Apfelsammlers angesiedelt und dabei Sachinformationen einer „richtigen“ Retterin alter Obstsorten verwendet. Isabella Dalla Ragione setzt sich mit ihrem Vater für solche ein. Die beiden haben nicht nur eine Stiftung gegründet, sondern auch ein Tagebuch verfasst (Archeologia Arborea - Diario di due cercatori di piante,  Alieno editrice, Perugia, 2006, 4. Auflage in Vorbereitung). Aber nun zum Inhalt, der in zwei Strängen erzählten Geschichte:

Die 31jährige Journalistin Hannah ist mit ihrem VW-Bus unterwegs vom Bodensee nach Umbrien. Ihre Tante Eli, bei der sie seit dem zehnten Lebensjahr ein liebes Daheim hatte, nachdem ihre Eltern bei einem Unfall ums Leben gekommen sind, ist völlig unerwartet in ihrem italienischen Sommerhaus verstorben. Nach der Beerdigung hat sich Hannah spontan von ihrem langjährigen, verheirateten Freund getrennt und beabsichtigt nun, Elis Haus zu räumen und zu verkaufen.

Der Aufenthalt im Sommerhaus mit all den Dingen, die ihrer Tante gehört haben, weckt viele Erinnerungen in Hannah. Und immer wieder bedauert sie, dass sie den Kontakt zu Eli in den letzten Jahren vernachlässigt hat. Warum musste Eli auch so plötzlich und viel zu früh sterben? Im Haus findet Hannah Hinweise auf eine Liebesbeziehung ihrer Tante, die nie mit ihr über Männer gesprochen hat. Hannah hat selber auch nie einen Gedanken daran verschwendet, dass ihre Ersatzmutter etwas vermissen könnte und ist immer davon ausgegangen, dass sie selber Eli vollauf genügte.

Wenn es Hannah nicht gut geht, kurvt sie in ihrem VW-Bus herum oder schnappt sich ihre Kamera und fotografiert. Die Herausgeberin eines eigenen Online-Magazins sucht und fotografiert vergessene Orte wie unbenutzte Gebäude, alte Kirchen und stillgelegte Fabriken. Als sie in der Umgebung des Sommerhauses Ausschau nach interessanten Motiven hält, stösst sie auf einen verbrannten Garten, der eine seltsame Atmosphäre verbreitet. Bald macht sie Bekanntschaft mit Di Lauro, dem Besitzer desselben. Er wird in der Region „il pazzo delle mele“ genannt, und Hannah macht schnell die Erfahrung, dass er tatsächlich etwas merkwürdig ist. Und wenn auch vielliecht nicht gerade verrückt, ist er zumindest ein äusserst komischer Kauz.

Nichtsdestotrotz hilft Hannah Di Lauro, der sein Leben der Bewahrung alter Obstsorten vor dem Aussterben widmet, als Not am Mann ist beim Pflücken der Äpfel, was ihr ein erstes Dankeschön einbringt und sie fragt sich, wer oder was ihn zu dem Menschen gemacht hat, der er heute ist. Und sie merkt rasch, dass sie weder bereit ist, Elis Habseligkeiten wegzupacken oder wegzuwerfen, geschweige denn, das Haus zu verkaufen. Stattdessen träumt sie davon, die nächste Obstbaumblüte zu fotografieren...

Im zweiten Erzählstrang berichtet Eli in Briefform aus ihrem Leben – von ihrer harten Kindheit und Jugend in den fünfziger und sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts auf dem Einödhof, den schwierigen Familienverhältnissen, einem brutalen Vater und einer Mutter, die sich nicht zu wehren getraute und der Begenung mit einem Italiener, die Einfluss auf ihr ganzes Leben hat.

Das Buch gibt insbesondere einen interessanten Blick in das Leben auf dem Einödhof in schwierigen Zeiten und die Leserin erfährt am Rande einiges über das Bewahren alter Obstsorten. Leider vermag die Erzählung nicht bis zum Schluss zu fesseln und die Liebesgeschichte samt den aktuellen Hintergründen wirken konstruiert und  teilweise eher unglaubwürdig.



Anja Jonuleit: 
Der Apfelsammler 
Deutscher Taschenbuch Verlag, 2014

15. Oktober 2014

Carleen Brice: Orange Mint and Honey

Schon als achtjähriges Mädchen musste Shay für sich und die alleinerziehende, alkoholkranke Mutter Verantwortung übernehmen. In diesem Alter hat sie nämlich für die Schule erstmals erfolgreich die Unterschrift ihrer Mutter gefälscht und im gleichen Moment gewusst, dass sie sich nie mehr von ihrer Mutter herunterziehen lassen wird. Gleichzeitig hat sie gelernt, ihre Erwartungen tief zu halten, um sich Enttäuschungen zu ersparen und viele Dinge mit sich selber auszumachen. Ihre beste Zeit hatte sie als Neunjährige. Damals hatte sie zwar viele Aufgaben im Haushalt zu erledigen, aber ein verantwortungsbewusster Freund kümmerte sich um die Mutter.

Und so wie die Mutter trotz ihrer Sucht meistens eine sehr gepflegte Erscheinung war – jedenfalls, wenn man die Momente ausblendet, in denen ihre kleine Tochter Erbrochenes und anderes aufwischen musste – so hatte auch Shay das Vorspielen einer heilen Welt für die Umgebung perfektioniert. Freunde konnte sie nie einladen, da die Reaktionen ihrer Mutter unvorhersehbar waren und den Kontakt zu ihrer einzigen Freundin hat sie nach Schulabschluss abgebrochen.

Nun, mit fünfundzwanzig Jahren kehrt Shay wieder heim zu ihrer Mutter Nona. Die intelligente junge Frau hat sich jahrelang auf ihr auswärts absolviertes Studium konzentriert und der Kontakt zwischen den beiden Frauen beschränkte sich auf den unregelmässigen Austausch von Postkarten. Wegen Problemen in der Schule legt Shay auf Veranlassung ihres Mentors eine Semesterpause ein. Finanzielle Engpässe sowie die Vision ihrer Lieblingssängerin Nina Simone („go home!“) bewegen sie dazu, bei ihrer Mutter Unterschlupf zu suchen.

