15. März 2014

Zuletzt ausgelesen: Lucinda Riley – Die Mitternachtsrose

Lucinda Riley besetzt mit ihren Büchern regelmässig vordere Plätze in den Bestseller-Listen. Zuletzt habe ich hier im Blog von dieser Autorin "Der Lavendelgarten" und "Das Orchideenhaus" vorgestellt. Die aktuellste Publikation „Die Mitternachtsrose“ ist in vielen Buchhandlungen fast übertrieben omnipräsent und ausführliche Rezensionen finden sich mit wenigen Klicks im Internet. Deshalb erspare ich mir eine detaillierte Beschreibung, verlinke hier zur Inhaltsangabe auf die Webseite des Verlags und beschränke meine Zeilen auf die (geringen) hortikulturellen Vorkommnisse auf den knapp 600 Seiten dieses Romans.

Das alte, etwas heruntergekommene Herrenhaus Astbury dient als Kulisse für einen Film, der in den 1920er Jahren spielt. Umgeben wird das Anwesen von einem Blumengarten, viel Rasen und einem Park. Eine Orangerie beherbergte einst unzählige exotische Mitbringsel aus aller Welt. Aktuell kümmert sich ein traurig und einsam wirkender Gärtner um die Pflanzen, zu denen auch die titelgebende Mitternachtsrose gehört. Deren samtigen Blüten erscheinen fast schwarz, erscheinen zuverlässig und verwandeln die alte Pflanze in ein Schmuckstück.

Im Lauf der Lektüre wird die Leserin Zeugin, wie ein Ableger dieses dornigen Rosenbuschs vor ein Cottage in der Nähe des Herrenhausses gepflanzt wird. Neben diesem Häuschen stand dannzumal ein kleines Gewächshaus, in und neben dem eine kräuterkundige Frau Heilpflanzen angebaut und mit den Kräutern vielen Menschen geholfen hat.

Ein Roman, um ein dunkles Geheimnis in der Vergangenheit, in dem sich Vergangenheit und Fiktion vermischen und die Leserin nebenbei Einblick in die indische Kultur und in englische Gepflogenheiten in der beschriebenen Zeit erhält.  



Lucinda Riley: 
Die Mitternachtsrose 
Wilhelm Goldmann Verlag, 2013

11. März 2014

Sarah Jio: The Last Camellia

Um die Jahrtausendwende zieht die Amerikanerin Addison mit ihrem Mann Rex in das englische Herrenhaus Livingston Manor, das ihre Schwiegereltern kürzlich erworben haben. Die junge Frau führt ein eigenes Landschaftsgestaltungsbüro und wird gleich vom riesigen Garten, der die Liegenschaft umgibt, magisch angezogen. Während ihr Mann vom Landsitz inspiriert ein neues Buch schreibt, vertieft sich Addison in das Buch „The Years“ von Virginia Woolf, das einst einer Frau namens Flora gehört hat. Neben dem eigentlichen Text fasziniert sie besonders die Widmung einer Georgia auf der ersten Seite: „The true oft he matter is that we always know the right thing to do. The hard part is doing it“. Wer waren Flora und Georgia?

Weitere Rätsel geben Addison der Fund eines alten Gartenbuchs auf, in dem auf einem Gartenplan neben vielen verschiedenen Kamelien unerklärliche Codes eingetragen sind. Addison setzt sich per Email mit einer befreundeten Botanikerin in Verbindung und erfährt Hintergrundwissen über eine ganz besondere Kamelie, die den Namen „Middlebury Pink“ trägt. Weitere Nachforschungen die Vergangenheit ihres neuen Heims betreffend führen zu einer beträchtlichen Anzahl verschwundener junger Frauen, deren Schicksal nie geklärt worden ist und mit dem sogenannten „Jack the Ripper von Clivebrook“ in Verbindung gebracht werden. In Addison keimt der schreckliche Verdacht auf, dass die Spur dieser Frauen in den Kameliengarten von Livingston Manor führt. Doch auch sie selber trägt ein dunkles Geheimnis aus ihrer Vergangenheit mit sich herum, das sie in England wieder einholt.

Ein zweiter Erzählstrang führt ins Jahr 1940. Vor mehr als einem halben Jahrhundert hat nämlich bereits eine andere Amerikanerin den gleichen Weg wie Addison von New York auf den ehemaligen Landsitz der Livingstons zurückgelegt. Die verzweifelte Bäckerstochter Flora hat damals keine andere Möglichkeit gesehen, ihre Eltern finanziell zu unterstützen, als auf ein dubioses Angebot einzugehen. Denn während ihre Eltern glauben, Floras ehrenamtliche Tätigkeit im Botanischen Garten von New York habe ihr eine Stelle als Botanikerin in London eingebracht, sieht die Wahrheit nicht ganz so rosig aus. Flora wird nämlich von einem zwielichtigen Mr. Price, der seine eigene betrügerische Tätigkeit schönfärberisch mit „Vermittler“ bezeichnet, als Nanny in die Familie von Lord Livingston eingeschleust. Das Wichtigste an Floras Aufgabe ist nicht die Kinderbetreuung, sondern dass die junge Amerikanerin sich Zutritt in den herrschaftlichen Garten voll besonderer Kamelien verschafft. Sie soll herausfinden, wo ein ganz besonderes seltenes Exemplar der Kamelie“ Middlebury Pink“ wächst, und den Standort rapportieren. Ein zahlungskräftiger Käufer aus dem dritten Reich möchte die weisse Rarität mit pinken Spitzen unbedingt und für jeden Preis erwerben.

Die junge Amerikanerin übernimmt die Betreuung und Erziehung der vier Kinder der auf mysteriöse Weise verstorbenen Lady Anna und schafft es rasch, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen. Dank ihrem grünen Daumen wird Flora auch die Pflege der Pflanzen im Gewächshaus von Lady Anna anvertraut. In dem handgeschriebenen Buch „The Camellias of Livingston Manor“ von Anna Livingston findet Flora schliesslich Details zu den preisgekrönten Kamelien der verstorbenen Lady, die sich hauptsächlich durch das Studium von Pflanzenbüchern ein immenses Wissen angeeignet hatte. Zum eigentlichen Garten, in dem viele seltene Pflanzen aus allen Ecken der Welt versammelt sind, bekommt Flora kaum Zugang. Sie beobachtet dort aber nachts wiederholt merkwürdige Vorkommisse und gerät selber unvermittelt in grosse Gefahr, als sie trotz ihrem hortikulturellen Wissen eine Ausrede von wegen wild wachsenden Kartoffeln nicht richtig einordnet.  



Sarah Jio: 
The Last Camellia 
Plume (Penguin Group), 2013

6. März 2014

Christa Hasselhorst (Text) und Ursell Borstell (Fotos): Geliebte Küchengärten – Eine Reise durchs Schlaraffenland

Das Schlaraffenland ist laut Definition im Duden ein märchenhaftes Land für Schlemmer und Faulenzer. Der erste Teil der Bedeutung lässt sich sinnverwandt auf die portraitierten Küchengärtnerinnen und -gärtner in Christa Hasselhorsts neuester Publikation übertragen. Nicht faulenzen, sondern Wissen und zielstrebiges Gärtnern gepaart mit Wetterglück führt zum im Buch vorgeführten Erntesegen. Da passt die Bemerkung aus dem vorgestellten Garten der Familie Paasen: „Welch schöne Arbeit!“. Im gleichen Portrait ist auch der Unterschied in der Wahrnehmung des Begriffs Arbeit zwischen niederländischen und deutschen Gartenbesuchern zu lesen. Während der Deutsche sagt „schön, aber viel Arbeit“, findet der Niederländer „viel schöne Arbeit“.

„Geliebte Küchengärten“ ist das fünfte gemeinschaftliche Buchprojekt von Christa Hasselhorst und Ursel Borstell. Basis für die nun vorliegende Sofareise bildeten Fahrten, die quer durch Deutschland bis in die Schweiz und nach Österreich geführt haben. Die Portraits der fünfundzwanzig Gärten, die den Weg ins Buch gefunden haben, beinhalten neben mundwässernden Fotos und dem Textteil einen Steckbrief mit Daten zu Lage, Besitzer, Grösse, Planung und der Art des Gartens. Vereinzelt sind die Portraits mit Rezepten wie "Sylter Strandsalat" oder "Kartoffel-Eigelb-Raviolo" ergänzt und einige Gärtner verraten Tipps, wie etwa die Zusammensetzung von „Schwester Christas Pflanzenjauche“ oder den Nutzen von zerriebenen, scharfkantigen Eierschalen zur Schneckenbekämpfung.

