5. Januar 2014

Andreas Giger: Rosenrot ist mausetot

In einer finsteren Nacht wird der Ich-Erzähler Franz Eugster auf dem Heimweg entlang des geschlossen wirkenden Landgasthofs Hirschen „Ohrzeuge“ eines Mordes. Der Knall und das verdächtige An- und Ausblenden einer Taschenlampe in einem der Gästezimmer veranlassen ihn, der Angelegenheit auf den Grund zu gehen. Und während eine nicht zu erkennende Gestalt im einsetzenden Gewitter rasch davon rennt, versucht Eugster mit dem spärlichen Licht seines I-Phones Licht ins Dunkel zu bringen. Er verschafft sich über eine offene Balkontüre Zutritt in ein Zimmer, wo er auf dem Bett einen leblosen Körper entdeckt.

Bereits zum vierten Mal hat es der Autor Andreas Giger so eingerichtet, dass Franz Eugster über eine Leiche stolpert. Deshalb wird letzterer von der an den Tatort gerufenen Kriminalpolizei auch nicht als Tatverdächtiger eingestuft. Eugsters Schreck über die erneute Entdeckung einer Leiche wird allerdings noch grösser, als er die Identität des Mordopfers erfährt: es handelt sich um die bekannte Gartengestalterin Dr. Graziella Rosengarten.

Eugster hat genau diese selbstbewusste Frau kürzlich zufällig beim Sonntags-Brunch im Restaurant Hirschen als interessante Gesprächspartnerin kennengelernt und bei dieser Gelegenheit von deren erfolgreichen Tätigkeit im Gartenbau und ihrem familiären Hintergrund erfahren. Eugster selber besitzt nur einen kleinen pflegeleichten Garten, hat aber gespannt den Plänen der attraktiven rothaarigen Graziella Rosengarten zugehört, zu denen im Rahmen eines Kooperationsvertrages mit dem bekannten Gartenbauunternehmen Spross die Übernahme von Gartengestaltungsaufträgen und die Entwicklung eines Weiterbildungskonzepts für Gartengestalter gehörten.

In Rücksprache mit der Polizei beginnt der im siebten Lebensjahrzent stehende Eugster zusammen mit seiner deutlich jüngeren Freundin Adelina eigene Ermittlungen anzustellen. Der Schreiberling und die IT-Spezialistin, die früher zur Hacker-Szene gehört hat und immer noch gute diesbezügliche Kontakte pflegt, sind bereits ein eingespieltes Schnüfflerpaar. Eine erste Spur vermuten die beiden im Song „Rosenrot“ der deutschen Band „Rammstein“ und die beiden Hobbyermittler versuchen zu ergründen, ob sich in diesem und im Märchen „Schneeweisschen und Rosenrot“ versteckte Botschaften finden lassen. Weitere Stichworte sind Datendiebstahl und der Zugriff auf das digitale Tagebuch der ermordeten Gartengestalterin sowie die spektakuläre Neuzüchtung Platahorn, eine Kreuzung aus Ahorn und Platane.

Weisheiten aus verschiedenen Kulturkreisen leiten jeweils die neuen Kapitel ein. Darunter sind kurze Texte von Gabriella Pape, Rabindranath Tagore, Mark Twain und Karl Foerster. Die Handlung selber wird immer wieder unterbrochen durch Erpresserbriefe, mit denen eine gewisse Amanda Raggenbass im Auftrag der Aceracea dreiste Forderungen stellt. Diese untermalt sie mit von Woche zu Woche mehr Aufmerksamkeit erregenden rufschädigenden Handlungen gegenüber dem Unternehmen Spross wie etwa ein Anschlag auf die Baumschule, das in Umlauf bringen von falschen Gerüchten und eine Mahlzeitenvergiftung. Erreicht die Erpresserin ihr Ziel, einen Liegenschaftenkomplex in einem aufstrebenden Quartier in Zürich erwerben zu können?