Shay, eigentlich LaShay Glory (wegen den „Morning Glories“ = Prunkwinden, die ihr Grossvater liebte), erkennt ihre völlig verändert erscheinende Mutter kaum wieder. Sie wohnt in einem gepflegten Haus, der Kühlschrank ist gefüllt und da ist Sunny, Shays dreijährige Halbschwester. Ist die Mutter wirklich trocken? Die emotional verkümmerte Shay, die sich in Stresssituationen ständig Haare ausreisst, misstraut den Zuständen und ist überzeugt, ihre Mutter spiele ihr etwas vor und trinke heimlich. Die junge Frau sperrt sich oft stundenlang in ihrem Zimmer ein, hört Musik und wird von ihren widersprüchlichen Gefühlen geplagt. Dazu gehört auch Eifersucht auf die kleine Halbschwester, die eine ganz andere Mutter erlebt als sie während ihrer eigenen Kindheit. Shay kann offensichtlich nicht verzeihen und trauert um ihre gestohlene Jugend. Derweilen versagt sie sich alle Freuden; teils aus Geldmangel, teils um sich selber zu bestrafen. Nonas Worte, dass sie (Shay) allen Grund und das Recht habe, wütend zu sein, aber auch das Recht, glücklich zu sein, prallen an ihr ab.

Die vierzigjährige Nona selber, die bereits mit fünfzehn Mutter von ihrem Wunschkind Shay wurde, hat gewissermassen eine Sucht durch eine andere ersetzt. Dank A.A. ist sie trocken, aber inzwischen völlig gartenverrückt. Sie pflegt einen üppigen, wilden und dennoch strukturierten Garten und legt grossen Wert auf eine gesunde Ernährung mit selber gezogenen Zucchinis, Tomaten und Jalapenos und schmückt ihr Daheim mit eigenen Schnittblumen. Ihr persönliches Problemlösungs-Rezept funktioniert so, dass sie die Ursache von Schwierigkeiten auf einen Zettel schreibt und diesen in kleine Stücke zerreisst. Die Schnipsel buddelt sie im Garten ein, wo sie sich zersetzen und die Erde anreichern. Und das Wichtigste: im nächsten Frühling hilft das Problem den Pflanzen beim Wachsen.

Während des länger als geplant dauernden Besuch kommen sich Shay und Nona näher und die Tochter beginnt sich zu verändern. Sie findet eine Stelle und einen Freund und sie nimmt wieder Kontakt mit ihrer ehemals besten Freundin auf. Langsam finden Mutter und Tochter zu einer besseren Beziehung,  das gegenseitige Vertrauen wächst und bildet einen guten Boden für die Zukunft. Shay lernt zu verzeihen und möchte ihre kleine Halbschwester aufwachsen sehen. Und sie muss schmerzlich erkennen, dass man im Leben oft nicht das bekommt, was man will und genau die Fehler macht, die man den Eltern vorwirft.

Die Liebe der Autorin Carleen Brice zum Gärtnern ist nicht nur in diesem traurig-schönen Buch ersichtlich, sondern auch in ihrem Blog "Pajama Gardener"




Carleen Brice: 
Orange Mint and Honey 
Random House, 2008

8. Oktober 2014

Zuletzt angefangen zu lesen: Jutta Blume - Ruf der Pflanzen

Eine Autorin mit dem Namen „Blume“ und ein Buchtitel, der lautet „Ruf der Pflanzen“ - diese Kombination weckt doch schon einige Erwartungen. Diese steigen noch, wenn die Sofagärtnerin sich den Buchbeschrieb genauer vornimmt (Zitat von der Umschlagseite):

"Außer „Sugar Creek“, der Zuckerrohrplantage, auf der sie aufgewachsen ist, mitten im Urwald von Guyana, kennt die Sklavin Ife nicht viel. Als 1761 der schwedische Forschungsreisende Sandquist sie für eine botanische Expedition kauft, wird sie mit der Ideenwelt der Aufklärung konfrontiert. Für die heilkundige Ife sind Pflanzen etwas Spirituelles und Heilbringendes, Teil einer Welt, in der alles miteinander verwoben ist. Doch der Wissenschaftler Sandquist gibt den Pflanzen komische Namen, systematisiert sie und presst sie in Bücher. Durch ihn lernt sie lesen und schreiben – und stellt seine Sicht auf die Dinge infrage.

Diese Begegnung mit der Wissenschaft verändert Ifes Leben für immer und ist der Anfang ihres Abenteuers, das sie bis nach Europa am Vorabend der Französischen Revolution führen wird. „Der Ruf der Pflanzen“ ist ein packender historischer Roman über eine starke Frau, die aller Widerstände zum Trotz nach Selbstbestimmung sucht in einer Welt im Umbruch."

Und wenn dann auf der Umschlaginnenseite auch noch steht, dass die Autorin Landschaftsplanung studiert hat und sich in Berlin als Kleingärtnerin betätigt, scheint das Buch tatsächlich eine Muss-Lektüre für den Sofagarten zu sein. In den Schulferien werde ich mit hoffentlich die Zeit dazu stehlen können. Vielleicht sogar in Berlin.


Jutta Blume: 
Ruf der Pflanzen 
Vergangenheitsverlag, 2014

1. Oktober 2014

Vaters Garten – Die Liebe meiner Eltern (DVD)

Jahrzehntelang ist man sich aus dem Weg gegangen. Spannungen haben die früheren Begegnungen geprägt. „Nur ein falsches Wort und der Teufel war im Dach“ erzählt die Mutter. Ein zufälliges Treffen von Vater und Sohn führt schliesslich zum Projekt, mit dem der kürzlich verstorbene Regisseur Peter Liechti seinen Eltern ein filmisches Denkmal gesetzt hat.