Die einzelnen Kapitel locken mit Überschriften wie „Hier landet alles auf dem Teller“, „Kabinett für die Kulinarik“ oder „Leckerbissen im Barock-Rahmen“. Dahinter verbergen sich Schreber- Bauern-, Kloster-, Gourmet- oder Landhausgärten in unterschiedlichen Grössen, deren Besitzer sich samt und sonders auch als passionierte Köche entpuppen. Die Autorin bezeichnet einen Gourmetgärtner gleich als Botaniker, Kräuterhexer, Aromen-Exeperten und Würz-Magier in Personalunion.

Ob die vorgestellten Küchengärtner der familiären Tradition verpflichtet sind oder nicht vom Einheitsangebot im Supermarkt abhängig sein wollen - geschätzt wird nicht nur der ausgeprägte Geschmack des selber gezogenen Gemüses, sondern auch die Wirkung aufs Auge. Die Gärten sollen nützlich, gleichzeitig aber auch schön sein. Beliebt sind einerseits "gewöhnliche" Gemüse und traditionelle Klassiker, anderseits aber auch immer öfter Gemüsesorten, die früher saisonal regelmässig aufgetischt wurden, in den letzten Jahrzehnten jedoch aus den Gärten verschwunden sind. In den Gemüserabatten gedeihen Bohnen, Feder- und Palmkohl, Pastinaken und Malabarspinat, aber auch alte Getreidesorten wie Proveisergerste, Zwergweizen und Kolbhirse. Und ganz sicher kommt hier keiner auf die Idee, Obst und Gemüse wegzuwerfen, wie es in unserer Wohlstandsgesellschaft ja leider gang und gäbe ist.

Im Garten Kirsch-Brohmann in Niedersachsen sind wegen ungeeignetem sandigen Boden Blumenkohl und Lauch durch ein prächtiges Mohnmeer ersetzt worden, das Verwendung in Backwaren findet. Trotzdem spendet der Garten dermassen viel Gemüse, so dass das Fleisch eines Tages weggelassen wurde. Nicht in allen präsentierten Gärten kommt das Gemüse nach der Ernte in die Küche und schliesslich auf den Tisch. Sowohl im Schau-Küchengarten Schloss Wildegg wie auch im Allgäuer Saatgut-Garten werden in erster Linie (seltene) Schätze angepflanzt, um Saatgut zu ernten, damit vom Aussterben bedrohte Sorten weitervermehrt werden können.

Im Anhang des Buches finden sich Adressen und Hinweise zu Besuchsmöglichkeiten sowie nützliche Bezugsquellen für Saatgut und Pflanzen und ein Register.

Der Leser erhält in dieser Publikation zahlreiche Anregungen für den eigenen Garten und die heimische Küche. Die stimmigen Fotos wecken schon beim ersten Durchblättern Lust aufs Entdecken der einzelnen Gärten. Die Texte fand ich zuweilen gar knapp bemessen und hätte es geschätzt, etwas mehr über portraitierten Gärtner und ihre Gärten zu erfahren.  



Christa Hasselhorst (Text) und Ursell Borstell (Fotos): 
Geliebte Küchengärten – Eine Reise durchs Schlaraffenland 
Eugen Ulmer Verlag, 2014

1. März 2014

Gabriele Hefele: Mein andalusischer Gärtner

Im Jahr 2000 ziehen Gabriele Hefele und ihr Mann nach Andalusien auf eine Finca mit rund 34‘000 Quadratmetern Umschwung. Hier sammelt die ungeduldige Autorin ihre ersten hortikulturellen Erfahrungen im Gemüsegarten, den sie etwas voreilig noch während Umbauarbeiten anlegt. Doch die Grösse des Geländes macht die Anstellung eines Gärtners notwendig.

Zwar ist nicht gleich der erste unter Vertrag genommene Gärtner ein Glücksgriff, aber mit dem im Buch Miguel genannten Arbeiter haben die Auswanderer eine gute Wahl getroffen. Er weiss nicht nur genau, welche Bäume zur Befruchtung einen Partnerbaum brauchen (etwa Johannisbrotbäume), welche Bäume man im Sommer nicht giessen soll (gibt Würmer in den Früchten) und was es mit den zuckerwatteähnlichen Gebilden auf Pinien auf sich hat (gefährliche Parasiten, die Allergieschocks auslösen können), sondern führt die Deutschen in der vormittäglichen Kaffeepause auch in die andalusische Kultur ein, hilft beim Überwinden von gelegentlich auftretenden Sprachbarrieren und betätigt sich als Lehrer in Sachen Geschichte der Iberischen Halbinsel.

Auch der Leser lernt nebenbei etwas Spanisch, da viele Ausdrücke in dieser Sprache festgehalten werden. Daneben gibt’s viele Garten- und Tiertipps zu lesen, wobei diese natürlich vorwiegend die südliche Hemisphäre betreffen, und nur beschränkt im nördlicheren Europa anzuwenden sind. Die Ratschläge, die Mondphasen zu beachten und vor dem Giessen um die Pflanzen Mulden zu bilden, dank denen vor allem bei grosser Hitze das kostbare Wasser direkt an die Wurzeln gelangen soll, sind aber auch in hiesigen Gefilden sinnvoll, während Hinweise für den besten Zeitpunkt fürs Umpflanzen nicht eins zu eins übernommen werden kann.

Daneben liest man auch mal einen juristischen Tipp (über angeeignetes Besitztum aus Gewohnheitsrecht), über vergnügliche Flamenco-Lektionen, immer wieder über die fast heilige Neun-Uhr-Pause und über Erfahrungen, die das Leben schreibt. Nämlich zum Beispiel die, dass sich der Südländer lösungs- und der Nord- und Mitteleuropäer vorschriftenorientiert verhält.

Am Schluss dieser Anekdotensammlung stehen Komplimente des andalusischen Gärtners Miguel an seine deutschen Arbeitgeber. Nicht zu übertreffen soll die Tatsache sein, dass er schon über vier Jahre bei ihnen arbeitet. So lange hat er es (der nicht mehr 25 Jahre alt ist), noch an keiner Stelle ausgehalten. Miguel verteilt am Schluss der Lektüre nicht nur Komplimente. Er verrät auch noch, ob die Autorin tatsächlich eine überzeugte Gärtnerin ist oder eher nicht.

Fünf Jahre nach der Publikation dieses Büchleins bleibt offen, ob der andalusische Gärtner heute noch auf der Finca arbeitet. Und ob Die Flamenco-Kleider-Sammlung der Autorin inzwischen ähnliche Ausmasse angenommen hat, wie die Dirndl-Sammlung in Bayern…



Gabriele Hefele: 
Mein andalusischer Gärtner 
Editorial alhulia, 2008

24. Februar 2014

Anne Wareham: The Bad Tempered Gardener

Ann Wareham hat mit „The Bad Tempered Gardener“ gleichzeitig eines der spezielleren wie auch der lesenswertesten Gartenbücher der letzten Jahre geschrieben. Auf rund 160 Seiten tut sie ihre Meinung zu den verschiedensten hortikulturellen Themen kund und nimmt dabei kein Blatt vor den Mund. Logisch, dass sie sich damit nicht nur Freunde macht. Erwarten Sie also weder ein „how-to-do-book“ noch eines, in dem die Aussagen eins zu eins mit üblicherweise verbreiteten, oft geschönten und/oder immer wieder ungeprüft übernommenen Ansichten übereinstimmen. Und vielleicht geht es ihnen ja wie der Sofagärtnerin und Sie denken während der Lektüre immer mal wieder, Sie selber hätten der Autorin Teile des Textes vordiktiert oder zumindest Gedankenanstösse geliefert.