Teilweise sind die Lebensläufe von Personen in diesem Krimi mit Appenzeller Lokalkolorit aus "richtigen" Biografien entlehnt. So spielen das bekannte Gartenbauunternehmen Spross und dessen aktuelle Geschäftsführerin eine wichtige Rolle. Und der der berufliche Hintergrund der ermordeten fiktiven Gartengestalterin weist starke Parallelen mit der Vita eine bekannten Frau aus der Gartenszene aus. „Rosenrot ist mausetot“ ist eine anregende Verknüpfung von Fiktion und Tatsachen. Und obwohl die Leserin recht früh auf eine Fährte geführt wird, die sich schliesslich als die richtige entpuppt, macht sich am Ende der Lektüre keine Enttäuschung breit. Hingegen überlegt man sich während des Krimis immer wieder, welche Bausteine der Erzählung der Wahrheit entsprechen und welche gut erfunden sind. Um einige dieser „Rätsel“ aufzulösen, habe ich inzwischen als Nachlektüre die interessante Lebensgeschichte von Werner H. Spross, dem 2004 verstorbenen Gärtner der Nation, gelesen.  



Andreas Giger: 
Rosenrot ist mausetot Hermann-Josef 
Emons Verlag, 2013

8. Dezember 2013

Elizabeth Gilbert: Das Wesen der Dinge und der Liebe

Als Kind hat sich Alma gewünscht, eine Pflanze zu sein. Denn ihr fast pausenlos ungeduldiger Vater ist nur im Umgang mit seinen grünen Lieblingen nachsichtig. Das intelligente Mädchen wächst inmitten von Gewächshäusern mit Schätzen aus aller Welt und unzähligen Büchern auf und bei Nachtessen sitzen häufig Koryphäen der unterschiedlichsten Fachgebiete neben ihr am Esstisch auf dem Familiensitz White Acre.

Almas Vater, Henry Whittaker, ist 1760 in Richmond in der Nähe von Kew auf die Welt gekommen und in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen. Schon früh hat der Sohn eines sogenannten Apfelmagiers alles Wichtige rund um das Umpflanzen, Beschneiden und Pfropfen von Apfelbäumen gelernt und sich sein erstes Geld sehr erfolgreich durch Diebstahl verdient. Und zwar hat er in Kew Garden Samen und Ableger gestohlen, die Joseph Banks von seiner Weltumsegelung mitgebracht hat. Henry hat diese an Sammler, Botaniker und Professoren verkauft, denn der geizige Banks wollte auch auf Anfrage seine Beute mit niemandem teilen.

Henry wird erwischt, kommt aber mit einer relativ geringen Strafe davon. Joseph Banks verdonnert ihn nämlich zu einer Weltumseglung. Vier Jahre ist Henry auf einem Schiff unterwegs und konzentriert sich wann immer möglich darauf, sein botanisches Wissen zu erweitern. Später hält er sich in Peru auf, wo er die Kultur des Chinarindenbaums erforscht. Mit einunddreissig Jahren hat er den Grundstock für ein erfolgreiches Unternehmen gegründet und heiratet gegen den Willen von deren Familie die Holländerin Beatrix Devenders und zieht mit ihr und ein paar Tulpenzwiebeln und wichtigen Büchern nach Philadelphia.

Das Ehepaar residiert in einem prachtvollen Gebäude und Henry vermehrt kontinuierlich seinen Reichtum, unter anderem mit dem Export amerikanischer Pflanzen nach Europa, während Beatrix viel Freude an ihrem prächtigen Garten hat. In diese funktionierende Zweckehe hinein wird im Jahr 1800 Alma geboren und später wird ein wunderschönes Mädchen namens Prudence adoptiert.

Alma hat die botanischen Gene ihres Vaters geerbt und geht schon als kleines Mädchen nur von ihrem Pony begleitet in der Umgebung auf Pflanzenjagd, um Proben für ihr Herbarium zu sammeln. Im Alter von neun Jahren entdeckt sie ganz alleine, dass mit Beobachtung des Öffnen und Schliessens von Blüten die Tageszeit bestimmt werden kann. Im Vordergrund steht für die äusserlich wenig anziehend wirkende Alma aber nicht die Schönheit der Pflanzen, sondern die Ordnung des Systems. Und schon als Jugendliche verfasst sie fachlich kompetente Aufsätze über Lorbeer, Mimosen und Kamelien, die in der Monats-Zeitschrift „Botanica Americana“ veröffentlicht werden.

