20. November 2015

Mrs. Miniver (DVD)

Eben noch gehörten schicke Hüte und andere Exklusivitäten zum normalen Leben von Mrs. Miniver und sie zeigt sich äusserst verständnisvoll gegenüber der Anschaffung eines neuen, nicht wirklich notwendigen Autos durch ihren Mann, einem gutverdienenden Architekten. Zur Familie Miniver gehören neben den Eltern drei Kinder und die fünf nennen ein hübsches Haus mit gepflegtem Garten samt Bootsanlegesteg sowie ein eigenes Boot ihr Eigen. Die nahezu perfekte bürgerliche Idylle wird durch den Ausbruch des zweiten Weltkriegs und den Einzug des älteren Sohnes Vin ins Militär zerstört.

Zum hortikulturellen Nebenschauplatz des patriotisch geprägten Films gehört eine vom allseits beliebten Bahnhofsvorsteher Mr. Ballard gezüchtete rote Rose, die betörend duftet und welche er nach Mrs. Miniver benennt. Er hat die erfolgversprechende Züchtung sogar bei der jährlichen Blumenausstellung angemeldet. Diese nicht zu unterschätzende Konkurrenz löst bei Lady Beldon keine Freude aus. Sie richtet nicht nur die Veranstaltung aus, sie hat in den letzten vierzig Jahren auch jedes Mal den ersten Preis für ihre Rosen eingeheimst. Wegen dem Krieg soll die Ausstellung nicht stattfinden, wird dann aber doch durchgeführt. Und nach der Krönung der prächtigsten Chrysanthemen und anderer Blumenschönheiten steht dem zahlreich erschienenen Publikum eine Überraschung bevor.

Der Film zeigt den veränderten Alltag der Familie Miniver mit unruhigen Nächten im Keller, einem zivilen Bootseinsatz des Hausherrn am Rande der Schlacht von Dünkirchen im Juni 1940 und einem abgestürzten deutschen Piloten, der Mrs. Miniver bedroht. Ein Lichtblick in diesen Tagen ist die nach kurzer Bekanntschaft geschlossene Ehe von Vin und Lady Belden's Enkelin. Muss ich erwähnen, dass letztere zunächst nicht „very amused“ über diese Pläne ist?

Dieser s/w-Film basiert auf dem gleichnamigen Roman von Jan Struther. Er spielt in England, wurde aber wegen dem Krieg in Europa in Kalifornien gedreht. Eine ausführliche Inhaltsbeschreibung über diese mit mehreren Oscars ausgezeichnete Produktion findet sich hier.  



Mrs. Miniver (DVD) 
William Wyler 
Warner Home Video, 2005 (s/w-Film aus dem Jahr 1942)

10. November 2015

Julie Leuze: Der Duft von Hibiskus

Soweit das Auge reicht, wird die Umgebung von der Farbe Grün dominiert - goldgrün, meergrün, blaugrün, olivgrün und viele andere Grüntöne mehr. Die zweiundzwanzigjährige Apothekertochter Emma Röslin aus Stuttgart kann sich kaum sattsehen und hätte sich noch vor wenigen Monaten in ihren kühnsten Träumen nicht ausmalen können, sich einmal im australischen Busch wiederzufinden, um Pflanzen und Tiere zu zeichnen.

Der Roman „Der Duft von Hibiskus“ spielt Ende der fünfziger Jahre im 19. Jahrhundert. Emma Röslin stammt aus einer gutbürgerlichen Familie, hat eine sorgenlose Kindheit erlebt und ist immer gut gekleidet. Doch dann hat ein schreckliches Ereignis ihr Leben für immer verändert. Ein traumatisches Erlebnis, das ihre Seele im hintersten Winkel verbirgt und an das sich Emma nicht erinnern kann. Undeutlich erinnert sie sich an zwei Todesfälle und muss erleben, dass ihr bis anhin ausgezeichnetes Verhältnis zum Vater zerstört ist. Zuletzt hat er überhaupt nicht mehr mit ihr gesprochen und auch den Dienstboten wurde verboten, mit ihr zu reden.