Die Titel der Kapitel in unterschiedlichen Längen erscheinen ganz unverfänglich und lauten etwa:
- Plant Obssessives
- Deadheading
- New Media
- The Veg Plot
- Show Gardens
- Visitors oder
- A History of the Site

Einzelne Überschriften lassen aber doch schon etwas Aufmüpfigkeit durchschimmern: 
 - Truth and The Garden World
-  I hate Gardening
-  Experts und
-  Are Gardens for Gardeners?

Für sie enttäuschende Besuche in bekannten und vielgelobten Gartenanlagen führen der Autorin vor Augen, dass ihr eigener Garten mit strenge Linien und Mustern strukturiert sein muss. Grösstmögliche Wirkung erzielt sie mit Wiederholungen von unzähligen gleichen Pflanzen und sie will keinesfalls einen Sammlergarten anlegen. Da nur beschränkte finanzielle Mittel zur Verfügung stehen, um einen vergleichsweise grossen Garten mit Grünzeug zu füllen, nutzt Anne Wareham Pflanzen gewissermassen als Waffen, die grosse Flächen schnell und günstig überwachsen sollen.

Anne Wareham ist selber nicht unendlich fasziniert von Pflanzen, sondern betrachtet diese in erster Linie als Werkzeug, um ihre Ideen von Gartengestaltung umzusetzen. Ihre Vorliebe gilt nicht minimalen Unterschieden in Blüte und Struktur, sondern grosszügigen Effekten. So beklagen sich ihre Gartenbesucher immer mal wieder über ihre angeblich langweiligen Pflanzen. Doch wem muss der Garten eigentlich gefallen? Der Gärtnerin oder dem Besucher?

Gartenwege sind mit Enttäuschungen gepflastert. Die Autorin selber liebt Showgärten – aber nicht wegen der dort präsentierten Gärten, sondern wegen der Begegnungen. Und sie ist selber enttäuscht, wenn sie in der Gärtnerei ein Auge auf eine bestimmte Pflanze geworfen hat, und sich diese als unverkäufliche Mutterpflanze entpuppt. In ihrer Tätigkeit als Journalistin hat sie ausserdem gelernt, von ihr verfasste Text nie in der endgültigen oft zur Unkenntlichkeit gekürzten Druckversion zu lesen, um sich so manchen Dämpfer zu ersparen. Ebenfalls ein Thema sind die unterschiedlichen Status von Gartenschriftstellern, Gartenbesitzern und Fotografen, die in direktem Zusammenhang damit stehen, dass die meisten Leser nicht lesen, sondern Bilder anschauen (darum heisst es ja auch lesen …).

Die Autorin berichtet von ihren eigenen Erfahrungen mit der Produktion von TV-Sendungen und macht sich Gedanken die Veränderung von Technologien und die Auswirkungen von Neuen Medien wie Blogs und Twitter auf das Gärtnern. Für ihre Idee, ein Buch mit ungeschönten Kritiken über Gärten zu verfassen, fand sie bis jetzt keinen Verleger. Doch ist wirklich alles Mainstream? Die Geschmäcker und Ansprüche sind nun mal wie die Hintergründe und Erwartungen der Betrachter verschieden.

Weiter berichtet Anne Wareham offen über ihre eigenen Erfahrungen mit (unbefriedigenden) Chemieeinsätzen im Garten und listet Tätigkeiten auf, die sie nie erledigt. Dazu gehören das Wenden des Komposts, Blumentöpfe schrubben, Rasenkanten schneiden und das Reinigen von Gartenwerkzeug. Sie erzählt von (beinah) gebrochenem Herzen, wenn Kaninchen in kürzester Zeit mühsam gezogene Pflänzlein zerstören, von der Leere, die sie empfindet, wenn sie Gartensendungen mit vielen hübschen Bildern und wenig Informationsgehalt im Fernsehen ansieht und vom Zwiespalt zwischen den Erwartungen von Gastgebern und Besuchern in offenen Gärten.

Aus den Fotos im Buch ist unschwer zu erkennen, dass der Garten der Autorin viel Schneidearbeit mit sich bringt. Kein Wunder ist in dieser Publikation nicht von Gelassenheit und pflegeleichten Gärten die Rede, sondern von vergänglichem Enthusiasmus sowie Kummer und Anstrengung (aber natürlich auch von Erfolgserlebnissen und der Liebe zur Natur!). Und Anne Wareham vergleicht die Hausarbeit mit Gärtnern und meint, staubfrei sei identisch mit unkrautfrei. Stimmt nicht! Oder vielleicht doch ein bisschen?



Anne Wareham: 
The Bad Tempered Gardener 
Frances Lincoln, 2011

19. Februar 2014

Lucie Flebbe: Das fünfte Foto

In einer Reihenhaussiedlung im Bochumer Stadtteil Gerthe ist eine Frau seit ungefähr drei Wochen nicht mehr gesehen worden. Es ist aber nicht der Ehemann, der sie vermisst und die Privatdetektei Danner und Ziegler einschaltet, sondern zwei besorgte Nachbarinnen. Währenddessen begibt sich der unbesorgt wirkende Ehemann jeden Morgen mit einem ausreichend grossen Biervorrat in den Schrebergarten und legt abends betrunken die gleiche Strecke in die andere Richtung wieder zurück.

Die Ich-Erzählerin Lila, Tochter eines handgreiflichen Staatsanwalts und einer Luxustrinkerin und seit frühester Kindheit eine Aussenseiterin (früher mit lila Haaren, aktuell immer mit lila Schlabberpulli), empfindet die nachbarschaftliche Fürsorge eigentlich deutlich übertrieben. Doch die Nachbarinnen wollen in der Wohnung der verschwundenen Sabine Kopelski Blut entdeckt haben, worauf sich die beiden Detektive ebenfalls mit einem Reserveschlüssel Zutritt verschaffen und mit einer UV-Lampe „Superlicht 400“ Spuren suchen. Während die aus dem Haus mitgenommenen Beweisstücke untersucht werden, pachten die beiden Detektive einen brachliegenden, völlig vernachlässigten Schrebergarten in der Kolonie „Zum friedlichen Nachbarn“, der direkt an die Parzelle der Kopelskis grenzt.

Das Ermittler-Duo Danner und Ziegler besteht aus dem meist unrasierten Glatzkopf Ben Danner und der deutlich jüngeren 20jährigen Lila Ziegler mit einer Vorliebe für die Farbe Lila. Die beiden unterschiedlichen Charakterköpfe leben zusammen und teilen die Abneigung, sich im Haushalt nützlich zu machen. Dafür übernehmen die beiden Schnüffler neben den Ermittlungen im Schrebergartenmillieu auch gleich noch den verwaisten Zeitungsausträgerjob der verschwundenen Sabine Kopelski und finden rasch heraus, dass die Vermisste in einem Wettbewerb ein teures Auto gewonnen haben soll.


Das Mietobjekt im Schrebergarten entpuppt sich als dschungelähnliches Grundstück voller Brennnesseln und Schlingpflanzen. Doch wenn genügend Bier ausgeschenkt und Bratwürstchen spendiert werden, kommen die Schrebergärtner der angrenzenden Grundstücke immer wieder gerne tatkräftig zur Hilfe und gleichzeitig lässt sich einiges erfahren. In den anderen Parzellen lassen sich gepflegter Rasen und Obstbäume entdecken, aber auch eine gefährliche Geisterschildkröte im Teich und nach amerikanischem Vorbild angelegte Gärten (ungemähtes Gras als Synonym für Präriegras und ein kleiner Teich, der einen kanadischen Bergsee imitiert) oder zu knorrigen Bonsais gestutzte japanischen Ahorne und mindestens so akkurat geschnittene Buchbaumwände. Verdächtig erscheint der neue Teich im Garten der Kopelskis.

Klick – der Kriminalroman wird immer wieder unterbrochen durch ge- und beschriebene Fotos und der Leser fragt sich, werde der Fotograf ist, der rundherum teilweise recht intime Fotos macht – nämlich von den verschiedenen Nachbarn aus der Reihenhaussiedlung, von den Schrebergärtnern und vom auffallend häufig vorfahrenden Pizzakurier.