Als Alma zwanzig Jahre alt ist, stirbt ihre Mutter und die Tochter übernimmt deren Aufgaben als Herrin und Geschäftsführerin eines riesigen botanischen Unternehmens. Doch je älter sie wird, umso mehr fühlt sie sich gefangen auf White Acre, weil sämtliche vorhandenen Pflanzen von anderen Forschern entdeckt worden sind. Die Aufgabe eines Botanikers ist schliesslich, Pflanzen zu bestimmen - doch woher soll sie entsprechendes Material nehmen?

Alma korrespondiert mit Fachleuten aus aller Welt und entdeckt schliesslich die interessante Welt der gering bewerteten Moose, die sogar rund um ihr Zuhause ein riesiges Forschungsgebiet darstellen. Sie beobachtet den „Mooskrieg“ von White Acre, bei dem es Vorstösse und Rückzüge sowie konkurrierende Mooskolonien zu verzeichnen gibt. Und Sie beginnt als „Hüterin der Moose“ mit dem Verfassen eines Standwerks über Moose, die in ihrer Bedeutung – dies eine Parallele zu Almas eigenem Schicksal, die sich mit ihren teilweise bahnbrechenden Forschungsergebnissen in einer Männerdomäne bewegt – oft unterschätzt werden.

So vergehen die Jahrzehnte, als plötzlich doch noch die Liebe Einzug in das Leben der „wandelnden Bibliothek“ Alma hält. Sie heiratet den hochbegabten Pflanzenmaler Ambose Pike. Doch die kurze Ehe entpuppt sich als Fiasko. Daneben sind das tragische Schicksal ihrer Freundin Retta und die schwierige (Nicht-)Beziehung zu ihrer Schwester und immer wieder Almas unerfülltes Liebesleben Thema. Nach dem Tod ihres Vaters gestaltet die nicht mehr junge Alma ihr Leben komplett neu und macht sich auf nach Tahiti, wo sie zum ersten Mal Palmen rauschen hört und Holland wird eine weitere Station eines langen der Wissenschaft gewidmeten Lebens. So kommt sie doch noch in der Welt herum und kann dem Wesen der Dinge und der Liebe an verschiedenen Orten nachspüren, Antworten suchen und teilweise auch finden.

Für Gartenfreunde besonders interessant in diesem rund 700 Seiten umfassenden Roman sind der hortikulturelle Hintergrund und die botanischen Studien von Alma. Mein anfänglich grosses Interesse ist aber schon bald einmal deutlich abgeflaut, weil ich die Erzählung als eher langatmig empfand. Gegen Ende der umfangreichen Erzählung wurde es wieder interessanter, doch ganz allgemein hätte der Umfang gut und gerne um etliche Seiten gekürzt werden können.

Die Autorin Elizabeth Gilbert hat übrigens auch den Erfolgstitel „Eat Pray Love“ geschrieben, der mit Julia Roberts verfilmt worden ist. Ob das Buch „Das Wesen der Dinge und der Liebe“ wohl auch einmal auf die Leinwand gebracht werden wird?

Mit dieser Buchvorstellung verabschiede ich mich in die "Adventspause". Ende 2013 oder Anfang 2014 geht es weiter mit den längst verfassten und vorgebloggten Eindrücken zu den unter der Rubrik "Zuletzt gelesen ..." aufgeführten Büchern. Bis dahin wünsche ich allen Leserinnen und Lesern eine friedliche Vorweihnachtszeit und besinnliche Feiertage.



Elizabeth Gilbert: 
Das Wesen der Dinge und der Liebe 
Berlin Verlag, 2013

5. Dezember 2013

Caroline Vermalle: Und wenn es die Chance deines Lebens ist?