Unerwartet bietet sich ihr die Gelegenheit, dem nunmehr freudlosen Daheim und ihren Erinnerungslücken zu entfliehen. Der Botaniker Oskar Crusius bietet ihr an, sich mit ihm einer Forschergruppe unter der Leitung des Münchners Carl Scherrer anzuschliessen. Als Apothekerstochter, die von ihrem Vater ausgebildet worden ist, kennt sie von Streifzügen durch die heimische Natur die Namen der Heilpflanzen im Schwabenland, das Linnésche Sexualsystem und den Aufbau von Gewächsen. Zu ihren Aufgaben gehörte nämlich das systematische Sammeln von Pflanzen und das Pressen, Trocknen und Befestigen auf Papierbögen derselben. Ihr Vater hat ihr jedoch nicht nur das Erstellen von Herbarbögen beigebracht, sondern auch das detailgetreue Zeichnen und Kolorieren.

Nach einer mehrmonatigen Schiffreise trifft sie endlich in Australien ein, wo sie die anderen Expeditionsteilnehmer kennenlernt. Da Carl Scherrer, Leiter im Auftrag der Kolonialregierung New South Wales, keine Frau in seiner Gruppe duldet, geben sich Oskar und Emma als Verlobte aus, was Emma schon bald bereuen wird. Die junge Frau ist unglaublich fasziniert von der australischen Natur und kommt scheinbar problemlos mit dem einfachen und völlig ungewohnten Leben zurecht. Während die Pflanzenkundler mit der Botanisiertrommel unterwegs sind, ist sie mit dem Festhalten von Flora und Fauna auf Papier beschäftigt. Überschattet wird ihr spannendes neues Leben aber nach wie vor von ihren Erinnerungslücken und der Traurigkeit darüber, dass sie sich daheim nicht von ihrer Mutter hat verabschieden können.

Emma und Carl finden sich sehr sympathisch, was den Widerwillen von Oskar hervorruft. Der angebliche Verlobte gebärdet sich immer dreister und überschüttet Emma mit anzüglichen Bemerkungen. Bevor Emma aber überhaupt an eine Beziehung mit Carl denken kann, will und muss sie erst genau wissen, was in Stuttgart passiert ist und ihre Gedächtnislücken füllen. Ausserdem weiss sie nicht, wie Carl auf ihre Eröffnung, gar nie mit Oskar verlobt gewesen zu sein, reagieren wird. Gleichzeitig wächst in Emma der dringende Wunsch, Kontakt mit Eingeborenen aufzunehmen. Sie möchte direkt von ihnen erfahren, wie sie leben und lernen, welche Pflanzen sie verwenden und in welcher Form.

Die junge Stuttgarterin strotzt vor Interesse, Neugier und Forschergeist – leider teilen nicht alle Gruppenteilnehmer ihre Offenheit in Bezug auf die Aborigines. Die patente Romanfigur Emma basiert übrigens auf dem historischen Vorbild von Amalie Dietrich (1821 – 1891), einer wichtigen deutschen Australienforscherin, die im vorletzten Jahrhundet Pflanzen, Tiere und auch menschliche Schädel und Skelette gesammelt hat. Die mitleid- und skrupellosen Eigenschaften der mutigen Pionierin hat die Autorin allerdings dem Charakter von Oskar zugeteilt. 

Und gerade kürzlich ist ein weiterer Roman erschienen, in welchem Amalie Dietrich eine Rolle spielt: "Das Geheimnis jenes Tages" von Annette Dutton. Dessen längst vorgebloggte Vorstellung habe ich momentan auf Mitte nächstes Jahr terminiert.



Julie Leuze: 
Der Duft von Hibiskus 
Wilhelm Goldmann Verlag, 2013

1. November 2015

Wieder einmal: Beschränkt empfehlenswert

An meinen unregelmässigen Besuchen an der Frankfurter Buchmesse drängt sich mir jeweils unweigerlich die Frage auf, wer all dieses Geschreibsel wohl lesen mag. Für mich selber habe ich unter den unzähligen Publikationen einige wenige neue Titel entdeckt, die ich unbedingt lesen will, und etliche bereits hier vorgestellte Bücher wieder angetroffen.