Lila Ziegler ist botanisch nicht sehr versiert und hat zunächst nicht einmal eine Ahnung, worum es sich bei einem besonders hübschen fünfblättrigen Palmengewächs handelt, das einen Zimmergarten dominiert. Die junge Frau, die bis anhin überhaupt keine Übung hat in Gesprächen unter Frauen, macht während des Buches eine grosse persönliche Entwicklung durch und verwandelt sich vom Opfer in eine selbstbewusste junge Frau, die plötzlich Wert auf ihr Aussehen legt. Daneben liest man auch noch den einen oder anderen Gartentipp und erfährt etwa, wie oder besser worauf man Teichfolien besser nicht verlegt (nämlich auf Spraydosen und anderem Schrott, den man nach dem Motto „aus den Augen aus dem Sinn“ bei dieser „praktischen“ Gelegenheit gleich verschwinden lassen will).



Lucie Flebbe: 
Das fünfte Foto 
Grafit Verlag, 2013

15. Februar 2014

Zuletzt angefangen zu lesen: Lotte Minck – Radieschen von unten

Wie kürzlich erwähnt, habe ich mir schon länger Gedanken darüber gemacht, wie es mit der Sofagärtnerin und dem Bloggen weitergehen soll. Ich habe mich nun dahingehend entschieden, (noch) nicht aufzuhören, sondern die Intervalle zwischen den Beiträgen zu vergrössern. Zusätzlich werden nicht mehr alle Buchvorstellungen gewohnt ausführlich ausfallen.

Und zwar werde ich unter den neuen Rubriken „Zuletzt angefangen zu lesen“ und/oder „Zuletzt ausgelesen“ Bücher in Kurzform vorstellen. Der erste Teil der Buchvorstellung („zuletzt angefangen zu lesen“) wird in etwa der Beschreibung des Buchrückens entsprechen, während der zweite Teil („zuletzt ausgelesen“) einen kurzen Eindruck über die Lektüre enthalten wird. Wenn ich ein Buch aus welchen Gründen auch immer nicht detailliert vorstelle, muss das nicht bedeuten, dass es mir nicht gefallen hat. Meine detaillierten Überlegungen über die Zukunft meiner Bloggerei habe ich hier formuliert.

Nun zum Buch „Radieschen von unten“: Loretta Luchs hat grosse Beziehungsprobleme, denn ihr Freund entwickelt sich immer mehr zum Schmarotzer, der sich auf ihre Kosten ein schönes Leben macht. Um etwas Abstand zu gewinnen, zieht sie während einem kurzfristig erhaltenen Urlaub in den Schrebergarten „Saftiges Radieschen“, wo sie in der Laube ihrer Freundin Diana wohnen darf.

Die Idylle zwischen blühenden Blumen, Vogelgezwitscher und summenden Bienen wird erheblich gestört, als ein Parzallennachbar tot in einer Regentonne gefunden wird. Und es bleibt nicht bei einem Todesfall.  



Lotte Minck: 
Radieschen von unten 
Droste Verlag, 2013

11. Februar 2014

Elizabeth Musser: Der Garten meiner Grossmutter

Seit seinem achten Geburtstag hat Emile de Bonnery jedes Jahr ein etwas merkwürdiges Geschenk und eine dazugehörige Geschichte von seinem Vater erhalten. Im Jahr 1964 erhält er sein Präsent – eine gebrauchte Armbanduhr - bereits Wochen vor seinem Wiegenfest; ohne Geschichte. Diese soll für viele Jahre unerzählt bleiben. Denn mit seiner Mutter und dreiunddreissig Taschen und Koffern zieht der Junge noch im gleichen Jahr zwei Monate vor seinem vierzehnten Geburtstag Hals über Kopf von Lyon weg nach Atlanta. Gleichzeitig verschwindet sein Vater spurlos aus seinem Leben.

Emiles Vater ist schon wiederholt für ein paar Wochen verschwunden, aber jedes Mal zu seiner Familie ins Chateau nach Lyon zurückgekehrt. Emile versteht nicht, warum es diesmal anders sein soll und erhält von seiner Mutter auch keine befriedigenden Erklärungen. Doch während Emile in Atlanta pausenlos auf das Auftauchen seines Vaters oder eine Nachricht von ihm hofft und wartet, fasst er trotz grossem Heimweh nach Frankreich und seiner französischen Grossmutter Mamie langsam Fuss in der Heimat seiner Mutter. Er lernt seine andere Grossmutter kennen und schätzen und wohnt nun in einem reinen Frauenhaushalt. In der Schule ist er mit seinem französischen Akzent und seiner europäischen Kleidung ein Aussenseiter, findet aber Kontakt zu Griffin und Eternity.

Eternity gilt wie Emile als Sonderling. Doch derweilen Emile von Mutter und Grossmutter behütet wird, lebt Eternity in sehr schwierigen Verhältnissen mit ihren beiden Geschwistern und der Mutter in einem alten Wohnwagen. Jedes der drei Kinder hat einen anderen Vater, die aber alle verschwunden sind. Die Mutter ist eine gewalttätige Alkoholikerin. Deshalb hat Eternity schon früh die Verantwortung für ihre jüngeren Geschwister Jake und Blithe übernommen und beschützt diese so gut sie vermag.

Emile versucht Eternity in ihren Bemühungen zu unterstützen und seine Mutter und Grossmutter helfen ihm dabei. Im Garten der Grossmutter können die Kinder etwas aufblühen. Emile zeigt seiner neuen Freundin die Geschenke seines Vaters und seine Tim und Struppi-Bücher. Er erzählt ihr von seinem Verdacht, sein Vater sei ein Spion, und ahnt nicht, wie nah er damit der Wahrheit kommt. Immer wieder sucht er nach Puzzleteilen, die das Verschwinden seines Vaters erklären und für ihn begreifbarer machen und Eternity, verspricht ihm ihre Mithilfe bei der Lösung dieses Rätsels. Doch dann passiert eine furchtbare Tragödie.

Der Leser begleitet Emile während über zwei Jahrzehnten in seiner Entwicklung vom Schüler, über den Studenten bis zum Professor und versteht seine verwirrten Gefühle. Immer will Emile allen Dingen auf den Grund gehen und muss lernen, dass nicht alles verstanden werden kann und muss. Auch ihm helfen Gespräche im Garten seiner Grossmutter, wo er beim Jäten mithilft und schnell entdeckt, dass der Stil zu gärtnern, mit den eigenen Lebenserinnerungen und der Vergangenheit zusammenhängt. Seine französische Grossmutter Mamie arbeitet im Garten wie eine Generalin, die sämtliches Grünzeug in kürzester Zeit in Reih und Glied zu bringen hat. Seine gläubige Grandma Bridgeman hingegen liebt bunte, farbenfrohe Beete, in denen es auch etwas wild zu und hergehen darf. Sie ist es auch, die Emile lehrt, dass das Leben nicht jede Frage beantwortet und es nicht heissen soll „warum ich?“, sondern „was jetzt“? Denn wie im Garten im Frühling die Pflanzen wieder von neuem spriessen, keimt auch in den Menschen immer wieder Hoffnung auf.

Emile und Eternity verlieren sich aus den Augen, doch die Freundin aus Kindertagen macht ihr Versprechen wahr. In ihrer Tätigkeit als Journalistin recherchiert sie über die französische Widerstandsbewegung im zweiten Weltkrieg und entdeckt Verbindungen zwischen Emiles Familie und Klaus Barbie, dem Schlächter von Lyon. Das Buch behandelt noch weitere Themen, wie etwa die Unterschiede zwischen der französischen und amerikanischen Kultur. Was ist schlimmer? Ein Glas Rotwein trinken oder Rassendiskriminierung?

Ein unbedingt lesenswerter Roman, der tief berührt. Die Lektüre ist teilweise niederschmetternd, aber auch traurig-schön und in einer unaufdringlichen Weise immer wieder hoffnungsvoll.  