Einerseits erzählen die Eltern direkt oder beantworten die Fragen des Sohnes in Dialekt, anderseits sind ihre Gedanken auf Hochdeutsch nachgesprochen, während zwei Hasenmarionetten einem hämisch grinsenden Menschen gegenüberstehen. Im Zeitpunkt der Dreharbeiten war das Elternpaar seit 62 Jahren verheiratet. Trotz (oder wegen?) völlig unterschiedlicher Interessen. An jedem Hochzeitstag wundert sie sich, dass die Lebensgemeinschaft so lange funktioniert hat. Während er sehr kontaktfreudig und häufig unterwegs ist, führt sie ein eher zurückgezogenes Leben, taucht in ihre Bücherwelten ab und hat ihren Frieden im Glauben gefunden. Immer hat sie sich ihrem Mann untergeordnet, damit es keinen Streit gab.

Der Film zeigt stellvertretend das Leben einer Generation wie ich es mir nicht vorstellen könnte. Wiederholtes Kopfschütteln auf meiner Seite. Etwa wenn es heisst, die Frau gehört an den Herd und wer zahlt (und das Geld verdient), befiehlt. Als die Frau die Auszahlung ihres Anteils der AHV-Rente auf ein eigenenes Konto veranlasst, hat der Ehemann ihr das monatelang nachgetragen und sie das auch deutlich spüren lassen. Die Gesundheit der Frau wird der Unversehrtheit der Badezimmerplättli untergeordnet. In diese dürfen unter keinen Umständen zwei Löcher gebohrt werden, um einen Griff anzubringen. Ein weiterer Sturz mit gebrochenen Rippen scheint das kleinere Übel zu sein, als die dann irgendwann notwendig werdende Wieder-Instandstellung der Plättli. Ähnliche Überlegungen gelten für das (Nicht-)Aufhängen der Wohnzimmerlampe über dem Esstisch.

In dieser dokumentierten Annäherung von Vater, Mutter und Sohn erhält der Zuschauer einen tiefen Einblick in das Leben der Eltern, ihre Wurzeln und ihre Gedanken. Immer wieder werden die grossen Unterschiede zwischen dem Ehepaar deutlich und man kommt nicht um die Schlussfolgerung herum, dass eine in jüngerer Zeit geschlossene Ehe aufgrund dieser Basis wohl schon längst geschieden worden wäre. Sehr deutlich kommt aber auch das liebevolle Miteinanderumgehen zum Ausdruck und dass ihre Liebe im Alter wieder grösser geworden ist. Was sie ihm auch sehr oft sagt. Er weniger. Denn Gefühle sind eher Frauensache.

Zwischen diesen Einblicken in das Leben der Eltern sieht man immer wieder den gärtnernden Vater. Auch hier ist seine Prinzipientreue omnipräsent und ich könnte noch einiges in Sachen Gründlichkeit lernen. Die Beete sind unkrautfrei. Die Tomatenstangen aus Holz werden mit dem Abwaschbürsteli gereinigt und angeschrieben, damit sie nächstes Jahr für den gleichen Zweck wieder verwendet werden können. Die Frau gibt freimütig zu, oft auf den Garten eifersüchtig gewesen zu sein, in den er ihrer Ansicht nach vor ihren Ansprüchen geflüchtet ist. Er, 88 Jahre alt, will noch ein oder zwei Jahre weiter gärtnern und versorgt derweilen den Haushalt zur Erntezeit mit Bohnen, Salat und bringt Schnittblumen wie Rosen und Cosmeen nach Hause.



Vaters Garten (DVD) von Peter Liechti 
Pelicanfilms, 2014

14. September 2014

Caroline Vermalle und Ryan van Ruben: Eine Blume für die Königin

Im November 1805 wird in Kanada ein alter Mann von einer Kutsche angefahren und verletzt. Die Insassen nehmen den Verletzten mit seinen wenigen Habseligkeiten nach Hause, wo er medizinisch versorgt wird. Gewissermassen als Lohn für die Behandlung erzählt der Patient seine Lebensgeschichte, die immer mehr Familienmitglieder fesselt. Es sind nämlich die spannenden Abenteuer eines Pflanzenjägers, die schliesslich zur (doch etwas gesuchten) Wiedervereinigung zweier Menschen führt, die sich jahrzehntelang immer wieder verpasst haben.

Ganz am Anfang der Erinnerungen steht im Jahr 1772 eine freie Stelle, für die sich kein Bewerber findet. Ausgeschrieben ist eine Tätigkeit als Pflanzenforscher auf botanischen Expeditionen, und zwar als Begleiter von Sir Joseph Banks. Als Francis Masson, seines Zeichens Gärtner in Kew, Samen und eine Paeonia albiflora am Sitz der Royal Society abliefern will, wird er von den beiden für die Vergabe der Stelle verantwortlichen Assistenten widerwillig zu Joseph Banks gezogen.

Masson bekommt in der Folge eine Stelle, für die er sich gar nie beworben, geschweige denn interessiert hat und damit steuert sein schon weitgehend vorgegeben scheinender Lebensweg in eine völlig neue Richtung. Eine Richtung, die er sich in seinen kühnsten Träumen nicht hätte ausmalen können. Seine Aufgabe im Auftrag der britischen Krone ist das Auffinden einer besonderen Blume für die Königin und deren erfolgreicher Transport nach England.

Massons Vater ist vor vielen Jahren auf hoher See ums Leben gekommen und Francis hatte selber niemals den Wunsch, ebenfalls über die Meere zu fahren. Und beugt er sich dem Druck und verpflichtet sich für zwei Jahre. Als Lohn winken bei der Rückkehr dreihundert Pfund und fünf Morgen Land.

Vor seiner Abfahrt organisiert die Mutter noch seine Verlobung. Mit dem Lohn möchte Francis Masson eine Baumschule gründen und weiss schon genau, wo das Treibhaus hinkommt, welche Beete mit Buchsbaumhecken abgegrenzt werden und wo die Setzlinge von Kalmien, Rhododendron und Magnolien stehen werden. Da er nicht nur ein guter Gärtner, sondern auch ein hervorragender Zeichner ist, hat er schon genaue Pläne von seinem künftigen Betrieb aufs Papier gebracht. Doch noch ist der Aufbau seiner eigenen Gärtnerei in weiter Ferne und zunächst sind neben der Überfahrt etliche Abenteuer im gefährlichen Südafrika und die Rückreise zu überstehen. Gelingt es Masson, anhand der von Banks erhaltenen Skizze die gewünschte Paradiesvogelblume (Strelizia reginae) zu finden und in die Heimat zu bringen?