Nicht zu übersehen war natürlich der brandneue Gartenkrimi „Der Radieschenmörder“ von Bernd Flessner, dessen Beschaffung zwar nicht gerade kriminell, aber doch ein wenig spektakulär war, wie meine an der Buchmesse persönlich kennen gelernte Bloggerkollegin Dani und ich feststellen mussten. Zierten wohl mehr als zwei Dutzend Exemplare dieser Neuerscheinung eine Wand des BLV-Messestandes, las ich wieder daheim im Internet, dass das Buch nur im stationären Buchhandel und dies anscheinend auch nur während vierzehn Tagen zu erwerben war. Da erscheint mal ein perfekt in den Sofagarten passender Gartenkrimi und der lässt sich nicht beschaffen? Hätte ich mir vielleicht doch besser ein Exemplar mopsen sollen?

Das tut frau natürlich nicht. Und recht schnell habe ich herausbekommen, dass der Verlag den Buchhandlungen mit dieser Marketing-Idee einen Zeitvorsprung, also die Gelegenheit, möglichst viele Bücher direkt zu verkaufen, verschaffen wollte. Inzwischen ist das Buch auch im Online-Handel erhältlich. Die Sofagärtnerin, die sich angesichts ihres beruflichen Hintergrundes mit Erfahrung im Rechnungswesen von Verlagen schon überlegt hatte, wie sich das rechnet und finanziell lohnen kann, ist nun also gleich doppelt beruhigt. Nun bleibt nur doch die Hoffnung, dass das Buch mindestens so spannend ist, wie das Drumherum um die Beschaffung.

Aktuell lese ich gerade einen anderen Krimi, und zwar „Baumkiller“ von Werner Färber aus dem Gmeiner Verlag. Aber eigentlich wollte ich ja – siehe Titel – über Bücher schreiben, die ich nicht lesen mag und die ich (grösstenteils) ungelesen weggelegt habe. Regelmässige Blogleserinnen und -leser wissen von meiner nebenberuflichen Weiterbildung, wegen der ich nunmehr wenig Zeit für unterhaltsame Lektüre habe. Manuals, Gesetze und Verordnungen decken meinen Bedarf an anspruchsvoller Lektüre. Dementsprechend bevorzuge ich in der Freizeit Romane und verschiebe schwerere Kost auf später. Die Buchvorstellungen im Sofagarten sind also auch weiterhin mehrheitlich Romane, Krimis und gelegentlich Anthologien.

Vorläufig keine Buchvorstellung gibt es von Dieter Bachmanns „Die Gärten der Medusa“ (Limmat Verlag), von dem es in der Umschlagbeschreibung heisst (Zitat): „ Ein Schiff legt ab. Es hat Gärten an Bord – Hausgärten, Parks, Landschaften und tiefgrüne Wälder. Und ein paar Passagiere, die diese durchwandern…“. Ebenfalls aus der Liste der zuletzt gelesenen Bücher gelöscht habe ich „Der Garten über dem Meer“ von Mercè Rodoreda (Mare Verlag) - ein erstmals ins Deutsche übersetzter Roman aus dem Katalanischen über die Beobachtungen eines Gärtners in einem Herrenhaus in den Jahren vor dem Spanischen Bürgerkrieg.

Auch mit „Orchid Territory“ von Mary Motes (Wordrunner Publishing) wurde ich nicht richtig warm. Bis jetzt konnte ich nicht herausfinden, wo sich der Humor in dieser „Comic Novel“ („… full of humor and wicked comedy“ gemäss The Orchid Review) versteckt… Falls ihn jemand gefunden haben sollte, bitte mitteilen! Dann lese ich in einem Jahr weiter, wenn ich hoffentlich wieder mehr Zeit für Gartenbücher und Bücher über Gärten und Gärtner habe.

20. Oktober 2015

Jockel Tschiersch: Grüner wird’s nicht, sagte der Gärtner und flog davon

Haben Sie auch schon mal damit geliebäugelt, einfach alles stehen und liegen zu lassen? Genau so geht es Georg, genannt Schorsch, Kempter. Er belässt es aber nicht beim blossen Gedankenspiel, sondern gibt dem Impuls nach und statt wie üblich frühmorgens arbeiten zu gehen, steigt er an einem schönen Julitag in sein kleines heiss geliebtes Flugzeug, fliegt einfach fort.