Elizabeth Musser: 
Der Garten meiner Grossmutter 
Francke-Buchhandlung, 2013

6. Februar 2014

Elke Pistor: Kraut und Rübchen

Die 32jährige Journalistin Katharina Rübchen erbt von ihrer verstorbenen Tante Marion deren in die Jahre gekommenes Häuschen samt riesigem Kräutergarten. Der Kontakt zwischen den beiden Frauen hat sich in den letzten Jahren mehrheitlich auf Glückwünsche und Grüsse zu Festtagen beschränkt. So stimmen die aus Kindertagen stammenden Erinnerungen in Katharinas Kopf nur bedingt mit der Wirklichkeit überein. Frisch getrennt vom Freund, der gleichzeitig ihr Chef ist, hat sie sich kurzentschlossen eigenmächtig ein paar Tage freigenommen, um sich ihr Erbe anzuschauen. Mit den Hochglanzfotos von perfekten Häusern und Gärten, mit denen sie in der Redaktion zu tun hat, hat dieses nicht viel gemeinsam. Auf dem Dach fehlen Ziegel und der Putz blättert ab. Den urbanen Schlauchbalkon gegen einen Garten einzutauschen, scheint plötzlich nicht mehr so verlockend. Doch als frischgebackene Hausbesitzerin hat Katharina zumindest die Pflicht, einmal nach dem Rechten zu sehen, wenn sie schon mal da ist. Und wie sich herausstellt, gehören auch drei immer wieder ausbüxende Ziegen zur Erbschaft.

Ihrem erzürnten Chef muss Katharina versprechen, einen Artikel übers Landleben abzuliefern. Als sie das Tagebuch einer Vorfahrin findet, die darin ab März 1898 ihr Kräuterwissen für die Nachwelt verewigt hat, gedenkt sie, diese Informationen als Aufhänger zu verwenden. Doch als sie sich intensiv in die Lektüre vertieft, findet sie heraus, dass ihre Urururgrossmutter ihre umfangreichen Pflanzenkenntnisse nicht nur zum Heilen und Lindern von Krankheiten eingesetzt hat, sondern eine beliebte Serienmörderin war. Ihre Taten an grausamen Mitbürgern hat sie ausschliesslich zum Wohl und Schutz für andere Dorfbewohner begangen, die sich nicht selber wehren konnten.

Rasch lernt die Journalistin, deren Fachgebiet ursprünglich ebenfalls Kräuter und Heilpflanzen waren, verschiedene Dorfbewohner kennen, die ihr reichlich suspekt erscheinen, und erfährt, dass das Dorf vor einer wahnwitzigen Spekulation gerettet werden muss. Gleichzeitig keimt beim Lesen der eng in verschiedenen Handschriften beschriebenen Kladde zwischen Zeichnungen und Rezepten in Katharina ein verstörender Verdacht auf. Was hat ihre Tante Marion getan? Was erwarten die Dorfbewohner eigentlich von ihr?

Ausgerechnet Katharina Rübchen, die eigentlich nie richtig erwachsen geworden ist, zu Selbstgesprächen neigt und Verbindlichkeiten scheut und in deren Leben Oberflächlichkeiten dominieren, muss plötzlich Entscheidungen treffen und Verantwortung übernehmen. Und während der Tierarzt sich nicht nur für ihren Kater namens Herr Hoppenstedt und die drei Ziegen interessiert, macht sich die Journalistin daran herauszufinden, was es mit der Übereinstimmung von Blumen und Sträussen im Tagebuch mit solchen auf Grabsteinen von längst verstorbenen Personen, die darin erwähnt werden, auf sich hat. Nicht ohne immer wieder zu befürchten, paranoid zu werden ...

Sämtliche Kapitel beginnen mit einer ganzseitigen Illustration über ein Kraut mit Informationen über dessen Pflanzenfamilie und Verwendungsmöglichkeiten. Der in der aktuellen Zeit handelnde Erzählstrang wird immer genau dann durch den zweiten durchs Buch führenden Faden aus der Vergangenheit unerbrochen, wenn es besonders spannend ist und umgekehrt, so dass sich das Buch als richtiger Seitenumdreher entpuppt.  



Elke Pistor: 
Kraut und Rübchen 
Hermann-Josef Emons Verlag, 2013

2. Februar 2014

Tania Krätschmar: Eva und die Apfelfrauen

Pfannenkuchenapfel, Ontario, Schafsnase, Hasenkopf, Eisapfel, Rosenapfel, Silberapfel, Winterprinz, Goldrenette, Zimtapfel – Die fünf gestandenen Berlinerinnen Eva, Nele, Marion, Julika und Dorothee, die zusammen den 50. Geburtstag einer von ihnen feiern, kennen wohl die wenigsten dieser Apfelsorten und ahnen nicht, dass sich das sehr bald ändern wird. Das Quintett hat sich vor vier Jahren bei einem Wochenendseminar unter dem Motto „Selbstverteidigung für Frauen“ kennengelernt und inzwischen sind die unterschiedlichen Frauen längst gute Freundinnen. Im Laufe des Abends kommt plötzlich die Idee von der Gründung einer gemeinsamen WG aufs Tapet. Prompt werden Pläne geschmiedet und zwingende Mindestanforderungen zusammengetragen: ein grosser Aufenthaltsraum, ein Garten, Südterrasse, ein toller hilfsbereiter Nachbar und anderes mehr.

Am nächsten Tag wird der Einfall nicht als Schnapsidee begraben, sondern es werden erste Schritte zur Umsetzung in die Wege geleitet. Das Projekt scheint bereits mangels einer passenden Immobilie zu scheitern, denn auf die euphorisch geschalteten Inserate treffen nur mehr als fragwürdige Angebote ein. Als der Einfall von der Gründung einer Frauen-WG schon beinahe ad Acta gelegt worden ist, findet sich doch noch eine Erblasserin, der die Idee der fünf Freundinnen zu Lebzeiten zugesagt haben muss. Ein Rechtsanwalt informiert das Frauen-Quintett über den letzten Willen der verstorbenen Anna Staudenroos und den damit verbundenen Bedingungen. Zu diesen gehört, dass die fünf Städterinnen mindestens bis im Herbst gemeinsam im Erbstück, einem Haus aus dem Jahr 1908 in Wannsee, wohnen und die Verantwortung für die aktuelle Apfelernte im grossen zur Liegenschaft gehörenden Obstgarten übernehmen.

Die Freude über diese grosszügige Erbschaft wird allerdings deutlich relativiert, als die potentiellen Erbinnen feststellen, dass das Haus samt riesigem Grundstück nicht in Wannsee bei Berlin, sondern in einem gleichnamigen Dorf in der Mark Brandenburg liegt. Bei der Besichtigung präsentiert sich die Apfelbaumwiese als unendlicher Blütentraum in weiss, rosa und pink. Recht schnell werden etwaige Zweifel gründlich ausgeräumt und die Frauen beschliessen einstimmig, sich auf das zeitlich befristete Abenteuer einzulassen – nicht alle mit der gleichen Begeisterung.

Das hortikulturelle Wissen und Interesse der Städterinnen ist ebenfalls unterschiedlich verteilt. Im Garten übernimmt Eva das Zepter und stellt rasch fest, dass Balkongärtnern deutlich weniger anstrengend ist als die Arbeit im Gemüse- und Apfelgarten. Sie träumt aber von einem Blumenmeer und versucht in den etwas vernachlässigten Garten Ordnung zu bringen. Dabei entsorgt sie als erstes unbekannte vertrocknete Knollen auf dem Kompost und erfährt später (rechtzeitig für eine Rettung), dass es sich bei diesen um Dahlienknollen handelt.

Die Dorfbevölkerung empfängt die fünf Frauen eher skeptisch und zurückhaltend, obwohl sich vereinzelt bald Berühungspunkte ergeben. Als besonderes Ekelpaket entpuppt sich der Bürgermeister. Die Apfelernte ist schwere Arbeit und die Verwertung in unendlichen Variationen – inklusive illegalem Schnapsbrennen - erledigt sich auch nicht von selbst. Immerhin kurbelt das unentgeltliche Abgeben von Fallobst die Integration im Dorf an. Parallel dazu müssen die Frauen aber feststellen, dass das Zusammenleben mit guten Freundinnen seine Tücken hat und das Erfüllen der Bedingungen der Erblasserin wird von Landflucht bedroht. Nichtsdestotrotz werden die Erfahrungen rund um die Bewirtschaftung der Apfelbäume in einem Apfelbuch niedergeschrieben: süsse und deftige Rezepte, Tipps zu Lagerung und Verwertung, Märchen zum Thema, Fotos sowie Strick- und Bastelideen mit Anleitungen.