Der gutaussehende erfolgreiche 39jährige Jurist Frédéric Solis stellt Karriere und Geldverdienen über alles andere. Als aufstrebender Anwalt in einer renommierten Pariser Anwaltskanzlei ist er spezialisiert auf Scheidungen in der High Society. Wie ein dunkler Schatten liegt aber nach wie vor das spurlose Verschwinden seines Vaters kurz vor Weihnachten 1979 über seinem Leben. Nachwuchs in die Welt setzten möchte er deshalb unter keinen Umständen und schon als kleiner Junge hat er sich vorgenommen, niemals eigene Kinder zu haben. So hat er sich kürzlich auch ganz konsequent von seiner langjährigen Partnerin getrennt, als diese unbedingt eine Familie gründen wollte.

Frédérics ganze Leidenschaft gilt Gemälden mit poetischen Winterlandschaften von Impressionisten. Gerade hat er bei Sotheby’s ein kleines Bild von Sisley ersteigert, das sein Budget bei weitem übersteigt. In seiner Wohnung stapeln sich darum die Mahnungen, das Bankkonto ist überzogen und die Eigentumswohnung ist mit einer hohen Hypothek belastet. Da erhält er ein Schreiben von einem Notariat, bei dem er sich wegen einer Erbschaftsangelegenheit melden soll. Der Name des Erblassers ist Frédéric unbekannt, doch er rechnet trotzdem fest damit, eine stattliche Summe zu erben, die seine finanziellen Probleme löst und vielleicht sogar den Kauf weiterer Gemälde möglich macht.

Wie sich herausstellt, ist der Anwalt in Geldnöten zwar als Alleinerbe eingesetzt, aber der Nachlass besteht nur aus einer Schachtel, in der sich ein Zug- und ein Bootsticket sowie je eine Eintrittskarte für den Garten Monet in Giverny und das Musée d’Orsay in Paris und eine rätselhafte Schatzkarte im Zusammenhang mit einem verschwundenen impressionistischen Meisterwerk befinden. Die Fahrscheine sind alle für fixe Termine im Dezember ausgestellt und auf der Rückseite sind geheimnisvolle Verse notiert.

Frédéric beauftragt seine Assistentin Pétronille alle erhältlichen Informationen über den verstorbenen Fabrice Nile zusammenzutragen und macht sich mit den geerbten Tickets auf eine Spurensuche, die sich als schmerzliche Reise in seine persönliche Vergangenheit entpuppt. Der mysteriöse Nachlass scheint Auslöser für eine Katastrophe nach der anderen zu sein. Als Pétronille ein Fehler unterläuft, nutzt ihr strenger Arbeitgeber die Gelegenheit, ihr zu kündigen, da er sich ihre Arbeitskraft längst gar nicht mehr leisten kann. Deshalb erfährt er auch nichts von den von ihr festgestellten Verbindungen zwischen Fabrice Nile und seinem verschwundenen Vater, dessen Name sie aus dem Antrag für eine Reisepassverlängerung ihres Vorgesetzten kennt.

Ein gefühlvoll geschriebener Roman um verpasste Chancen, das „was-wäre-wenn“ und die weitreichenden Konsequenzen von einmal getroffenen Entscheidungen. Daneben spielt die die Rekonstruktion des bis in die 1970er Jahre überwucherten und verwilderten Gartens von Claude Monet in Giverny eine Rolle. Neben dem Erwecken desselben aus einem langen Dornröschenschlaf, machen die ständigen Erwähnungen von leckeren Windbeuteln immer wieder Lust aufs Naschen von Süssigkeiten.

Zum Schluss dieser Buchvorstellunge noch ein schöner Ausdruck von Caroline Vermalle, den sie Frédérics Vater und einem amerikanischen Gärtner bei einem Gespräch in Giverny in den Mund gelegt hat: Wenn einer gerne von anderen angelegte Gärten bewundert, hat er "ein grünes Auge". Von der gleichen Autorin erscheint übrigens nächstes Jahr ein Buch, das ebenfalls einen hortikulturellen Hintergrund vermuten lässt: „Eine Blume für die Königin“.  