Kempters Ehe scheint am Ende, seinem Vater kann er nichts recht machen, dem Berufswunsch seiner Tochter Miriam, die mindestens so stur ist, wie er selber, kann er nichts abgewinnen und nun scheint auch noch die kleine Familiengärtnerei definitiv Konkurs anmelden zu müssen. Denn ein Kunde, für den er in monatelanger Arbeit einen Golfplatz angelegt hat, ist mit dem Grünton des Rasens nicht zufrieden und verweigert die Zahlung der Schlussrechnung. Diese Tatsache bedeutet nicht nur für den schon schlingernden Kleinbetrieb eine substantielle Gefahr, der Gärtner muss befürchten, dass ihm auch seine Piper J3C weggenommen wird.

Sechs Tage in der Woche arbeitet er schwer von früh bis spät. Trotzdem reicht das Einkommen nur knapp für die Familie, die alte Piper und die Entlohnung seines einzigen Angestellten, der das Arbeiten nicht gerade erfunden hat. Schorsch selber ist zwar ein sehr geschickter Gärtner, aber eben kein gewiefter Geschäftsmann. Die Sonntagsflüge, wenn er alleine in seiner Maschine hoch oben in den Wolken seine Runden dreht, sind der der Höhepunkt der Woche und lassen ihn Arbeit, Familie und finanzielle Probleme ertragen. Wobei ganz unschuldig an den innerfamiliären Kommunikationsproblemen ist der maulfaule Gärtner auch nicht. Er spricht höchstens mit seiner Piper, was er aber aus einschlägiger Erfahrung auf seine Flugzeiten beschränkt. Schlafen tut der Schorsch am liebsten in seiner Rosenwerkstatt oder gleich bei seinen Rosen und träumt bevorzugt von einer von ihm selber gezüchteten komplett schwarzen Rosen, und zwar mit Blüten ohne den üblichen lila Schimmer. In der Ukraine soll ein Rosenzüchter diese Unmöglichkeit geschafft haben. Wäre das vielleicht ein anzupeilendes Endziel der spontanen Reise?

Als Schorsch nun einfach davonfliegt, lässt er zuerst zwecks Unerreichbarkeit sein altes Handy aus der Luft in einen Fluss fallen. Erst als ihn der leere Tank zur Landung zwingt, geht er auf dem Feld eines alten Bauern nieder und verdient sich Kost, Logis und Sprit für den Weiterflug. Der Bauer gibt ihm zusätzlich auf den Weg mit, dass er mehr lachen und reden soll.

Auf weiteren Stationen seine Reise lernt er verschiedene Menschen kennen, die ihren eigenen, teils schwer gefüllten Rucksack mit sich herumschleppen. So wie Schorsch, der geprägt ist von einer Katastrophe, die sich vor zwanzig Jahren ereignet hat und über die und seine Schuld er nie mit jemandem gesprochen hat. Er stellt fest, dass auch andere Familien ihre zwischenmenschlichen Probleme haben. Zeit für tiefsinnige Gedanken findet er beim Schuften in einem völlig vernachlässigten Garten eines riesigen Schlosses, wo er sein Bestes gibt, um die Zierpflanzen vom Unkraut zu befreien - wenn er nicht gerade von der neugierigen Tochter der Schlossbesitzer indiskreten und direkten Fragen gelöchert wird.

Derweilen Frau und Tochter daheim wütend über sein Verschwinden sind, mühsam den Betrieb aufrecht halten und mit weiteren Problemen kämpfen, erweist sich der Austausch mit seinen neuen Bekannten und die Distanz zu Familie und Betrieb für Schorsch als wohltuend. Konflikte werden nicht durch Ignoranz und Schweigen gelöst, gibt es vielleicht noch eine Chance für Betrieb und Ehe? Ist die schwarze Rose tatsächlich so wichtig? Schliesslich ist nicht alles planbar und Pläne werden immer wieder durchkreuzt.

Der Autor lässt sich für das Ende der Lektüre einige Überraschungen einfallen und gelegentlich finden sich witzige Wortkreationen im Text, wie etwa „ungezügelte Flora“, „miefender Beziehungskompost“ und „Wortspar-Konto“.