Ein unterhaltsamer Roman rund um eine Frauen-WG mit nicht mehr ganz jungen Bewohnerinnen. Nach dem "Frauen-Sommer" ergeben sich plötzlich neue Perspektiven und das Berliner Stadtleben ist nicht mehr für das ganze Quintett die richtige Lebensform. Jedes Kapitel wird übrigens mit einer passenden Weisheit eingeleitet.



Tania Krätschmar: 
Eva und die Apfelfrauen 
Blanvalet Verlag, 2013

29. Januar 2014

Marketa Haist: Röslein tot

Wenn den Rosen die Petalen vor Schreck erstarren, wenn nicht die Ohren und Augen, sondern die Stomata aufgesperrt werden und jemandem keine Träne, sondern kein Russtau nachgeweint wird, dann können Leserin und Leser sich dank der Autorin Marketa Haist für einmal so richtig in die Sichtweise der Pflanzenwelt versetzen. Die Redensarten „aus der Nase ziehen“ und „alles Menschenmöglich tun“ heissen dann „aus den unreifen Nasenzwickern ziehen“ und „alles Pflanzenmögliche tun“. Die Kommunikation im Pflanzenreich dreht sich in diesem Landkrimi um die Entlarvung jenes Mörders, der den Gärtner Sepp auf dem Gewissen hat.

Sepp war kein besonders beliebter Zeitgenosse und hat oft und gerne aus Langeweile Streit vom Zaun gebrochen. Heiss geliebt wurde er aber von seinen Rosen, die immer dafür gesorgt haben, dass er sich nicht an ihnen gestochen hat, wenn er mit und an ihnen gearbeitet hat - etwa beim Okulieren oder beim Schneiden von Edelreisern. Und die Liebe beruhte auf Gegenseitigkeit, denn das Erhalten von seltenen Rosen war Sepp ein grosses Anliegen. Eben hat er ein unschlagbares Angebot für eine praktische ausgestorbene Rose namens „Die Fürstin“ abgelehnt, die nun ihrerseits plötzlich verschwunden ist.

Schwiegersohn Jens hatte es auch nicht leicht mit Sepp. Alle seine Ideen, die Gärtnerei zu modernisieren, prallten am konzeptlosen Seniorchef ab, der neben der üblichen Massenware schon mal für den Förster Buchen vermehrt hat. Als eben dieser Jens den toten Sepp entdeckt, glaubt sogar seine Frau Anni sofort, ihr Mann habe etwas mit dem Tod ihres Vaters zu tun, der erschlagen worden ist. Auch der Holunder, der diesen Krimi erzählt und der ermittelnden Polizei meist einen Schritt voraus ist, hält Jens für einen rücksichtslosen Kerl und kann ihn nicht ausstehen. Doch ist er tatsächlich ein Mörder?

Der Stammplatz des Holunders ist nicht der beste, um wahrnehmen zu können, was alles rundherum passiert. Doch glücklicherweise können sich die Pflanzen bestens untereinander austauschen, womit auch der Nachteil der Unbeweglichkeit bei Seite geräumt ist. Wer hat ein Motiv und profitiert am meisten vom Tod des Gärtners? Ist der Mörder unter den Rosenliebhabern zu suchen und was hat es mit den vom Pfarrer hobbymässig kopierten Urkunden auf sich, die von Beschenkten schon mal illegal als Original verwendet werden? Und dann gibt es noch den langjährigen Streit um ein Stück Land, in den Sepp involviert war, und ganz offensichtlich halten verschiedene Nachbarn bewusst Informationen vor der Polizei zurück.

Nicht alle Pflanzen sind gleichermassen mitteilungsbedürftig, einzelne sind ganz diskret oder zieren sich, dem Holunder ihr Wissen weiterzugeben. Ausserdem herrscht plötzlich Stille und kein Anschluss mehr an die Welt der Blätter, wenn der Gärtner zu viel wegschnippelt und alle Laubbäume werden mit dem Abfallen des Herbstlaubs taub. Wie sich herausstellt, sind auch in der pflanzlichen Kommunikation die richtige Verständigung und minimale Kenntnisse von Fremdwörtern unerlässlich, sonst ist das Ziehen von korrekten Schlüssen unmöglich oder zumindest stark erschwert. Die Sätze in bayerischer Mundart beschränken sich glücklicherweise auf die Aussagen von Anni, sonst wäre die Lektüre für dieses Dialekts unkundige Leser doch recht mühsam.

Die Autorin hat nicht nur den Text verfasst, sondern auch gleich noch die Illustrationen des Krimis beigesteuert. Schon länger gibt es Katzen-, Hunde-, Schafs- und Schweinekrimis und nun also auch einen Pflanzenkrimi. Mal was anderes - letztlich ziehe ich aber nach wie vor die menschlichen Gedankengänge vor.



Marketa Haist: 
Röslein tot 
Hermann-Josef Emons Verlag, 2013

25. Januar 2014

Liz Primeau: My Natural History

Bereits als Kind hatte die Kanadierin Liz Primeau die Gelegenheit, bei ihrem Vater und einem Onkel erste gärtnerische Gehversuche zu unternehmen. In ihrem Buch „My Natural History“ bündelt sie ihre jahrzehntelangen hortikulturellen Erfahrungen und gibt dem interessierten Leser Einblick in die Rolle, die Gärten in ihrem Leben gespielt haben und welche Erfahrungen sie für ihren Lebensweg daraus gezogen hat.

Der Garten oder vielmehr ihre verschiedenen Gärten habe ihr aber auch immer wieder durch schwere Zeiten geholfen. So schreibt sie offen über das Scheitern ihrer ersten Ehe, über gesundheitliche Probleme und auch über viel Familiäres. Neben der praktischen Tätigkeit draussen im Garten hat sie sich viel Wissen durch das Studium von Magazinen und Büchern angeeignet. Vor bald fünfundzwanzig Jahren bekam die Journalistin die Chance, als Herausgeberin des neuen Magazins „Canadian Gardening“ Akzente zu setzten und lernte auf diese Weise unterschiedliche Gärten in den verschiedensten Teilen Kanadas kennen. „Canadian Gardening Television“ war eine weitere Herausforderung, der sie sich stellte und die sie souverän meisterte. So ist aus einem Hobby eine Berufung und berufliche Tätigkeit geworden.

Liz Primeaus persönliche Garten-Evolution ist in die folgenden Kapitel gegliedert: Born to Garden, My First Garden, A Growded Garden, Grenn Onions return, A Hobby becomes a Job, Searching for natural Style, Screening the Garden, Gardening Partners, Searching for Everyman’s Garden, The Italian Connection, The Call oft he Wild und In the Moment.

Die Erinnerungen beginnen mit der Verwendung der kleinen Liz von Bergenien-Blättern als Omelette, während Kiefernzapfen als Chicorée herhalten mussten. Liz Primeau schreibt aber auch vom strikten Befolgen von Kolumnentipps, die nicht immer sinnvoll waren. Das Backen von Erde, um diese für Aussaaten von schädlichen Keimen zu befreien, hatte beispielsweise übelriechende Folgen und mit den Jahren hat sie herausgefunden, dass der Gärtner Zufall oft schönere Resultate erzielt, als der Zweibeiner – trotz vielen vorhergegangen Überlegungen wie und wo was angepflanzt werden soll. Und auch anfängliche Rivalitäten über den Gartenzaun, sprich neidische Blicke, wecken nicht nur den eigenen gärtnerischen Ehrgeiz, sondern aus anfänglich unschönen Gefühlen können sich tolle Freundschaften entwickeln.

Daneben beschreibt die Autorin hortikulturellen Snobismus, berichtet von Gärtnerinnen wie Vita Sackville-West und Emily Whalex und ihren Einflüssen auf sie und von ihrer Hassliebe zu einem im Garten vorgefundenen Baum. Zwar würde sie diesen nie fällen, solange er gesund ist, hat aber schon längst reife Ersatzpläne im Hinterkopf, die umgesetzt werden, sobald die Zeit dafür reif ist. Zwischen den autobiografischen Elementen findet sich auch der eine oder andere Gartentipp, etwa wie man Eichhörnchen von Blumenzwiebeln fernhält.

