19. Juli 2012

Max Scharnigg: Feldversuch – Unser Stück Land vor den Toren der Stadt

Allenthalben werden gegen Sommerende die verschiedensten Kürbisse am Strassenrand zum Verkauf angeboten. Eine solche Kürbispyramide weckt in Max Scharnigg und seiner Freundin, dem lieben Fräulein, den Wunsch, einen eigenen Kürbishaufen zu produzieren. Und natürlich noch vieles anderes, vorzugsweise essbares Grünzeug mehr.

Auf einem schmalen gepachteten Streifen Acker ausserhalb München wollen die beiden Städter ihre Ernteträume schliesslich Realität werden lassen. Für 40 Euro steht ihnen das Land von April bis November zur Verfügung – hernach wird vom Bauer das ganze Feld wieder umgepflügt. Das Experiment „Feldversuch“ startet damit, dass endlich der Inhalt der in einer Art Rauschzustand schon vorsorglich gekauften Samentütchen nun guten Gewissens zum Keimen gebracht werden kann. Und im letzten Urlaub vor der Übernahme des Ackers wird eifrig Gartenlektüre gewälzt.

Auf etwas mehr als 200 Seiten berichtet der Autor nun in seinem  Buch „Feldversuch“ detailliert über die ersten Gehversuche als Gemüsegärtner und der Leser erfährt, wie sich die Wochenendbeziehung zwischen dem Münchner Paar und den Pflänzchen und natürlich auch letztere sich selber im rund zwanzig Autominuten von daheim entfernten Garten entwickeln. So erzählt Max Scharnigg von der jeweils stürmischen Wiedersehensfreude (auf Seite der Zweibeiner), wegen der schlechten Ökobilanz durch den Anfahrtsweg per Auto allerdings mit leicht schlechtem Gewissen im Hinterkopf.  Weiter geht es um Minderwertigkeitskomplexe angesichts von geometrisch perfekten und aufgeräumten Nachbarschaftsstreifen, werden kleine Unkrautdepressionen nicht verschwiegen oder die gelegentliche Unlust auf Bückarbeit und ganz nebenbei gibt’s auch einiges über den Gemüseanbau zu lesen und vielleicht sogar zu lernen.

Es gibt ja inzwischen fast unzählige Erfahrungsberichte von Städtern, Gärtnern und Hobby-Landwirten, die ihr Glück im Wühlen in der Erde suchen und die Leser teilhaben lassen an ihren Erfolgserlebnissen, Ernteschwemmen und Wetterplagen. Dank dem humorigen, selbstironischen Schreibstil des Autors ist dieser Titel ein besonderes Lesevergnügen, das Sie sich nicht entgehen lassen sollten. Sie lernen hier beispielsweise Ausdrücke wie ackerfrei oder Ackereltern und lesen von Überlegungen, wie Tomaten wohl vor der Erfindung von Abdeckhüllen in pflanzlicher Urzeit reifen konnten und von Überraschungserfolgen, die beinahe die Idee aufkommen lassen, dem Nachwuchs den Namen Dill zu geben (in Anlehnung an Till Schweiger). Ein weiterer Seitenhieb in Richtung Schauspieler geht an Christine Neubauer, zu welcher der Autor eine Verbindung herstellt im Zusammenhang mit dem geplanten Erntedankfest mit (fast) ausschliesslich auf eigenem Acker produzierten Esswaren, der Wichtigkeit von Kartoffeln und von öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern.

Obwohl die ausgeklügelte und durchdachte Pflanzung (Stichworte "gute Nachbarn, schlechte Nachbarn") bei der praktischen Umsetzung völlig untergegangen ist, können im Laufe des Sommers verschiedene Ernteerfolge vorgewiesen werden und das Bild des Ackerstreifens und die Stadtwohnung werden positiv aufgewertet durch die blumigen Ergebnisse des lieben Fräuleins. Und bestimmt sind nicht sämtliche Ernteerfolge auf Anfängerglück zurückzuführen.

Mit dieser Buchvorstellung stelle ich das (Vor-)bloggen bis ungefähr Mitte August ein und wünsche allen Leserinnen und Lesern einen schönen Hochsommer!



Max Scharnigg:
Feldversuch – Unser Stück Land vor den Toren der Stadt
Fischer Taschenbuch Verlag, 2012



1 Kommentar:

  1. Da hast Du aber noch eine schöne Buchvorstellung vor deinem Urlaub aus dem Ärmel gezaubert. Vielen Dank dafür!

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