Jockel Tschiersch: 
Grüner wird’s nicht, sagte der Gärtner und flog davon 
Wilhelm Goldmann Verlag, 2015

10. Oktober 2015

David Wheeler (Hrsg.): Gartenlektüre – Die schönsten Geschichten englischer Gartenenthusiasten

Im vierten von mittlerweile beinahe 600 hier im Sofagarten erschienen Posts habe ich Anfang Februar 2009 mit folgenden Worten die Anthologie „Hortus Revisited“ vorgestellt:

Zum 21. Geburtstag des vierteljährlich mit wunderbaren Illustrationen in s/-w-Optik erscheinenden Journals „Hortus“ ist eine Anthologie aus den bisher über 10'000 veröffentlichten Seiten anspruchsvoller Gartenliteratur erschienen. 

Wer Hortus bereits kennt, wird eingeladen, nochmals Mirabel Oslers Ausführungen über Ordnung und Chaos im Garten zu folgen, wer Hortus erst noch entdecken will, findet vielleicht Gefallen an Catherine Umphreys Artikel über Margery Fish und die Leiden und Freuden von partnerschaftlichem Gärtnern oder erfährt von Fergus Garrett näheres über die Gattung Vergissmeinnicht (Myosotis). Die Themenpalette reicht von Farbe, Duft, Pflanzenzucht über Pflanzenjäger zu Gartenportraits. Ebenso unterschiedlich sind die Beiträge abgefasst – mal unterhaltend, witzig oder informativ, dazwischen gibt’s aber auch schwerfälligere Kost. Zu den Autoren gehören Profis und Amateure, Botaniker und Historiker, Gärtner und Gartenfanatiker - vertreten sind etwa Beth Chatto, Ursula Buchan, Roy Strong und Noel Kingsbury.

Infos über Hortus: www.hortus.co.uk. Die ersten beiden Jahrgänge der Hortus-Back-Issues sind bereits früher ebenfalls in Buchform erschienen, aber längst nur noch antiquarisch erhältlich ("By Pen and By Spade" und "The Generous Garden", beide Titel ebenfalls von David Wheeler herausgegeben).

Nun steht (endlich) eine Auswahl dieser Gartengeschichten auch dem deutschsprachigen Publikum zur Verfügung:
  • Vorwort – Oder: Ein Buch für Gärtner, die lesen, und Leser, die gärtnern 
  • David Wheeler und Hortus 
  • Stephen Lacey : Der Duftgarten 
  • Beth Chatto: Sir Cedric Morris, Künstler und Gärtner 
  • Penelope Hobhouse: Phyllis Reiss in Tintinhull 
  • Alvide Lees-Milne: Lawrence Johnston, der Schöpfer von Hidcote Garden 
  • Mirabel Osler: Bitte mehr Chaos! – Ein sanfter Appell 
  • Nigel Colborn: Zeigt mir eure Hostas! 
  • John Francis: Mein Paradies im Park 
  • Andrew Lawson: Die Kunst und der Garten 
  • Dawn MacLeod: Die Kunst der Pflanzenfärberei 
  • Elizabeth Seager: Das Jahr des Gärtners 
  • Roy Strong: The Laskett: Die Geschichte eines Gartens 
  • Deborah Kellaway: Von Möpsen, Pfauen und Pekinesen: Der Garten von Garsington Manor 
  • Jim Gould: Ein blaues Wunder 
  • Catherine Umphrey: Pflanzpartner, oder: Gärtnern mit Walter 
  • Peter Parker: Die Gärten der Beatrix Potter 
  • Antony King-Deacon: Es war einmal in Sissinghurst 
  • Katherine Swift: Reisenotizen von Orkney 
  • Diana Rosse: Der Waliser Garten Plas Brondanw aus Sicht seines Gärtners 
  • Marta McDowell: Maleficus – In tödlicher Absicht 
  • Alex Dufort: Der Garten Ridler 
  • Graham Gough: Die beste Lehrmeisterin, die ein Gartengestalter sich wünschen kann 
  • Ambra Edwards: Ein Besuch bei Ian Hamilton Finlay
Gartenliteratur vom Feinsten für lange Winterabende!