Und während sich in Europa Neophyten aus Kontinenten wie Amerika und Asien oft als lästig oder schädlich erweisen, erfährt der Leser in diesem Buch die kanadische Sichtweise dieses Problems. Die Autorin hat grundsätzlich eine Abneigung gegen aus Europa eingeführte Gehölze. Besonders der Spitzahorn ist ihr ein Dorn im Auge.

Als reife Frau ist sie rückblickend zum Schluss gekommen, dass (fast) jeder Gärtner die folgenden Stadien durchläuft: Ich will alles, jetzt; das Entdecken von Stauden; die Wichtigkeit der Struktur von Blättern; „richtige“ Gartengestaltung; Gehölze und die Erkenntnis, dass auch der Winter viel Schönes zu bieten hat (hm, an diesem Punkt arbeite ich persönlich nach wie vor und bin froh, dass es bald wieder Frühling wird, hoffentlich).  



Liz Primeau: 
My natural History 
Greystone Books, 2008

20. Januar 2014

Katharina Hagena: Der Geschmack von Apfelkernen

Der kürzliche Start der Verfilmung der Literaturvorlage „Der Geschmack von Apfelkernen“ hat mich dazu bewogen, dieses schon vor längerer Zeit gekaufte Buch endlich mal zu lesen. In den letzten Wochen habe ich gleich zwei weitere Romane rund um Äpfel gelesen, und zwar „Eva und die Apfelfrauen“ von Tania Krätschmar und „Im Licht von Apfelbäumen“ von Amanda Coplin. Diese Buchvorstellung ist also gleichermassen der Start einer Miniserie über „Apfelromane“.

Es gibt Äpfel, die süss schmecken und solche, die säuerlich sind. Die einen sind saftig, andere weisen eine mehlige Konsistenz auf. Apfelkerne esse ich persönlich gewöhnlich nicht, sondern diese landen zusammen mit dem „Bitschgi“ im Grünabfall. Die Geschichte „Der Geschmack von Apfelkernen“ ist bittersüss – ob richtige Apfelkerne auch so schmecken oder tatsächlich nach Marzipan, wie an einer Stelle im Roman nachzulesen ist? Eigentlich wäre das ja schnell ausprobiert… Zum Inhalt:

Die Ich-Erzählerin Iris, eine Bibliothekarin an der Freiburger Uni-Bibliothek, die selber keine Bücher mehr liest, fährt für ein paar Tage in den Norden an die Beerdigung ihrer Grossmutter und um deren Nachlass zu ordnen. Die verstorbene Bertha Lünschen hat sich schon vor Jahren in ihre eigene Welt zurückgezogen, während ihr Mann deren Demenz mit Zorn und Scham erfüllte und diese Krankheit als peinlich und unehrlich empfand.

Im Garten verblühen gerade die Vergissmeinnicht und eine Hitzewelle hat das Land im Griff. In alten Kleidern durchforstet Iris das alte Haus und streift durch den Garten. Vorbei an Brombeergestrüpp, Johannisbeeren, durch die Obstbaumwiese und das Kiefernwäldchen und an den Ort des ehemaligen Wintergartens, genannt „Dat Palmhuus“. Bertha hatte alle ihre Pflanzen mit Namen gekannt und wenn Iris an ihre Grossmutter denkt, sieht sie diese als Gärtnerin vor sich.

Immer mehr längst verblasste und verdängte Erinnerungen und auch Familiengeheimnisse kommen an die Oberfläche - ausgelöst durch den Ort, durch Gerüche aus der Kindheit und nicht zuletzt durch Begegnungen mit Dorfbewohnern. Dazu gehören Erinnerungen an schöne Sommerferien und an ein tragisches Ereignis, das die ganze Familie für immer geprägt hat und noch heute Schatten auf die Lebenswege der Hinterbliebenen wirft. Und da ist der ebenfalls erwachsen gewordene Max, der jüngere Bruder einer früheren Freundin, den Iris als kleines Mädchen gar nie richtig wahrgenommen hat. Wie soll Iris sich entscheiden? Soll sie das geerbte Haus behalten oder sich definitv von der Vergangenheit und allen Erinnerungen trennen?

Ein traurig-schöner Roman über das Schicksal der Frauen aus der Familie Lünschen, über das Erinnern und Vergessen, über Unverzeihliches und den Einfluss auf vor langer Zeit getroffene Entscheidungen auf das weitere Leben. Besonders ansprechend ist das Titelbild des Buches: Apfelblüten und aufgeschnittene Äpfel, die als Metapher für das Leben und die Entwicklung von Iris‘ Leben gesehen werden können.



Katharina Hagena: 
Der Geschmack von Apfelkernen 
Verlag Kiepenheuer und Witsch, 2011

15. Januar 2014

Sylvia Lott: Die Rose von Darjeeling

Die sogenannte „Rose von Darjeeling“, ein Rhododendron mit duftenden roten Blüten, ist ein richtiges Prachtstück. Doch wenn seine Besitzerin, die sonst überaus grosszügige Kathryn, um Samen oder Ableger gebeten wird, vertröstet sie die Interessenten stets auf einen späteren Zeitpunkt, der nie eintrifft. Experten und Rhododendron-Sammler rätseln immer wieder, um welche Sorte es sich handelt und woher sie wohl stammt. Dies ist ebenfalls eine Frage, auf welche die Besitzerin die Antwort schuldig bleibt. Die Engländerin verbringt während der Blütezeit ihres Lieblings-Rhododendron möglichst viel Zeit auf dem Sessel direkt daneben. Dabei lässt sie ihre Gedanken immer wieder in die Vergangenheit schweifen.

Im April 1930 erwartet die damals neunzehnjährige Kathryn im Teegarten „Geestra Valley“ ungeduldig zwei Deutsche, die auf der Durchreise zu einer Forschungsexpedition ins nahe Sikkim auf der Teeplantage ihres Vaters einen Halt einlegen wollen. Ihr Vater ist der verwitwete britische Teepflanzer Aldous Whitewater, der seit längerem wegen der Weltwirtschaftskrise mit finanziellen Sorgen und gleichzeitig gegen die Angst vor der ungewissen Zukunft kämpft, weil Indien die Unabhängigkeit von der britischen Kolonialmacht anstrebt.

Kathryn hat die Aufgabe, den beiden jungen Deutschen die Gegend zu zeigen. Carl Jonas ist auf der Suche nach Rhododendron, die er für die Zucht und Vermehrung in der heimischen Baumschule verwenden kann. Die bevorzugten Suchobjekte, respektive die Züchtungen daraus, sollen winterhart, blühfreudig, kleinwüchsig und möglichst duftend sein und sie müssen dank attraktiver Wuchsform, spezieller Rinde oder schönen Blättern auch ausserhalb der Blütezeit einen Blickfang darstellen. Carls bester Freund Gustav ter Fehn stammt aus einer Familie, die seit Generationen im Teehandelt tätig ist und verfolgt mit der Asien-Reise den Zweck, neue Handelsbeziehungen aufzubauen. Die beiden Flachländer haben sich gründlich auf die Expedition vorbereitet. Denn da die Blütezeit einiger Wildarten in niedrigen Lagen schon vorbei ist, ist die Gegend um den Zemu-Gletscher am Fuss der höchsten Gebirge der Welt der angestrebte ehrgeizige Zielort.

Als die beiden jungen Männer bereits Richtung Sikkim aufgebrochen sind, erfährt Kathryn zufällig, dass ihr gerade abwesender Vater seit Jahren eine nepalesische Geliebte hat. Die junge Frau fühlt sich verraten, weil sie selber nach dem frühen Tod der Mutter jahrelang von einem Internat ins andere geschoben wurde. Gleichzeitig mit der aufwühlenden Entdeckung spielt ihr der Zufall ein Visum für die Einreise nach Sikkim in die Hände. Ohne einen Gedanken an Schicklichkeit und einen etwaigen Skandal zu verschwenden, packt Kathryn das Nötigste und reitet der Forschungsgruppe hinterher.

Kathryns Plan sieht vor, die Teilnehmer der Expedition nach Grenzübertritt zu überraschen und sich diesen anzuschliessen. Ihre Idee löst keinen freundlichen Empfang, sondern grosse Verärgerung aus. Doch schliesslich kann die junge Britin die beiden Deutschen überzeugen, sie mitzunehmen. Schon in Darjeeling haben beide Männer Gefallen an Kathryn gefunden.