Dieser spannende historische Roman vermischt Fiktion mit wahren Begebenheiten aus dem Leben des Schotten Francis Masson, der jahrelang in Afrika Pflanzen gesammelt hat. Gemeinsam mit dem Botaniker Dr. Carl Thunberg meistert er viele schwierige Aufgaben. So wird Masson der Spionage verdächtigt und die beiden unterschiedlichen Charaktere überleben sogar den Angriff von Löwen.



Caroline Vermalle und Ryan van Ruben: 
Eine Blume für die Königin 
Bastei Lübbe, 2014

7. September 2014

Daniel J. Hinkley – The Explorer’s Garden

Da ich ja nun keine oder zumindest deutlich weniger Zeit zum Sofagärtnern habe, picke ich mir aktuell vermehrt Bücher aus dem Gestell, die ich schon lange lesen wollte, deren Lektüre ich aber aus verschiedenen Gründen immer wieder vertagt habe. Und solche gibt es viele – sowohl Bücher als auch Gründe…

Inzwischen habe ich auch die Abstände zwischen den neuen Posts nochmals deutlich vergrössert, so dass ich bei Intervallen von zwei Wochen nun bereits bis Ende März 2015 vorgebloggt habe. Danach werde ich wohl gelegentlich ältere Artikel über lesenswerte Bücher aus meiner Blogger-Anfangs-Zeit nochmals posten, damit es hier nicht ganz still wird. Schliesslich ist der Leserstamm permanent gewachsen und aufgrund der Statistiken kann ich darauf schliessen, dass eher wenige Zugriffe auf  diese Beiträge stattfinden und nur wenige neue Leser die einzelnen Artikel durchklicken. Aber nun zur Buchvorstellung:

Daniel J. Hinkley hat schon in Japan, China, Südkorea, Nepal, Chile und Nordamerika nach grünen Schätzen gesucht. Da diese Publikation aus dem Jahr 1999 stammt, sind inzwischen wohl noch weitere Jagdgebiete dazugekommen. In 28 Kapiteln werden auf rund 350 Seiten Stauden und ihre Lebensräume vorgestellt: Leberblümchen (Hepatica), Wiesenraute (Thalictrum), Lerchensporn (Corydalis), Mammutblatt (Gunnera), Silberkerze (Cicmicifuga) und Elfenblumen (Epimedium) um nur einige zu nennen. … Dabei konzentriert sich der vielseitig interessierte, engagierte und mehrfach ausgezeichnete „Plantsman“ bewusst auf wenige Pflanzen, die er selber bewundert und die nach seinem Empfinden zu wenig verwendet und gewürdigt werden (nicht vergessen: Stand 1999!).

Die Bedürfnisse einer Pflanze können besser verstanden werden, wenn der Gärtner ihren Naturstandort kennt; entweder aus Fachlektüre oder sogar aus eigener Anschauung. Der weitherum gekommene Hinkley kann diesbezüglich aus einem schier unerschöpflichen Fundus schöpfen und teilt sein Wissen und seine Erfahrung grosszügig mit dem interessierten Leser. Nicht nur Erfreuliches, auch Enttäuschungen werden thematisiert. Etwa jene, wenn er glaubt, eine tolle Entdeckung gemacht zu haben, nur um festzustellen, dass im Botanischen Garten bereits prächtige Exemplare derselben Pflanze wachsen.

Überhaupt sind in diesem Buch sind nicht nur die Pflanzen und ihre Bedürfnisse wichtig. Viel Raum wird auch Freunden und anderen wichtigen Begleitern eingeräumt. Verschiedentlich pflanzt der Autor Gewächse nicht nur ihrer selber willen, sondern wegen des Namens, den sie tragen, oder weil diese ihn an bestimmte liebe Menschen erinnern. So stösst man während dem Seitenumblättern immer wieder auf bekannte Namen wie beispielsweise Helen Dillion, Rosemary Verey oder Allan Bloom und das Vorwort hat Roy Lancaster verfasst. Und in den Augen von Ms. Doncaster, der Namensgeberin von Geranium sylvaticum „Amy Doncaster“ stellt Hinkley die gleiche Freude fest, welche die ihr gewidmete Pflanze verbreitet.

Die Texte über die einzelnen Staudenfamilien werden jeweils mit ausführlichen Angaben zu Winterhärte, Kultivierung und Vermehrung ergänzt. Im Serviceteil finden sich zusätzlich eine Karte mit den einzelnen Winterhärtebereichen (leider nur für Nordamerika) sowie Bezugsquellen, ein Glossar, weitergehende Literaturhinweise und ein Pflanzenregister. Die Publikation ist reich bebildert mit Fotos von Lynne Harrison. Der Leser kann aber nicht von jeder vorgestellten Pflanze eine Aufnahme erwarten.

Für mich persönlich habe ich festgestellt, dass es etliche „Asarümer“ (Asarum, Haselwurz) gibt, die ich gerne im eigenen Garten ansiedeln würde. Wohlwissend, dass der hier vorliegende Lebensraum nicht optimal ist. Aber in meiner Vorstellung würden diese eine visuell harmonische Ergänzung zu den sich immer schöner vermehrenden Cyclamen darstellen. Der Autor teilt meine Begeisterung für Asarum übrigens nicht. Er ist oder war zumindest lange Zeit kein grosser Freund dieser Bodendecker. Aber er hat irgendwann seine Meinung geändert und schreibt im Buch von über 100 Spezies mit einem grossen Potential...