David Wheeler (Hrsg.): 
Gartenlektüre – Die schönsten Geschichten englischer Gartenenthusiasten 
Deutsche Verlags-Anstalt, 2015

1. Oktober 2015

Lisa van Allen: The Night Garden

Zwischen Olivia Pennywort und allem, was Wurzeln in die Erde schickt, besteht seit jeher eine enge Verbindung. Die neunundzwanzigjährige Frau hat aber auch ihre guten (sprich lebenswichtigen) Gründe, die Nase direkt in ihre Pflanzen zu stecken, braucht sie diese doch als existenzielles Elixier. Schon als vierjähriges Kleinkind hat sie in ihrer Umgebung für Aufregung gesorgt, weil Grünzeug unter ihrer Fittiche merkwürdig gut gedieh. Diese Tatsache war nämlich nicht nur auf die ausgezeichnete Erde von Pennywort zurückzuführen. Doch Olivia hat erst viel später herausgefunden, dass ihre Begabung etwas Spezielles ist und welche Konsequenzen und Einschränkungen damit verbunden sind.

Ihr ganzes bisheriges Leben hat Olivia auf dem Familienbesitz der Pennyworts in Green Valley verbracht und sie verlässt seit vielen Jahren das Grundstück überhaupt nicht mehr. Ihre Tage sind hauptsächlich mit Arbeit ausgefüllt, bei der sie von den „Penny Loafers“ unterstützt wird, denen sie für ihre Hilfe Kost und eine einfache Unterkunft anbietet. Diese saisonalen Arbeitskräfte sind praktisch der einzige Kontakt zur Aussenwelt. Und auch vor diesen versucht sie, um jeden Preis ihr schreckliches Geheimnis zu verbergen. Ihr Körper wirkt auf andere Menschen wie eine schwer giftige Pflanze und löst bei jeder Berührung im Gegenüber je nach Sensibilität gesundheitsgefährdende Allergien aus.

Olivia steckt ihre ganze Energie in ihre Gärten, in denen Pflanzen aller Arten um die Wette blühen. Ein Irrgarten offenbart den oft von weither angereisten Besuchern, was sie mit ihrem Leben anfangen sollen. Die Ratschläge sind oft ebenso unverblümt wie brutal. Zur Pennywort Farm gehören Felder, Wälder und Gartenräume zu unterschiedlichsten Themen, etwa ein Streichelgarten, ein Giftgarten, ein Steingarten sowie ein Moosgarten um nur einige zu nennen. Von grünen Hecken eingerahmt wachsen Phloxe, Rosen, Orchideen, Bougainvillea, Prunkwinden und der eine wichtige Rolle spielende Efeu. Lebt Olivia hier im Paradies oder vielleicht doch eher in einem Gefängnis?

Eigentlich ist die junge Frau mit ihrem Leben ganz zufrieden, als ihr Jugendfreund Samuel van Winkle nach vielen Jahren plötzlich wieder in ihrem Leben auftaucht. Der Mann mit einem Flair für Pilze kann nach einem schweren Unfall nichts mehr fühlen. Er, der aus einer Familie von tatkräftigen Helden stammt, spürt nicht, ob ein Badetuch nass oder trocken ist oder kratzig oder flauschig. Sein neuer Job bei der Polizei überfordert ihn in vielen Situationen, doch er möchte endlich herausfinden, warum Olivia die gemeinsame Kindheit und intensive Teenager-Liebesbeziehung vor bald eineinhalb Jahrzehnten ohne Angabe von Gründen abrupt abgebrochen hat.

Ein Schlüssel zur Lösung liegt beim 83jährigen Arthur Pennywort. Der verwitwete Vater von Olivia, dessen eigenes Leben 1969 mit dem in der Nähe des Green Valley stattfindenden Woodstock Festivals seinen scheinbar schon fest vorgezeigten Weg verlassen hat, kämpft seit Jahren gegen die Folgen an, die sein eigener Egoismus freigesetzt hat. Wie ein wildes Tier haust er in einer Schlucht und versucht erfoglos, seine Sünden auszubügeln. Sein Gewissen lässt ihm keine ruhige Minute und seine Sturheit bringt die eigene Tochter in zusätzliche Schwierigkeiten.