Caroline Vermalle: 
Und wenn es die Chance deines Lebens ist? 
Lübbe Ehrenwirth/Bastei Lübbe Verlag, 2013

1. Dezember 2013

Daniel Zahno: Manhattan Rose

Auf dem Umweg über ein abgebrochenes Mathematikstudium hat der Blumen- und Musikliebhaber Luca aus Basel eine erfolgreiche Rosenzucht aufgebaut und sein kleinkindliches Interesse am Rosengarten der Grosseltern in ein einträgliches Geschäft verwandelt. In New York besucht er einen internationalen Kongress und nutzt die Gelegenheit, dem Peggy Rockefeller Rose Garden einen Besuch abzustatten. Derweilen er an Beeten mit Teehybriden, Büschelblühern und Hochstammrosen vorbeischlendert und den Farbenreichtum der Blüten auf sich wirken und die verschiedenen Düfte seine Nase kitzeln lässt, hängt er Tagträumen nach und malt sich aus, wie es wohl wäre, in diesem Rosenparadies arbeiten zu dürfen.

Doch nicht nur die floralen Schönheiten erwecken sein Interesse. Unter der Kuppel des Crystal Palace zieht eine deutschsprachige Unterhaltung seine Aufmerksamkeit in eine andere Richtung. Er lauscht unbemerkt dem Gespräch eines Paares und stellt sofort fest, dass es sich bei der hübschen jungen Frau um eine Schweizerin handeln muss.

Noch am selben Tag ergibt sich die Gelegenheit, die Frau persönlich kennenzulernen und Luca erfährt, dass diese Sofie heisst, aus Arth Goldau stammt, seit fünfzehn Jahren im Big Apple lebt und ihren Lebensunterhalt als Deutschlehrerin verdient. Luca gibt ihr die Nummer seines Hotelzimmers und wartet die letzten Tage seines New York-Aufenthaltes ungeduldig auf ein Zeichen der jungen Landsmännin, die er unbedingt näher kennen lernen möchte.

Um sich vom nicht klingelnden Telefon abzulenken, begibt Luca sich auf einen Stadtrundgang, wo die unerwartete Entdeckung einer ganzen Reihe von Blumenläden den Rosenzüchter in seinen Bann zieht. Er nimmt die Chance wahr, sich ein Bild über die Rosentrends in den USA zu verschaffen. Der Geschmack der Amerikaner stimmt grösstenteils nicht mit seinem eigenen überein. Entsetzt muss er aber feststellen, dass einer seiner grössten Züchtererfolge, die „Merveille de Marseille“, in sämtlichen von ihm aufgesuchten Blumenläden ganz offensichtlich sehr erfolgreich zum Verkauf angeboten wird. Und zwar unter dem Namen „White Dream“ und obwohl diese weisse Schönheit mit kanariengelbem Schimmer nicht von der Schweiz in die USA exportiert wird, wodurch ihm und seinem Geschäftspartner die dafür fälligen Lizenzgebühren entgehen. Lucas Entdeckung lässt nur einen Schluss zu: der kolumbianische Blumenfarmer, der vor einiger Zeit seinen Betrieb besichtigt hatte, muss Pflanzen gestohlen und im grossen Stil weitervermehrt haben.

Mit seinem Geschäftspartner diskutiert er telefonisch den zufällig festgestellten Betrug und versucht, die Chancen und Risiken eines allfälligen juristischen Verfahrens abzuschätzen. Die beiden besetzen mit Bio-Rosen erfolgreich eine Nische in der Rosenwelt, in der nicht nur mit fairen Mitteln gekämpft wird. Doch sie können es sich nicht leisten, dass ihnen durch Piraterie grosse Umsatzeinnahmen entgehen. Lucas Stimmung hellt sich wieder ein wenig auf, als ihn kurz vor seinem Rückflug in die Schweiz endlich der lang ersehnte Anruf von Sofie erreicht.

Wenige intensive Stunden mit Sofie entschädigen den Blumenliebhaber für den geschäftlichen Ärger. Zurück in der Nordwestschweiz widmet sich der frisch verliebte Luca wieder seinen Rosen und bleibt über Skype und Email trotz trennendem Atlantik in intensiver Verbindung mit Sofie. Die beiden versuchen, sich so oft als möglich zu treffen, müssen aber feststellen, dass das Führen einer für beide Seiten befriedigenden Fernbeziehung ausserordentlich schwierig ist. Ermöglicht die Ausschreibung einer Kurator-Stelle im Peggy Rockefeller Rose Garden vielleicht neue Zukunftsperspektiven? Soll Luca sich dort mit einem Konzept bewerben, das eine nachhaltige Umstellung weg vom gewohnheitsmässigen Gebrauch von Chemie und Pflanzenschutzmitteln vorsieht, hin zu gesunden Pflanzen allein durch Licht, Luft, Wasser und gute Erde?