Daniel J. Hinkley: 
The Explorer’s Garden – Rare and unusual Perennials 
Timber Presss, 2009

31. August 2014

Nadja Bucher: Die wilde Gärtnerin

Ihr dreistöckiges Stadthaus im 8. Bezirk an der Lerchengasse in Wien fungiert seit zwei Jahren als Schneckenhaus für die Mitdreissigerin Helen Cerny. Auf wenigen Quadratmetern hat sie sich eingerichtet. Die restliche Fläche ist vermietet, sorgt für ein regelmässiges Einkommen und bietet ihr gleichzeitig den Luxus, sich den Lebensunterhalt nicht mit Arbeiten verdienen zu müssen. Seit dem Unfalltod ihres langjährigen Lebensgefährten Leo widmet sie ihre Zeit vollumfänglich ihrem Stoffwechsel und ihrem grossen Garten samt Komposttoilette.

Helen, von einer Schamanin grossgezogen, die mit Mitte Vierzig an Krebs gestorben ist, hat die beiden vergangenen Jahre im wahrsten Sinne des Wortes der Produktion von Scheisse oder schöner ausgedrückt ihrem Stoffwechsel gewidmet. Eine ganz eigene Philosophie verbirgt sich dahinter, die perfekten Dünger für den Garten liefert. Die Kontakte zur Umwelt beschränken sich weitgehend auf den Umgang mit ihrer Freundin Toni, die im gleichen Gebäude wohnt und unermüdlich versucht, Helen die Aussenwelt wieder näher zu bringen.

Doch Helen vermisst in ihrer selbst gewählten Einsamkeit nichts, schätzt aber doch die Ablenkung, die ihr der Blick in die Wohnung direkt gegenüber bietet. Nachdem diese wochenlang leer gestanden hat, scheinen plötzlich dort stehende Umzugskartons die Ankunft neuer Bewohner anzukünden. Und tatsächlich zieht eine junge Frau alleine dort ein.

Immer wieder beobachtet Helen diese Frau, die häufig stundenlang vor dem Laptop sitzt. Als gegenüber tagelang das Fenster offen ist, aber niemand zu sehen ist, verlässt Helen ihre eigene Wohnung und schaut nach, ob sie Hilfe anbieten kann. So kommt es zum ersten direkten Kontakt mit Berta und in der Folge grüssen sich die beiden Nachbarinnenn immer wieder von Fenster zu Fenster oder treffen sich gelegentlich auch persönlich. Die unregelmässigen Gespräche zwischen Helen und der Berta, die sich als engagierte Systemkritikerin entpuppt, führen dazu, dass sich erstere plötzlich für das Weltgeschehen zu interessieren beginnt. Als ein Waffenlobbyist einen Jagdunfall erleidet und Pensionsvorsorgefonds gehackt werden, stellt Helen Verbindungen zwischen den langen Abwesenheiten von Berta her, untersagt sich aber selber, diese Vermutungen weiterzuspinnen.

Die wichtigsten Menschen in Helens Leben begleiten sie seit ihrer Schulzeit. Nun scheint sie endlich bereit, sich zu öffnen und geht neue Bekanntschaften ein. Doch als ihre lebhafte Freundin Toni zusammen mit ihrem neuesten jungen Freund ein esoterisches Sommerfestival auf die Beine stellt, findet sich Helen plötzlich in einem nicht selbst gewählten Gefängnis wieder und Probleme um die Geschmeidigkeit des Stuhlgangs treten in den Hintergrund. Was hat sich hinter Helens Rücken und direkt vor ihren Augen abgespielt?

Die Idee der Komposttoilette geht übrigens auf Leo zurück und Helen war gar nicht begeistert als sie zum ersten Mal davon hörte und Leo versuchte, sie mit einem Amazonas-Märchen von der Permakultur zu überzeugen. Dass auf dem Titelbild des Buches eine WC-Schüssel auf einer Distel abgebildet ist, habe ich erst nach einiger Zeit festgestellt. Anscheinend habe ich das Cover bis zur Hälfte der Lektüre nie richtig angeschaut. Die detaillierten Beschreibungen über Helens Stoffwechsel sind zunächst etwas befremdlich, doch rasch wird man von den verschiedenen Themen (Garten, Komposttoilette, Wirtschaft, Schlagzeilen, anarchische Aktionen, Generationengeschichte, Menu-Tipps) des Buches vereinnahmt und will wissen, wie die einzelnen Stränge zusammenpassen.

Diese Familiengeschichte der Helen Cerny setzt sich aus verschiedenen Strängen zusammen. Helens Journal wird ergänzt durch die Verhörprotokolle von Toni und chronologischen Erzählungen aus dem Leben von Helens Urgrosseltern, Grosseltern und der Mutter sowie Helens eigener Kindheit und Jugendzeit und beginnt 1915 mit dem Warten auf den Kaiser. Ein Staummbaum erleichtert dem Leser die Orientierung.

Helens Journaleinträge handeln zu einem wesentlichen Teil von ihrem Garten und ihren Tätigkeiten im Laufe der Jahreszeiten. Obstbäume, Kräuter, eine Blumenwiese und grosse Gemüsebeete prägen die konsequent biologisch bearbeitete Anlage, die eine ideale Brutstätte für Wildbienen und Solitärwespen darstellt. Das Problem der Schneckenplage wird gelöst, indem die Gärtnerin die Schleimer über die Gartenmauer katapultiert. Der bedeutende hortikulturelle Hintergrund lässt vermuten, dass die Autorin eigene gärtnerische Erfahrungen in den Text hat einfliessen lassen.



Nadja Bucher: 
Die wilde Gärtnerin 
Milena Verlag, 2013

24. August 2014

Craig Pittman: The Scent of Scandal - Greed, Betrayal and the World’s Most Beautiful Orchid

Die Orchideen bilden eine riesige, faszinierende Pflanzenfamilie. Während ich im Garten gerne welche ansiedeln würde, aber mangels auch nur annähernd optimaler Bedingungen und zur Vermeidung von kostspieligen Enttäuschungen darauf verzichte, gefallen mir die Wegwerf-Zimmerpflanzen zum Discountpreis zwar, aber ich kann gut und gerne auf diese verzichten.