Nicht nur Sam bringt Olivias Leben durcheinander. Einer neuen Nachbarin, die aus der Stadt zugezogen ist, missfallen etliche Dinge auf dem Land. Sie macht es sich zur Aufgabe, ordentlich aufzuräumen. Ein Dorn im Auge sind ihr etwa die angeblich unzufriedenen „Penny Loafers“, für die sie eine ordentliche Unterbringung organisiert, und sie möchte Olivias angeblich völlig vernachlässigten Vater in ein Heim stecken lassen.

Eine magische Erzählung mit mysteriösen und märchenhaften Elementen, für Leserinnen und Leser, die nicht jeden Satz auf seinen Wahrheitsgehalt überprüfen wollen und müssen.  



Lisa van Allen: 
The Night Garden 
Ballantine Book, 2014

20. September 2015

Barbara Frischmuth: Der unwiderstehliche Garten – Eine Beziehungsgeschichte

In ihrem vierten Gartenbuch zieht Barbara Frischmuth hortikulturelle Bilanz und berichtet von den Schwierigkeiten, sich vom grünen Flecken Beet für Beet abzunabeln. Während Jahrzehnten hat sie auf einer ehemaligen Hangwiese auf 800 Metern über Meer gegärtnert. Der Untergrund bestand zu Beginn aus viel Bauschutt, wenig darüber verteilter Erde und Gras. Den Mutterboden hatte der Bauführer ohne vorherige Rücksprache oder entsprechende Abmachungen verkauft. Der frühere Schulkollege konnte ja nicht ahnen, dass gerade eine Schriftstellerin einem Teil ihres Glücks in der Erde suchen (und finden) würde.

Diese Anfangsschwierigkeiten sind längst Schnee von gestern und andere Herausforderungen stehen an. Denn es lässt sich nicht verleugnen, dass mit dem Älterwerden immer mehr Tätigkeiten schwerer fallen und entsprechend mehr Zeit in Anspruch nehmen. Weniger Töpfe bepflanzen, einige Beete der Wiese zurückgeben – lautet das Credo. Doch was einfach tönt, ist in Tat und Wahrheit ein regelrechtes Dilemma. Welche Pflanze soll denn aufgegeben werden? Welcher Topf?

Und obwohl es eigentlich darum geht, die neue Gartensaison mit weniger Pflanzen in Angriff zu nehmen, werden beim winterlichen "Armchair Gardening" nichtsdestotrotz diametral andere Pläne geschmiedet. Das Verschieben von Grenzsteinen wird zufrieden als Gewinn von zusätzlicher Beetfläche registriert. Und auch die mehrfach erwähnten Besuche bei Sarastro in Orth im Innkreis lassen sich eigentlich nicht mit der vorstehend erwähnten Absicht vereinbaren. Immer wieder findet sich ein Plätzchen für immer wieder neue Pflanzenschätze.

Der Zwiespalt kommt auch in einigen der Kapitelüberschriften zum Ausdruck:
  • Warum ein schmerzender Rücken manchmal glücklicher macht als die Idee, es sich im Alter immer bequemer zu machen
  • Mach nur einen Plan
  • Die Ambivalenz der Gefühle
  • Von Mäusen, Lenzrosen und win-win-Situationen
Omnipräsent ist auch die grosse Leidenschaft der Autorin für Iris. Nicht nur die Blütenfarben lösen „muss-haben-Reflexe“ aus; ausgefallenene Pflanzennamen haben den gleichen Effekt. Daneben erfährt man von Barbara Frischmuths Vorliebe für vitaminreiches, frisches Grün wie Brennnessel, Giersch, Sauerampfer, Melde und Bärlauch, ihrem Pakt mit den Ameisen und der umfangreichen Sammlung von Etiketten sämtlicher Pflanzen, die im Garten ein langfristiges oder manchmals auch nur temporäres Daheim gefunden haben.