Die stellenweise überaus gefährliche Reise wartet in der Folge nicht nur mit Balanceakten über riesigen Abgründen auf, sondern auch solchen in den zwischenmenschlichen Beziehungen zwischen den drei jungen Leuten. Die bei Himalayavölkern anscheinend übliche Vielmännerei ist für die Europäer keine Option. Indessen sind drei einer zuviel und die schöne Kameradschaft zwischen den Ammerländern kriegt erste Risse. Zusätzlich wird die zu Melancholie neigende Kathryn in ein Unglück verwickelt, das verdrängte Erinnerungen an den Tod ihrer Mutter und ihres kleines Bruders an die Oberfläche spült. Für welchen der beiden um sie werbenden Deutschen soll sich die verwirrte junge Frau entscheiden? Wie soll sie die Weichen für ihre Zukunft richtig stellen?

Die Auslobung eines grosszügigen Preisgeldes für die erfolgreichste Nachzüchtung eines verloren geglaubten Rhododendrons führt durch einen zweiten Erzählstrang in die Gegenwart. Hier wird das Rätsel um die Verbindungen zwischen den Nachkommen von Kathryn, Carl und Gustav schliesslich aufgelöst und langjährige Familienfehden, deren Ursprung keiner mehr kennt, endlich begraben.

Dieser Roman zählt zu den beeindruckendsten Büchern, die ich letztes Jahr gelesen habe. Die Autorin hat in die über sechshundert Seiten völlig verschiedene Elemente gepackt und zu einer stimmigen und gut durchdachten Erzählung geschnürt: authentische Charaktere, Liebesgeschichten, Weltgeschichte, Teehandel, etwas Übersinnliches (ganz wenig), ein Verbrechen und nicht zuletzt für Gartenfreunde besonders erwähnenswert die detaillierten Schilderungen über die Pflanzenjagd nach Rhododendren, die Züchtung samt geschichtlichen Informationen und den Baumschulbetrieb. Die Geschichte lässt einen auch nach der Lektüre nicht gleich wieder los – Kopfkino vom feinsten! Neugierig wäre ich einzig auf Informationen zur persönlichen Verbindung der Autorin zu Rhododendren.



Sylvia Lott: 
Die Rose von Darjeeling 
Blanvalet, 2013 


Nachtrag aufgrund eines Hinweises der Autorin: die vermissten Informationen finden sich hier.

10. Januar 2014

Schweiz. Gesellschaft für Gartenkultur (Hrsg.): Gartenbiografien – Orte erzählen (Topiaria Helvetica 2014)

Das aktuelle Jahrbuch der Schweizerischen Gesellschaft für Gartenkultur (SGGK) blättert in Gärten wie in Büchern – zurück zu den Anfängen der jeweiligen Anlage, in Umgestaltungen und wirft einen Blick in die Zukunft, die zuweilen mutige Entscheidungen verlangt. Etwa wenn eigene Ideen vom Erfolg überholt werden und durch grosse Nachfrage sowie andere Einflüsse natürliche Ersatzmaterialien immer teurer werden. So passiert in der französischen Prieuré d’Orsan, deren Konzept in der SGGK-Vitrine erläutert wird. Im zweiten Artikel der gleichen Rubrik wird die Geschichte des botanischen Alpengartens Schynige Platte zusammengefasst – von den ersten Ideen und Versuchen über die Gründung eines Trägervereins, der Eröffnung im Jahr 1929 und Erweiterungen bis zu den Zielen der heutigen Anlage.

„Vom bescheidenen Pflänzchen zum eleganten Formschnitt“ heisst der erste Artikel und bezieht sich auf das 30-Jahr-Jubiläum der SGGK und die Entwicklung vom ersten Mitteilungsblatt bis zur vierten (aktuellen) Serie als Topiaria Helvetica ab 2009. Thomas Freivogel blickt zurück und er regt an, frühere Rubriken wie die Samenofferte wieder einzuführen, während Brigitt Sigel unter dem Titel „In den Archiven graben und in der Erde wühlen“ die Aufbauarbeit der langjährigen SGGK-Präsidentin Eeva Ruoff mit Fokus auf die wichtige Verbindung von Gesellschaft und Mitgliedern in Form einer Zeitschrift würdigt.

Auf einer Schifffahrt von Zürich nach Rapperswil zieht in Horgen ein beeindruckendes Gebäude mit altem Baumbestand die Aufmerksamkeit auf sich. Roland Raderschall schildert in seinem Artikel die zum Anwesen gehörende Gartenbiografie, in der von einem Gartenkunstwerk und geschmiedeten floralen Meisterwerken die Rede ist. Von letzterem sind nur noch ein Nebentor und ein kurzes Zaunstück am Originalstandort vorhanden. Beide wurden 2004 in ein Umgestaltungsprojekt integriert und sind zusammen mit dem (fast) weissen Garten ein guter Grund, bei einer nächsten Schiffreise in Horgen von Bord zu gehen.

Der Immunologe und Nobelpreisträger Rolf Zinkernagel zeigt sich in einem Gespräch von seiner privaten Seite als praktischer Gärtner. Er erzählt von seinem in einem Kälteloch liegenden Zier- und Nutzgarten, in dem er eine stattliche Sammlung von bevorzugt blauen Stauden zusammengetragen hat. Diese hat zumeist selber herangezogen, damit sie dem kalten Kleinklima gewachsen sind. Wenn er beruflich unterwegs ist, hat er oft Gelegenheit sich mit anderen Gärtnern über die gemeinsame Passion auszutauschen und botanische Gärten zu besuchen.

Die Künstlerfamilie Dix, die in der dreissiger Jahren des letzten Jahrhunderts aus politischen Gründen nach Hemmenhofen am Bodensee ziehen musste, auferlegte sich in ihrem Garten keinerlei Beschränkung, sondern erfreute sich einer fröhlichen Mischung aus unterschiedlichen in vielen Farben blühenden Pflanzen. Den finanziellen Möglichkeiten entsprechend wurde entweder mehr Gemüse oder mehr Blumen angepflanzt. Johannes Stoffler berichtet in seinem Artikel über das Leben der Familie im und um den Garten, den altersbedingt einsetzenden Verfall, das Engagement eines Fördervereins und die kürzliche denkmalgerechte Wiederinstandsetzung von Haus und Garten.

Unter dem Jahresthema „Gartenbiografien“ finden sich neben den bereits erwähnten Themen die folgenden Artikel:
  • Die Gabe des Vertumnus oder : Von der Lust am Wandel im Garten von Brigitt Sigel 
  • Was historische Gärten zu erzählen haben von Wenzel Bratner 
  • La Gara: un jardin en mouvement von Verena Best-Mast 
  • Der Belvoirpark in Zürich – Chronik des Wandels von Judith Rohrer-Amberg 
  • Le jardin du manoir de Weck à Villars-sur-Marly von Catherine Waeber 
Zwei dieser Beiträge sind in französischer Sprache verfasst und nur eine kurze Zusammenfassung auf Deutsch, während es bei den übrigen Artikeln umgekehrt ist.

Den Abschluss der Publikation bilden wie üblich ausgewählte Buchvorstellungen. Reszensiert werden unter anderem die Titel „Äpfel und Birnen“ Das Gesamtwerk von Kombinian Aigner und „Kunst – Garten – Kultur“ herausgegeben von Stefanie Hennecke und Gert Gröning.

Am Ende dieser Vorstellung über ein anregendes Jahrbuch zitiere ich aus dem Résumé des Artikels „La Gara“, in dem die Verfasserin festhält, "dass sie ihre Gärten nicht als Eigentümer planen will, sondern als Treuhänderin eines Ortes handelt, der sein eigenes Leben hat". Diese Aussage lässt sich hervorragend als Leitmotiv übernehmen. Gärtner und Gestalter sind dazu aufgerufen, sich den Herausforderungen des ständigen Wandels zu stellen, so dass dem Garten oder eben dem Buch weitere Seiten angefügt werden können.  



Schweiz. Gesellschaft für Gartenkultur SGGK (Hrsg.): 
Topiaria Helvetica 2014 – Gartenbiografien – Orte erzählen 
Vdf Hochschulverlag, 2014