Besonders gefallen mir hingegen Bücher, die Einblick in die Welt von Orchideenverrückten geben. Diese Publikationen lesen sich oft spannender als mancher Roman. In dieses Genre gehören beispielsweise „Orchideenfieber – Die Geschichte einer Leidenschaft„ von Eric Hansen (Klett-Cotta Verlag, 2002), „The Orchid in Lore and Legend“ von Luigi Berliocchi und „The Orchid Thief“ von Susan Orlean. Die beiden letzteren wurden nie auf Deutsch übersetzt, aber „The Orchid Thief“ diente als Grundlage für den Film „Adaption“ mit Nicolas Cage und Meryll Streep in den Hauptrollen. Das Oscar-gekrönte Werk hat es seinerzeit auch in die hiesigen Kinos geschafft und die DVD ist nach wie erwerbbar.

Meine aktuelle Lektüre trägt den vielversprechenden Titel „The Scent of Scandal“ und handelt von Gier, Betrug und der angeblich schönsten Orchidee der Welt. Schon im Prolog heisst es, dass bereits Adam und Eva bezeugen können, dass im schönsten Garten irgendwo eine Schlange steckt. Wer ist hier die Schlange? Am Anfang der Geschichte steht der Kauf einer unbekannten, grossblumigen Frauenschuh-Orchidee im Jahr 2002. „Tatort“ ist ein kleiner Stand an einer Strasse in Peru, das Objekt ein Frauenschuh mit purpurfarbener Blüte in der Grösse einer Männerhand, Verkäufer ein Einheimischer, Käufer der amerikanische Orchideensammler Michael Kovach. Oder waren es drei Pflanzen, die den Besitzer wechselten? Schon gehen die Aussagen und Meinungen auseinander.

Ebenfalls am Anfang steht ein Wettrennen um die erste offizielle botanische Beschreibung dieser Orchidee und die Namensgebung. Das ganze Buch samt Anklage und Prozess dreht sich darum, ob die Pflanze illegal aus Peru aus- und in die Vereinigten Staaten eingeführt worden ist oder doch nicht. Und ob dies wissentlich oder unwissentlich geschehen ist und ob sich die Mitarbeiter und die zunächst nicht eingeweihte Leiterin eines botanischen Gartens in Florida strafbar gemacht haben. Ein weiterer Streitpunkt ist, ob die Orchidee Phragmipedium kovachii heissen darf oder Phragmipedium peruvianum heissen soll. Dann geht es um die Schwierigkeiten, eine nicht blühende Orchidee eindeutig zu identifizieren und Richter und Staatsanwälte von der Wichtigkeit zu überzeugen, konsequent und mit dem nötigen Ernst gegen Pflanzenschmuggel vorzugehen. Als Leserin ist einem nicht immer ganz klar, wer hier die Guten und wer die Bösen sind. Eine Herausforderung ist auch das Einordnen von Informationen: handelt es sich um Gerüchte, Fakten oder Spekulationen?

Eingebettet in die Chronik erfährt der Leser immer wieder Interessantes aus der Pflanzenwelt - etwa über heimtückische Pflanzenjäger, über die grösste Orchideenschau der Vereinigten Staaten, die jeden Frühling auf einem offenen Feld ausserhalb von Miami stattfindet und zwischen acht- und zehntausend Besucher aus aller Welt anzieht, und über im Internet offen angebotene illegale Orchideen (eine Form von „sans-papiers“), die in ihren Verpackungen als „Kinderkleider“ oder „Spielwaren“ deklariert auf den Weg zum Käufer und Sammler geschickt werden.

Die Publikation lässt den interessierten Leser hinter die Kulissen in die die legalen, halblegalen und illegalen Seiten des Orchideenhandels blicken. Auch von einem gewissermassen alten Bekannten ist wiederholt die Rede. Und zwar von Harold Koopowitz, von dem ich kürzlich hier ebenfalls ein Buch vorgestellt habe. Ob es sich bei der auf dem Buchcover abgebildeten Pflanze tatsächlich um die schönste Orchidee der Welt handelt, sei dahingestellt und muss jeder für sich selber entscheiden. Falls Sie aber Bücher über Betrug, Verrat und Gier im Reich der Botanik schätzen, hier der Link zu einer weiteren solchen Publikation (nicht über Orchideen) von Karl Sabbagh mit dem Titel „The Rum Affair“. Dieses Buch habe ich vor Jahren gelesen und wollte hier im Blog längst einmal darüber schreiben. Da ich in absehbarer Zeit nicht dazu komme, verlinke ich zu einer englischen Rezension. Mit „Rum“ ist hier übrigens nicht das alkoholische Getränk, sondern eine schottische Insel gemeint.



Craig Pittman: 
The Scent of Scandal – Greed, Betrayal and the World’s Most Beautiful Orchid 
University Press of Florida, 2012

17. August 2014

Jürgen Feder: Feders fabelhafte Pflanzenwelt

Pflanzenjäger und Hobbybotaniker müssen gar nicht weit reisen, um interessante Pflanzen zu entdecken. Falls es noch einen schriftlichen Beweis für diese Tatsache gebraucht hat, legt Jürgen Feder diesen mit seiner Publikation „Feders fabelhafte Pflanzenwelt“ vor. Ausserhalb von gepflegten Hecken, am Wegrand, an Ufern von Tümpeln oder entlang von Autobahnen finden sich Pflanzen, die gemeinhin oft als Unkraut definiert werden und deren Reiz und Besonderheit erst bei genauerem Hinsehen oder auf den zweiten Blick erkennbar ist.

Begleiten Sie den leidenschaftlichen, naturverbundenen Landespfleger Jürgen Feder auf seinen Touren und lassen Sie sich von seiner Begeisterung für die (neu-)heimische Flora anstecken. Und vielleicht schauen auch Sie in Zukunft genauer zwischen Mauerspalten und Fugen und entdecken dort oder anderen unwirtlichen Stellen interessante Gewächse, die den schwierigen Bedingungen trotzen. Schliesslich ist genau dies das Ziel des Autors: mit seinen Texten und Fotos Eigeninitiative zu wecken und dass dieser neugewonnene Tatendrang dann weitertragen und verbreitet wird.