Der Rosenzüchter Luca lernt im Laufe der Lektüre hautnah die stacheligen Seiten seiner Lieblingspflanzen kennen und sein scheinbar leicht erzielter Erfolg weckt Neid und Missgunst. Der Roman ist gleichzeitig eine Liebeserklärung an die Stadt New York und an Rosen, ohne zu verheimlichen, dass beide auch ihre Schattenseiten haben. Neben verschiedenen nützlichen Informationen, die der Leser sich für einen künftigen Besuch in der Metropole merken kann, bekommt er während der Lektüre nebenbei Einblick in den Rosenzüchteralltag und liest über die Wichtigkeit der richtigen Partnerwahl für den Zuchterfolg ebenso wie über die Geschichte der Rosen und das Tüfteln an Rosenrezepten. Die Spannung, die ich zu Beginn der Lektüre empfand, hat sich gegen Ende des Buches etwas abgeflacht und die Lösung der sich im Laufe der Erzählung auftuenden Probleme im Berufs- sowie im Privatleben erscheint mir zu schnell abgehandelt und etwas banal. Und ob sie tatsächlich anhält, bleibt wie andere gestreifte Ansätze (z.B. der Selbstmord des Kolumbianers) offen.



Daniel Zahno: 
Manhattan Rose 
weissbooks.w, 2013

29. November 2013

Martina Brandl: Schwarze Orangen

Sieglinde Jasmin, geborene Frahn, ist recht schnell im Urteil über Mitmenschen, aber nicht gehässig. Ihr nach einem Unfall ein leicht entstelltes Gesicht kaschiert sie geschickt mit einer Brille. Sie ist verwitwet und Inhaberin des Obst- und Gemüseladens am Waldrand von Maulheim, einer fiktiven schwäbischen Gemeinde. Der friedliche Ort am Fusse der Berge ist nicht so beschaulich wie es den Anschein macht. Martina Brandl erzählt in diesem Roman, was für Konsequenzen Frau Jasmin auslöst, weil sie an einem Morgen ihren Laden zehn Minuten später als üblich aufschliesst.

Die Obst- und Gemüsekennerin Jasmin verkauft keine Ware ohne sich vorher beim Kunden zu erkundigen, wann er die Produkte verspeisen will und sucht dementsprechend Exemplare aus, die genau zu diesem Zeitpunkt den perfekten Reifegrad aufweisen. Auch mündliche Rezeptvorschläge gehören zu ihrem Service. Ihre Produkte kauft sie jeweils frühmorgens auf dem Grossmarkt. Alles ist frisch und deswegen toleriert sie auch keine Kundenhände, die ihre Früchte und Salate betatschen. Denn schliesslich weiss längst nicht jeder, dass Gemüse harmlos ist, aber Obst verschlagen.

So ganz im geheimen gibt Sieglinde Jasmin ihren Kunden Titulierungen aus der Pflanzenwelt. Frau Kohlrabi hat ein heiteres Gemüt mit friedvollem Kern, während dem Selleriekopf ein käsiges rundes Gesicht mit Falten und Aknenarben eigen ist. Unterstützung im Geschäft erhält die Obsthändlerin seit kurzem von Sebastian, der ihr im Lager hilft. Von ihrem Angestellten weiss sie nicht viel mehr, als dass er in seiner Freizeit botanische Experimente mit Kumquats und Brombeeren durchführt und eigens dafür ein kleines Gewächshaus gebaut hat. Sogenannte Bromquats sind das Ziel seiner Bemühungen. Frau Jasmin ahnt aber nicht, dass Sebastian noch aus einem ganz anderen Grund in Maulheim aufgetaucht ist und auf der Suche nach einem Familienerbstück ist.