Thema in der illustrierten Beziehungsgeschichte sind auch Schmerzen in den Rippen und Knieprobleme. Und immer wieder setzt sich die Autorin detailreich mit Texten von bekannten Wissenschaftlern oder Schriftstellern wie Michael Pollan, Robert Harrison oder Charles Darwin (um nur einige zu nennen) auseinander.



Barbara Frischmuth: 
Der unwiderstehliche Garten 
Aufbau Verlag, 2015

10. September 2015

Andreas Austilat: Vom Winde gesät – Meine Frau, unser Garten und ich

Lässt sich die Vorliebe für Blumen der Ehefrau mit dem Hang zur landwirtschaftlichen Nutzung des Gartens durch den Mann vereinbaren? Andreas Austilat berichtet in dieser Kolumnensammlung aus dem Tagesspiegel in amüsantem Schreibstil über seine diesbezüglichen Erfahrungen.

Zum Zeitpunkt des Erwerbs des Reiheneinfamilienhauses vor etlichen Jahren war der Garten bereits komplett bepflanzt, und zwar im Stil der 1960er Jahre mit Forsythie, Konifere, Rosen und Rasen. Über die Grösse des Gartens habe ich keine Angaben entdeckt (oder diese überlesen). Ich liege aber wohl nicht falsch mit meiner Vermutung, dass die Parzelle einiges grösser ist, als zwei- oder dreihundert Quadratmeter, ist doch an einer Stelle die Rede davon, dass zwanzig Leute gleichzeitig auf dem Rasen herumspringen. Die bisherigen gärtnerischen Erfahrungen des Autors beschränkten sich jedenfalls dannzumal mehrheitlich auf das seinerzeitige gelegentliche Rasenmähen mit einem Spindelmäher als Kind.

Die nicht chronologisch, sondern thematisch geordneten Kapitel geben erste Hinweise auf die geplanten, verworfenen und durchgeführten Veränderungen innerhalb von Zaun und Hecke:
  • Wie wir Gärtner wurden
  • Grenzen setzen
  • Mein Freund, der Baum
  • Exotische Träume
  • Ich wäre so gern ein Farmer
  • Eindringlinge, gewollt und ungewollt
  • Der Garten ist eine Baumstelle

Während der Lektüre stellt die Sofagärtnerin schnell fest, dass der Autor gewohnt ist, Sachverhalte zu hinterfragen und zu recherchieren. Wiederholt sind es Monokulturen, über die er sich schlau macht, und die Leserin detailliert an seinem Wissen teilhaben lässt. Einmal berichtet er diesbezüglich über Kiefern, ein andermal über Bananen. Haben Sie gewusst, dass fast alle in unseren Breitengraden verkauften Bananen zur Sorte "Cavendish" gehören und dass eine frühere Sorte, ebenfalls eine Monokultur, in den 1960er Jahren durch einen Pilz ausgerottet worden ist?

Weiter berichtet Andreas Austilat über die von Schneeglöckchen erzeugte Bodenwärme und darüber, weshalb unter Kiefern nur Maiglöckchen und Walderdbeeren wachsen. Dann sinniert er über Geheimnisse und Rätsel des Gartens - etwa jenes, warum das Tränende Herz in einem Jahr durch seine Blütenfülle den Neid von Besuchern weckt und im nächsten Jahr nur vor sich hin kümmert.

Während der Autor herausfindet, dass im Garten zwei verschiedene Sorten Liguster stehen, nämlich eine immergrüne und eine laubabwerfende, und auch Forsysthien völlig verschnitten, sprich mit der falschen Schnitttechnik oder Vernachlässigung verunstaltet werden können, liest man wiederholt über das grosse grüne Herz der Ehefrau für verstossene und ungeliebte Pflanzen, die niemand (kaufen) will und im Austilatschen Garten ein Asyl finden. In diesem Zusammenhang fällt im Buch auch der schöne Begriff „botanische Fremdenfeindlichekeit“. Denn der Ehemann mag keine Exoten oder sonst wie komplizierte Pflanzen im Garten, für die er seine Gewohnheiten anpassen muss. Ausser er kann mit schwerem Geschütz auffahren (Stichwort Kettensäge).



Andreas Austilat: 
Vom Winde gesät – Meine Frau, unser Garten und ich 
Wilhelm Goldmann Verlag, 2015