Welche Pflanze liebt es, wenn ihr das Wasser bis zum Hals steht, mit welchem Gewächs lässt sich Wolle rot färben und welches Grünzeug bezeichnet der Autor als Zeitbombe, deren Blühzeit meist verpasst wird? Welche Alleskönner wachsen auf salzigen Böden, in Hitze und Staub? Wer bevorzugt Quellnässe und worum handelt es sich bei Mumienbotanik? Die Antworten sind im Buch nachzulesen und daneben erfährt der interessierte Leser von Pflanzen, die nach Schweinebratensauce riechen und  von solchen, die den Botaniker und Farnliebhaber vor Verzückung fast vom Velo fallen lassen. Überhaupt ist seine Tätigkeit oft nicht nur beschwerlich, sondern auch gefährlich. Einmal ist er beim Zählen von Farnen von einer feuchten Ziegelmauer abgerutscht, worauf sich eine Zaunspitze gefährlich tief in seine Brust gebohrt hat.

Aufgrund seiner langjährigen Erfahrung kann der Autor bei Vorkommen von grossen Mengen von Vogelkot schöne Pflanzenarten ausschliessen und er weiss, dass die Teichrand-Flora im Mai nicht viel zu bieten hat und erst im Sommer nach Aufwärmung des Gewässers ein genauer Blick lohnenswert ist. Sein Jagdgebiet schliesst aber auch unordentliche Hinterhöfe, ölverschmierte Gleisflächen, Strassenbahndepots und Orte, wo Müll liegen bleibt, ein. Und der genügsame, konsequent sparsame Pflanzenfreund gibt preis, warum ausgerechnet er Militärplätzen etwas Positives abgewinnen kann.

Jürgen Feder ist meistens zu Fuss oder mit dem Fahrrad unterwegs. Gleich zu Beginn der Lektüre verrät er, weshalb seine linke Hals- und Nackenmuskulatur viel stärker ausgebildet ist als jene auf der rechten Seite. Nämlich vom ständigen nach-rechts-Schauen beim Velofahren. Rastlos ist er auf der Suche nach gefährdeten Pflanzen, dabei alle Sinne einsetzend und gleichzeitig oft die eigenen körperlichen Leistungsgrenzen ignorierend. Nicht immer ist er erwünscht und wird freudig begrüsst, doch ist er nicht um gepfefferte Koseworte verlegen. Selber wütend wird er bei Begegnung mit Frevlern. Gefährliche Begegnungen gibt es sowohl mit Zwei- als auch mit Vierbeinern; geschildert wird auch eine mit einer Wildsau samt Frischlingen.

Der Autor schläft oft draussen oder sucht Unterschlupf in ehemaligen Bahnhöfen, auf Friedhöfen oder in offenen Kapellen. Seine Exkursionen führen in weit herum – nach Rom, Moskau und Jerusalem. Damit sind aber nicht die bekannten Städte gemeint, sondern Orte in Mecklenburg-Vorpommern oder im Landkreis Cuxhaven.

Die Laiin staunt angesichts dieser enormen botanischen Wissensfülle. Des Profis Begründung: Pflanzen sind wie Freunde oder Familie, die man sofort erkennt. Die illustrierten Pflanzenportraits werden komplettiert durch einen Anhang mit Glossar, Literaturhinweisen und einem Register. Wer den engagierten Autor in Aktion erleben will, googelt seinen Namen und findet Aufzeichnungen von TV-Beiträgen und anderen Produktionen auf dem Videoportal YouTube.



Jürgen Feder: 
Feders fabelhafte Pflanzenwelt – Auf Entdeckungstour mit einem Extrembotaniker 
Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2014

19. Juli 2014

Catrin Barnsteiner: Fräulein Schläpples fabelhafte Steuererklärung

Wiederholt lieferte dieses Buch von Catrin Barnsteiner beim Googeln nach Stichworten wie „Garten“ und „Gärtner“ am meisten Treffer, so dass ich es mir im letzten Herbst nach wochenlangem Zögern und obwohl mir der Titel überhaupt nicht gefällt und ich betreffend des Inhalts Zweifel hatte (will ich meine freie Lesezeit in berufswandte Themen investieren?) schliesslich doch zugelegt habe. Nach der Lektüre blieb ich mit zwiespältigen Eindrücken zurück. Hier zum Inhalt:

Im Roman „Fräulein Schläpples fabelhafte Steuererklärung“ prallen zwei gänzlich unterschiedliche Welten aufeinander. Der stets korrekte, sich penibel an alle Regeln und Gesetze haltende Finanzbeamte Fred Eisenbogen und die chaotisch veranlagte Gärtnerin Sandra Schläpple. Deren Vater war bis zur Pensionierung während Jahrzehnten ebenfalls als Betriebsprüfer tätig. Trotzdem oder gerade deshalb findet die ganze Familie Schläpple an einem ganz speziellen Spiel grossen Spass, das mit viel Enthusiasmus regelrecht zelebriert wird. Regelmässig werden Privatquittungen von sämtlichen Auslagen gesammelt und kommen in einen Topf, aus dem dann Zettel gezogen werden. Wer den originellsten einigermassen plausiblen Grund für einen möglichen Steuerabzug liefert und die Hürden umgeht, die einen als Spielverderber ausweisen, kriegt die Quittung und darf die Auslage auf der nächsten Steuererklärung geltend machen. Eine Idee ist etwa, den Rasenmäher als Dienstwagen auszugeben.

Sandra verdient ihre Brötchen als selbständige Gärtnerin und ist mit ihrer mobilen Gärtnerei zu ihren Kunden unterwegs. Sie träumt von einem eigenen Gewächshaus, um dort verbotene Unkräuter zu züchten. Privat ist sie mit dem Architekten Gerry liiert, der einen sehr strengen Geschmack hat und sich überhaupt recht intolerant aufführt. Fred seinerseits teilt seine dunklen Locken streng durch einen akkuraten Beamtenscheitel und entlarvt jeden potentiellen Steuerbetrüger. So ist er etwa auch im Baumarkt bestrebt, keine Quittungen liegenzulassen, die dann missbräuchlich verwendet werden könnten. Er braucht Sicherheit und liebt Vordrucke und Paragraphen. Höchstes Ziel ist die Vermeidung von Fehlern (wer weiss, ob es eine zweite Chance gibt?) und er korrigiert sogar seine eigenen Fehler auf von ihm verfassten Glückwunschkarten mit dem Rotstift.

