9. Oktober 2013

Lucinda Riley: Der Lavendelgarten

Die 30jährige Emilie de la Martinières hat sich erfolgreich eine Existenz als Veterinärin aufgebaut. Doch als ihre unnahbare Mutter stirbt, liegt es an ihr, der letzten Erbin eines alten adeligen Geschlechts, sich um den Nachlass, zu dem auch ein Château in der Provence gehört, zu kümmern. Die Erbschaftsangelegenheiten bringen Emilie trotz grosser Unterstützung ihres Anwaltes an ihre Grenze. Denn die junge Frau verfügt wegen ihrer dominanten Mutter über ein sehr mangelndes Selbstbewusstsein und starke Minderwertigkeitskomplexe. Jahrelang hat ihre verstorbene Mutter, die sich nie für ihre einzige Tochter interessiert hat, über die Verhältnisse gelebt und sich nicht um den notwendigen Unterhalt geschweige denn um Erneuerungen und Investitionen gekümmert. So muss die junge Erbin etliche wichtige und grundsätzliche Entscheidungen betreffend der Immobilien, des Weinguts, der umfangreichen wertvollen Bibliothek und anderer Wertgegenstände fällen.

(Vermeintlich) zufällig lernt Emilie den englischen Kunsthändler Engländer Sebastian Carruthers kennen, der ihr schon bald viele Aufgaben abnimmt. Zum ersten Mal in ihrem Leben ist Emilie richtig verliebt und sie heiratet recht überstürzt. Unkontrolliert lässt sie Sebastian schalten und walten und unterstützt ihn finanziell äusserst grosszügig. Sie folgt ihm sogar nach England, wo sie zusammen mit seinem gelähmten Zwillingsbruder Alex unter einem Dach auf Blackmoor Hall, aber in getrennten Wohnungen, leben.

Mangels anderer Aufgaben bringt Emilie den Garten auf Vordermann und bepflanzt Töpfe mit Winterstiefmütterchen. Und während sie an langen Tagen ungeduldig auf die Rückkehr ihres abwesenden Gatten wartet, der zudem per Handy meist nicht erreichbar ist, beginnt sie bereits an der Richtigkeit ihrer Eheschliessung zu zweifeln. Wäre sie nicht doch besser allein geblieben? Hatte sie nicht schon als Kind herausgefunden, dass man sich nur durch Vermeiden von zu viel Nähe zu anderen Menschen vor Enttäuschungen und Verletzungen bewahren kann?

Sebastian und sein Zwillingsbruder Alex haben ein sehr schwieriges Verhältnis zueinander und beschränken den Kontakt auf das absolut Notwendige. Wider Erwarten freundet sich aber Emilie mit ihrem Schwager an und beginnt gleichzeitig sich mit der Vergangenheit ihrer eigenen Familie auseinanderzusetzen, als sie per Zufall Gedichte ihrer längst verstorbenen Tante Sophia in die Hände bekommt.

Der zweite Erzählstrang spielt in den letzten zwei, drei Jahren des 2. Weltkrieges. Das Vorkommen eines weiteren verfeindeten Zwillingsbruderpaars lässt den Leser falsche Schlüsse aus diesen Parallelen ziehen und die verhängnisvolle Liebe zwischen der jungen blinden Sophia mit einem Deutschen hat Folgen bis in die Gegenwart fünfundfünfzig Jahre später. Emilie entdeckt eine Verbindung zwischen ihrer französischen und Familie und den englischen Vorfahren ihres Mannes aus den Kriegsjahren und erfährt von schrecklichen Vorkommnissen aus der Vergangenheit. Wer ist Sebastian wirklich und welche Ziele verfolgt er? Durch die Auseinandersetzung mit der jüngeren Vergangenheit ihrer Familie wird Emilie erwachsen. Sie lernt endlich Entscheide zu treffen, diese durchzusetzen und selber Verantwortung zu übernehmen.

Die berührenden Erzählstränge sind meisterhaft miteinander verwoben und die Leserin erfährt nebenbei einiges über Spionagetätigkeit im Krieg. Wenn sich auch eine der Schlüsselszenen im Garten abspielt, hat dieser keine grosse Bedeutung im Roman und das Buch kann nicht wirklich als Gartenroman bezeichnet werden. Eine wichtige Rolle in der Erzählung nehmen hingegen die beiden Bände „Die Herkunft der französischen Obstsorten“ von Christopher Pierre Beaumont aus dem Jahr 1756 ein, die zusammen einen geschätzten Wert von etwa fünf Millionen Pfund haben.  



Lucinda Riley: 
Der Lavendelgarten 
Wilhelm Goldmann Verlag, 2013

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