Nun, die erwähnten zehn Minuten haben zur Folge, dass sich vor den Obst- und Gemüseauslagen Kunden und Kundinnen kennenlernen, die sich sonst nicht begegnet werden. Da trifft eine lange blonde Frau namens Yvonne, 28 Jahre alt und Literaturübersetzerin, auf einen Kunden, der von allen "Graf" genannt wird. Dieser lädt die kürzlich aus der Grossstadt Zugezogene spontan ein, sich einer sonst geschlossenen Gruppe anzuschliessen, die sich regelmässig zum Schlemmerzirkel trifft, in welchem eigentlich niemand besonders gut kochen kann.

Nicht nur im Laden wird Klatsch und Tratsch gepflegt. Auch bei morgendlichen Schwimmrunden werden Neuigkeiten ausgetauscht. Als der gepflegte Schwimmbadrasen plötzlich seltsame Löcher aufweist, wird das ausgiebig diskutiert und was hat es mit einer wertvollen alten Spieluhr, einem Erbstück mit edelsteinverziertem Deckel und Engelsfigur der Familie Coburg, auf sich?

Die Geschichte wird von einer Fremden in der Ichform erzählt. Diese gibt sich als Kunstkennerin aus und unterbricht den Text immer wieder, um den Leser direkt anzusprechen.  



Martina Brandl: 
Schwarze Orangen 
Scherz Verlag, 2011

25. November 2013

Magnus Florin: Der Garten

„Der Garten“ erzählt gemäss Angaben auf der Umschlagsrückseite (Zitat) „die fiktive Geschichte von Carl von Linneus, der sich in seinem berühmten Garten mit dem Gärtner auseinandersetzt, mit Pflanzen und ihrer Bestimmung, mit Zauberei, einem Uhrmacher, seinen Schülern und einem Verbrechen in der Nachbarschaft“. Dabei korrespondiert der Text immer wieder mit dem Lebenslauf des Botanikers, ist aber keine Biografie sondern (Zitat) „ein Flechtwerk lustvoller Phantasien, die auf kunstvolle Weise den Forscher neu erfinden“.

Diese knapp hundert Seiten umfassende Erzählung ist keine einfache Lektüre, in die man schnell und tief eintauchen kann, sondern sie besteht aus vielen Fragmenten, kurzen Absätzen, deren Zusammenhänge sich dem Leser nicht immer gleich auftun. Ich empfehle, zunächst das Nachwort des Übersetzers Bendedikt Grabinski im Anschluss an die Lektüre zu lesen.

Das Buch zeigt die verschiedenen Facetten des Botanikers, dessen Interesse an Pflanzen bereits in der Kindheit geweckt wurde. Linné sah sich als Auserwählter Gottes, in dessen Auftrag er die Schöpfung zu ordnen und zu benennen hat und er hat dies mit der Einführung der Nomenklatur umgesetzt. Der Charakterkopf möchte seinen Geschwistern den Lebensweg vorschreiben, was aber nicht gut an- und herauskommt. Man lernt den berühmten Mann aber auch kennen, wie er sich mit seinem Freund austauscht, lacht, singt und trinkt.

Laufend tauscht er sich mit seinem Gärtner aus und es ist immer wieder die Rede von Todesfällen unter seinen Jüngern; jungen Männern, die in seinem Auftrag die Welt bereisen, um Pflanzen zu sammeln. Eher kurios ist das Missverständnis rund um den Vorfall der Cochenilleschildläuse, die extra auf Feigenkakteen aus Surinam importiert worden sind. Der Gärtner hat die Sendung in Empfang genommen, die Verunreinigungen entdeckt und in pflichtbewusstem Eifer vernichtet…

Immer wieder werden Linnés Kompetenzen auf die Probe gestellt. Etwa wenn er Pakete mit seltsamen Gewächsen erhält, die er bestimmen soll. Oft handelt es sich dabei um Fälschungen wie die mit Kartoffelkleister zusammengeschusterte Kreation aus Rose, Lilie und Hanf. Doch auch Linné selber bewegt sich in Grauzonen. Er soll selber unter falschem Namen eine positive Rezension für eines seiner Werke in einer Hamburger Zeitschrift veröffentlicht haben und er erzählt seinen Studenten von gefährlichen Exkursionen, die gar nie stattgefunden haben.