Doch wie lernen sich Fräulein Chaos und Herr Korrekt überhaupt kennen? Am einem späten Abend kurz nach oder vor Schalterschluss (Ansichtssache) um 22.00 Uhr in der Post rettet Fred Sandra, die unbedingt ihre Steuererklärung noch auf den letzten Drücker fristgerecht abstempeln lassen und fortschicken will. Dank dieser kurzen Begegnung interessiert sich Fred endlich wieder für eine Frau und um sich selber vorteilhafter darzustellen, gibt er sich als Archäologe aus. Der Zufall will es, dass Fred ausgerechnet bei Sandra Schläpple aufgrund eines anonymen Hinweises eine Betriebsprüfung durchführen muss. Und während Sandras Vater die Steuerprüfung wie eine Schlacht vorbereitet, räumt der aufgeregte Beamte Fred seinen Schreibtisch auf und spült daheim Geschirr, das längst sauber ist.

Hortikulturelles ist trotz dem Beruf von Sandra eher Mangelware, dafür geht es immer wieder um eine Fehde zwischen Böblingen und Sindelfingen und um Finanzamtwitze. Das Buch liest sich zwar gut, aber irgendwie fehlte mir das gewisse Etwas.

Mit diesem Post verabschiede ich mich in die Sommerpause. Endlich habe ich hiermit alle längst fertig vorbereiteten Buchvorstellungen der letztjährigen (!) Urlaubslektüre online gestellt und es warten nunmehr aktuell gelesene Titel auf die Veröffentlichtung ab Mitte August. Wenn mich ein Buch nicht völlig überzeugt, rutscht es nämlich bei der Terminplanung fortlaufend weiter nach hinten, während interessantere Publikationen vorgezogen werden.

Sobald auch alle anderen"Pendenzen" abgearbeitet sind bzw. die bereits heute nur auf einen Knopfdruck wartenden Posts auch online gestellt sind, wird es hier im Sofagarten ruhig werden. Da ich im September mit einer zweijährigen Weiterbildung beginne, bleibt voraussichtlich keine Zeit mehr zum Sofagärtnern und zum Bloggen. Ich freue mich auf die neuen Herausforderungen und werde mir ganz sicher die Zeit nehmen, Stefan Leszkos neues Büchlein "Was Sie schon immer über Gärtner wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten" (erscheint im September 2014) zu lesen und vielleicht mit weiteren längst notierten, aber nie online gestellten "Müsterlis" von unserer Gartenumgestaltung anno 2012 hier vorzustellen.



Catrin Barnsteiner: 
Fräulein Schläpples fabelhafte Steuererklärung 
Bloomsbury/Berlin Verlag, 2013

15. Juli 2014

Zuletzt ausgelesen: Simone Ehrhardt – Der Mörder ist manchmal der Gärtner

Auf Simone Ehrhardt bin ich durch ihren früheren Blog „Krimigarten – Gartenkrimi“ (inzwischen zusammengelegt mit "Crimelady's Notes") gestossen und habe irgendwann festgestellt, dass ich schon längere Zeit ein ungelesenes Buch von ihr herumliegen habe. Inzwischen weiss ich endlich, ob der Gärtner tatsächlich der Mörder ist oder eben doch nicht, wie der Buchtitel so schön suggeriert -  aber nun mal schön der Reihe nach.

Penelope Blank, eine kreative Schreiberin, die mehr oder weniger erfolgreich Romane verfasst, hat mit zwei älteren Damen einen Tagesausflug in den Zoo unternommen. Ziemlich entsetzt muss sie bei der Rückkehr feststellen, dass eine der beiden Frauen nicht wie angenommen tief und fest schläft, sondern gestorben ist. Wie sich erweist, ist sie nicht einfach sanft entschlafen. Nein, ihrem Leben wurde ein gewaltsames Ende gesetzt.

Und plötzlich steht die zweite ältere Frau vom Zooausflug, eine Nachbarin von Penelope, unter Mordverdacht. Da Penelope schon mehrfach erfolgreich ähnliche Fälle aufgelöst hat, wird sie mit der Bitte konfrontiert, ihre einschlägigen Erfahrungen einem weiteren Praxistest zu unterziehen. Hilfreich ist dabei der regelmässige Austausch mit ihrem künftigen Ehemann, dem Kommissar Peter Wilson.

Eigentlich hätte Penelope auch ohne private Mordermittlungen genug um die Ohren. Sie heiratet nämlich in drei Wochen und die ganze Hochzeitsfeier ist noch zu organisieren. Kurzerhand delegiert sie etliche Aufgaben an Mitglieder ihrer Kirchgemeinde und findet zwischen dem Anprobieren von Hochzeitskleidern und der Planung der Hochzeitsreise Zeit, sich an die Fersen des Mörders zu heften, den sie schliesslich (Zitat vom Umschlag) „mit Grips und Gottes Hilfe“ zur Strecke bringt.

In hortikultureller Sicht sind Penelopes Eltern etwas aktiv, die sich in deren Garten engagieren und Kleingehölze radikal zurückschneiden und dermassen rigoros aufräumen, dass ein Vogelbad zum Vorschein kommt, von dessen Existenz die Besitzerin gar nichts wusste. Die Schriftstellerin (die aus dem Buch) selber ist gärtnerisch nicht speziell interessiert und muss erfahren, dass es sich bei der von ihr geschätzten Kletterpflanze um ein tief wurzelndes Unkraut hält. Verraten sei auch noch, dass der Haupterbe Gärtner ist und die Autorin Simone Ehrhardt die Ich-Erzählerin und die Leserin nicht auf direktem Weg zur Lösung des Kriminalfalls führt.



Simone Ehrhardt: 
Der Mörder ist manchmal der Gärtner 
Books on Demand, 2011