Variationen sind unwesentliche Abweichungen und Linnés Studenten ist es verboten, sich mit Abweichungen zu beschäftigen. Schliesslich muss irgendwo eine Grenze gezogen werden zwischen einem festen System und launenhaften Veränderungen. Dichtung oder Wahrheit? Wie oben bereits erwähnt, ist es auch in der Lektüre nicht einfach, die Grenzen nachzuvollziehen.

Dieses Büchlein ist bereits 1995 in der schwedischen Originalsprache erschienen und mit dem höchsten Literaturpreis Schwedens ausgezeichnet worden.  



Magnus Florin: 
Der Garten 
Edition Rugerup

21. November 2013

Katrin Burseg: Der Sternengarten

Das Jahr 1640 ist prägend für die zwölfjährige Sophie. Erst stirbt die Mutter bei der Geburt ihrer Schwester, und dann kehren ihr Zwillingsbruder Christian und ihr Vater von einem Treiben gemästeter Ochsen von Jütland nach Schleswig nicht zurück und bleiben verschollen. Dem Mädchen bleibt nichts anderes übrig, als die kleine Schwester bei deren Amme, der Kräuterfrau Johanna, zurückzulassen und in den Gärten des herzoglichen Hofs von Gottorf bei Schleswig Arbeit zu suchen.

Ihren langen Zopf schneidet Sophie ab und lässt ihn der kleinen Schwester als Erinnerung zurück. Weil sie die Kleider ihres geliebten Bruders trägt, hält man sie für einen Jungen, und sie hält ihre Täuschung jahrelang aufrecht und lässt sich Sophian nennen. Nicht einmal ihr bester Freund, der junge Perser Farid - ein „Mitbringsel“ der letzten fürstlichen Expedition in den Orient - ahnt, dass es sich bei Sophian in Wirklichkeit um ein Mädchen namens Sophie handelt.

Christian hat als einziger das Gemetzel an den Ochsentreibern überlebt. Er weiss, wer dafür verantwortlich ist kann dies auch beweisen. Doch statt nach Schleswig zurückzukehren, kümmert er sich weiter um die Ochsen und wartet jahrelang auf die richtige Gelegenheit, seinen Vater zu rächen. Gleichzeitig sucht er immer wieder Trost im Alkohol und badet in Hass.

Derweilen erhält Sophie erhält die Gelegenheit, eine Lehre in den Gärten zu machen. Der Hofgelehrte Olearius und seine Frau nehmen sie auf und sie wird als Gartenelevin vom Gartenmeister Friedrichs in die Gartenkunst eingeführt, der seinerseits sein Handwerk in Italien gelernt hat und in den neuen Gärten („Neue Werk“) seine ehrgeizigen Pläne verwirklichen will. Zu diesen gehören neben Wasserspielen und Statuen das Testen von neuen Anbaumethoden, denn exotische Pflanzen sollen auch im Norden gedeihen.

Das Schicksal der Geschwister Sophie und Christian bleibt trotz Trennung eng miteinander verknüpft und mit dem gewissenlosen und brutalen Ritter Rantzau verbunden. Der spannende Roman handelt nicht nur von Intrigen und Machtpolitik, sondern gibt einen ausführlichen Einblick sowohl in die Entstehung des ersten Gartens im italienischen Stil nördlich der Alpen als auch des begehbaren Gottorfer Globus im dortigen Lusthaus.

Die Autorin verwebt das Schicksal von historisch bekannten Personen mit demjenigen von fiktiven Romanfiguren und die Leserin verfolgt, wie aus dem Gartenlehrling Sophian schliesslich eine Blumenmalerin wird, die am „Gottorfer Codex“ mitarbeitet. Ob, wie und wo die dannzumal imposanten Bauten die letzten Jahrhunderte überstanden haben, lässt sich unter den Anmerkungen am Ende des Buches nachlesen.  



Katrin Burseg: 
Der Sternengarten 
Berlin Verlag, 2013